“Man wollte die FTD schnell dicht machen”

Publishing Michael Maier war mal Chefredakteur der Berliner Zeitung und kurzzeitig Stern-Chefredakteur, später hat er die Netzeitung in Deutschland aufgebaut. Mittlerweile betreibt er als Internet-Verleger mit seiner Firma Blogform Social Media diverse Websites wie “Readers Edition”, “Deutsch Türkische Nachrichten” oder “Deutsche Wirtschafts Nachrichten”. MEEDIA sprach mit Maier anlässlich der Einstellung der Financial Times Deutschland über die Zeitungskrise in Deutschland und die Digitalisierung.

Werbeanzeige

In den von Ihnen herausgegebenen Deutschen Wirtschafts Nachrichten heißt es in einem Analyse-Stück, "über eine intelligente Fortführung des Titels war offenbar nicht ernsthaft nachgedacht worden". Wie hätte Ihrer Meinung nach eine intelligente Fortführung der FTD aussehen können?

Michael Maier: Das weiß ich nicht. Ich hatte nur den Eindruck, dass man die FTD möglichst schnell dicht machen will, weil die Verluste offenbar so hoch sind. Wenn ich dann lese, dass ein neuer Vorstand angeblich die „Grausamkeiten“ am Anfang seiner Tätigkeit durchführen will, dann frage ich mich: Wäre es nicht die erste Aufgabe des Vorstands zu überlegen – und sei es auch unter Zeitdruck: Erfordert nicht gerade die Wirtschaftskrise richtig guten Wirtschaftsjournalismus? Und wenn ja, wie kann ich das so bewerkstelligen, dass es sich auch rechnet?

Immer wieder war die Rede davon, dass die FTD in mehreren Schritten zu einem reinen Digital-Medium umgewandelt werden sollte – hätte das Sinn ergeben?

Einer der Grundfehler der Verlage ist: Sie glauben, dass Digitalisierung bedeutet, die Print-Ausgabe auf das iPad zu bringen. Darum geht es nicht: Digitalisierung heißt, den völlig veränderten Nachrichtenstrom im Internet richtig zu verstehen und sich darin in eine Position zu begeben, die kein anderer hat. Lauwarme Inhalte, die alle anderen auch haben und die nichts anderes sind als die Paraphrase des ewig gleichen Inhalts, braucht kein Mensch – gedruckt nicht und auch nicht auf dem iPad. Wirtschaftsjournalismus muss in den Zeiten einer fundamentalen Krise erst recht ganz anders gemacht werden: Angriffig, kompetent und dennoch verständlich, muss Zusammenhänge aufzeigen. Artikel, die nur für die Pressestellen der Unternehmen geschrieben werden, haben einen natürlich begrenzten Markt. Wirtschaftsjournalisten müssen sich im Besonderen freimachen von Klischees und Phrasen, damit die Leser nicht schon bei zweiten Absatz aussteigen.

Welchen Anteil am Aus der FTD spielten Management-Fehler, welchen Anteil hatte die Zeitungskrise?

Die Zeitungskrise ist per se eine Management- und eine Eigentümer-Krise: Die Frage ist, wie viel Journalismus wollen Verlage heute noch bieten? Viele Verlage investieren in E-Commerce, in Games, in Musik, ins Kochen, Reisen oder Dating. Alles gut und schön – aber mit Journalismus hat das immer weniger zu tun. Daher werden die Journalisten auch langsam eine Minderheit in den Verlagshäusern. Entscheidungen treffen Business Developer, Marktforscher und Manager, die von Journalismus nichts verstehen. Wenn es diese dann noch mit Journalisten zu tun haben, die sich auch den zeitgenössischen Formen ihrer Branche schwer tun, denn kommt es eben öfters mal zu einem Unglück. Wenn dann, wie im Fall der FTD überhaupt keine Krisen-Antizipation stattfindet und man mit 320 Leuten oder vielleicht sogar noch mehr einfach weitermacht – dann ist der Crash eigentlich vorhersehbar.

Gibt es die Zeitungskrise überhaupt?

Natürlich gibt es die. Die jungen Leute und auch die alten Leute beziehen ihre Inhalte heute anders. Jeder Leser ist eigentlich ein Aggregator, der aufsaugt, was er findet – wenn es ihn interessiert. Die Zeitungskrise kommt daher, dass die Leute keinen massiven Aufguss von dpa-Meldungen, PR-Artikeln und gefälliger Lokal-Folklore lesen wollen. Auch im Lokalen wollen die Leute ordentlich informiert werden – die Geselligkeit holen sie sich gerade im Lokalen auf Facebook. Die Zeitungskrise kommt daher, dass die Zeitungen ihre Perlen – die es immer noch gibt, wunderbare Stücke zu vielen Themen – in einem Wattebausch der vermeintlichen Gefälligkeit verstecken. Die Zeitungskrise ist zuerst eine Inhalte-Krise, und dann erst eine Anzeigenkrise. Das hat Google genutzt, und nun kommt das ganze klassische Geschäftsmodell ins Wanken.

Sehen Sie Parallelen zwischen dem Aus der FTD und der Pleite der Frankfurter Rundschau?

In beiden Fällen habe ich, aus der Ferne besehen, kein sehr glücklich agierendes Management wahrgenommen.

Hat das Scheitern der FTD bewiesen, dass die Neugründung einer Tageszeitung heute unmöglich ist?

Naja, mit den kolportierten 250 Millionen müsste man eigentlich schon eine Zeitung erfolgreich gründen können …

Welche Faktoren entscheiden heutzutage über Erfolg oder Misserfolg einer Medien-Neugründung?

Der entscheidende Faktor ist: Habe ich etwas zu sagen? Und gibt es genug Menschen, die das auch hören wollen? Oder gibt es schon genug andere Anbieter, die das leisten. Heute kann man Medien nicht mehr wie früher gründen, wo Verlage gesagt haben: Hier ist eine geographische Nische, jetzt muss ich nur noch schauen, wie ich die weißen Flecken zwischen den Anzeigen fülle und der Erfolg ist da.

Sehen Sie ein deutsches Print-Medium, das die Transformation hin zum digitalen Zeitalter gut meistert?

Was ich sehe: Dass sich die Öffentlich-Rechtlichen mit Steuergeldern im Internet so massiv ausbreiten, dass es den deutschen Print-Medien praktisch unmöglich ist, eine Rolle zu spielen. Hier haben wir ein verheerendes Versagen der Ordnungspolitik – und es spricht gegen die Verleger, dass sie diese Gefahr nicht rechtzeitig erkannt und mit aller Macht bekämpft haben. Es wäre besser, die Verlage würden darauf verzichten, sich bei Bambi und Goldener Kamera einmal im Jahr im Glanz der Scheinwerfer zu sonnen – und statt dessen alles tun, um eine Verstaatlichung der Information im Internet zu verhindern. Ich fürchte jedoch, dass die Verleger diesen Kampf verloren haben.

In der aktuellen Zeit schreibt Giovanni di Lorenzo, dass Print-Medien und Online-Medien fundamental anders "ticken". Sehen Sie das auch so?

Ich habe nicht gelesen, was er geschrieben hat – vielleicht weil wir fundamental anders ticken?

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige