Zentralredaktionen: Ein Hauch von DDR?

Bei der Frankfurter Rundschau wird noch um die Zukunft verhandelt. Die Berliner Zeitung bietet "Turbo-Abfindungen". Bei der FTD gehen am 7. Dezember die Lichter aus. Die WAZ-Gruppe spart bei ihren Zeitungen in NRW noch einmal rund 20 Prozent. Was haben diese Zeitungen gemeinsam? Sie alle haben in den vergangenen Jahren Gemeinschaftsredaktionen aufgebaut, die gleich mehrere Titel produzieren. Nun liegt der Verdacht nahe, dass diese Multi-Titel-Redaktionen der Grund allen Übels sind. Stimmt das?

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Bei der Frankfurter Rundschau wird noch um die Zukunft verhandelt. Die Berliner Zeitung bietet "Turbo-Abfindungen". Bei der FTD gehen am 7. Dezember die Lichter aus. Die WAZ-Gruppe spart bei ihren Zeitungen in NRW noch einmal rund 20 Prozent. Was haben diese Zeitungen gemeinsam? Sie alle haben in den vergangenen Jahren Gemeinschaftsredaktionen aufgebaut, die gleich mehrere Titel produzieren. Nun liegt der Verdacht nahe, dass diese Multi-Titel-Redaktionen der Grund allen Übels sind. Stimmt das?

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte am Freitag einen Beitrag auf der Medienseite mit der Überschrift "Gemeinsam sind wir schwach". Dort sind mehrere Zitate von Redakteuren zu lesen, die beschreiben, wie wenig effizient solche Gemeinschaftsredaktionen in der Praxis sind. Zu viele Reibungsverluste, zu viel Bürokratie, zu wenig Leute für zu viele Titel, zählen die Autoren des Beitrags auf, und kommen zu dem Ergebnis: "Das Profil zu verlieren, ist das Schlimmste, was einer Zeitungsmarke passieren kann."

In dieselbe Kerbe haute zuvor bereits die WirtschaftsWoche in einem Report über die Zeitungsbranche. Dort kritisierte Zeitungsforscher Horst Röper, viele Zeitungsmarken seien nur noch "Fassaden", und Mediaplaner Christof Baron empfiehlt Verlagen, in die "Einzigartigkeit ihrer Produkte" zu investieren. Das Fazit des Wiwo-Artikels: Gemeinschaftsredaktionen führen in eine "Sackgasse". Am Donnerstag leitartikelte Handelsblatt-Chef Gabor Steingart, der Leser einer Zeitung "möchte nicht mit den Lesern anderer Blätter zu einer Abspielstation verschmolzen werden. Schon das Wort Zentralredaktion riecht nach DDR."

Wiwo und Handelsblatt gehören zu Dieter von Holtzbrincks Verlag DvH Medien, wo Chefs wie Steingart und Roland Tichy dafür sorgen, dass eine Zusammenlegung der Redaktionen erst gar nicht auf die Tagesordnung kommt. Insofern sind solche Kommentare in Artikeln ihrer Blätter auch strategische Aussagen an das eigene Team und Management: Mit uns nicht! Diese Chance hatten viele Mitarbeiter etwa von der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung nicht, die in einer aufwändigen Aktion eine gemeinsame Mantelredaktion bildeten und nun voraussichtlich wieder auseinandergedröselt werden müssen. Oder die Redakteure der WAZ-Zeitungen, die sich in einer Zentralredaktion in Essen wiederfanden.

Die These nun aber, die da besagt, die Gemeinschaftsredaktion sei die Wurzel allen Übels, ist etwas kurz gesprungen. Ja: Medien brauchen Identität, brauchen eine feste Struktur und brauchen Mitarbeiter, die auf der Wellenlänge "ihres" Titels denken, arbeiten und senden. Das ist der Idealzustand. In dem Augenblick, wo gleich mehrere Titel mit unterschiedlichen Ansätzen, Ansprachen und Zielgruppen zu versorgen sind, wird es kompliziert. Sind aber beispielsweise die Titel der G+J Wirtschaftspresse tatsächlich schlechter geworden durch die Gemeinschaftsredaktion? Auch wenn diese Frage letztlich nicht empirisch belegt werden kann, sage ich: Nein! Beispielsweise Impulse wurde lesbarer und frischer. Dafür sorgten vor allem Autoren, die das Blatt vorher vermutlich noch nicht einmal lasen. Beispiel Business Punk: Das Magazin konnte nur existieren, weil es in dem neuen Redaktionskonstrukt möglich war.

Wurde mit der Gemeinschaftsredaktion alles besser? Natürlich nicht. Personell war alles auf Kante genäht, die von der SZ zitierten Reibungsverluste gab es ebenso wie Abstimmungsdebatten, die vor der Zusammenlegung erst gar nicht aufgekommen wären. Gemeinschaftsredaktionen sind immer nur die zweitbeste Lösung. Das lässt sich ebenfalls an einer der ältesten Gemeinschaftsredaktion erkennen, die die Springer-Titel Welt, Welt am Sonntag, Welt kompakt und Berliner Morgenpost umfasst; bald schlüpft auch das Hamburger Abendblatt unter dieses Dach. 2002 wurden mit dem "Projekt Alpha" Welt und Morgenpost vereint. Sind sie in dieser Zeit besser oder schlechter geworden? Zumindest die Welt sieht an manchen Tagen in der Woche arg dünn aus – inhaltlich kann die Zeitung nicht mehr mit FAZ und Süddeutscher konkurrieren. Aber: Beide Blätter gibt es noch. Die Morgenpost hätte es vielleicht auch ohne die Welt geschafft, weiter am Markt zu bestehen. Umgekehrt ist das nicht der Fall.

Also sind Gemeinschaftsredaktionen in der angespannten Lage der Printpresse so etwas wie Rettungsanker. Alle genannten Titel steckten schon vor der Zusammenlegung der Redaktionen knietief im Schlamassel. Die FR war bereits stehend KO, und das seit Jahren. Die FTD wäre ohne den Rettungsplan vermutlich bereits 2008 eingestellt worden. Wird nach der FTD nun auch die FR eingestellt, geschieht das sicher nicht, weil beide Zeitungen Gemeinschaftsredaktionen aufgebaut hatten. Die Ursachen der prekären Lage in diesem Jahr sind vor allem auf dem Anzeigenmarkt zu suchen: Die Verlage haben schlicht und einfach mit Anzeigenerlösen kalkuliert, die nicht haltbar waren. 

Wenig zielführend wäre es, nun in jedem Verlag schon mal pro forma Gemeinschaftsredaktionen einzuführen oder, auch beliebt, "Super-Chefredakteure" zu installieren, die zwischen verschiedenen Titeln hin- und herspringen. Genau das geschieht aber bedauerlicherweise in vielen Verlagen. Bei Gruner + Jahr ist Stephan Schäfer nicht nur Verlagsgeschäftsführer, sondern hat auch bei zwei Titeln den Chefredakteurs-Hut auf. Bei Bauer gibt es das Konstrukt des Multi-Chefredakteurs schon länger. Und auch bei Zeitungen setzt sich Multitasking durch. Siehe als nur ein Beispiel eine Meldung vom 23. November, dass bei der Mediengruppe Oberfranken nun ein Chefredakteur für fünf Titel verantwortlich ist. Dies geschieht überall im Namen der "Optimierung" und des Hebens von "Synergien". Ist das journalistisch sinnvoll? Nein. Führen diese Maßnahmen schnurstracks in den Abgrund? Nochmal nein.    

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