G+J: FTD-Einstellung kostet 320 Arbeitsplätze

Publishing Das Aus für die Financial Times Deutschland ist offenbar besiegelt: Wie mehrere Medien berichten, hat der Aufsichtsrat von Gruner + Jahr auf Empfehlung des Vorstands beschlossen, das hochdefizitäre Wirtschaftsblatt vom Markt zu nehmen. Laut FAZ streicht der Verlag in diesem Zuge 320 der insgesamt 350 Planstellen bei den Wirtschaftsmedien. Die Kündigungen sollen mit Wirkung zu Ende Januar ausgesprochen werden, für den Sozialplan seien rund 40 Millionen Euro an Abfindungen veranschlagt.

Werbeanzeige

Wie die FAZ weiter berichtet, solle die FTD nur noch bis zum 7. Dezember erscheinen. Bis dahin wolle der Verlag versuchen, einen Käufer für die knapp 42.000 Adressen umfassende Abonnentenkartei zu finden. Die Wirtschaftswoche indes schreibt auf ihrer Website, dass die Zeitung voraussichtlich erst im kommenden Januar letztmalig erhältlich sein werde und beruft sich dabei auf "Unternehmenskreise".
Zudem entschied sich der Aufsichtsrat dem Vernehmen nach ebenfalls dafür, die Zeitschriften Börse Online und Impulse zu verkaufen. Der Traditionstitel Capital hingegen soll weitergeführt werden, und zwar mit einer kleineren Mannschaft in Berlin. Der Mediendienst Horizont berichtet zudem, dass neben den 320 Stellen direkt bei den Wirtschaftsmedien im Verlag längerfristig 100 weitere Jobs in Gefahr seien. Dabei handele es sich um Mitarbeiter in den Bereichen Sales, Marketing und weiteren Units, die direkt für die Wirtschaftsmedien tätig sind.
Die Zustimmung des Aufsichtsrats des Mehrheitsgesellschafters Bertelsmann, die formal für die Wirksamkeit der Maßnahmen erforderlich ist, gilt als sicher – Bertelsmann-Vorstandschef Thomas Rabe ist zugleich Aufsichtsratschef von Gruner + Jahr.
Claus Schrack, Konzernsprecher G+J, kommentierte die Berichterstattung der Wirtschaftswoche am Abend gegenüber der Deutschen Presse Agentur wie folgt: "Richtig ist, dass der G+J-Aufsichtsrat heute den G+J-Vorstand in seiner Aufsichtsratssitzung ermächtigt hat, einen Verkauf, Teilschließung oder Schließung der G+J-Wirtschaftsmedien vorzunehmen. Es laufen aktuell letzte Gespräche zu einem potentiellen Verkauf der FTD, ein endgültiger Beschluss des Vorstandes ist damit noch nicht gefasst."
Übrigens: Auch Gabor Steingart, Chefredakteur des FTD-Rivalen Handelsblatt, kommentiert die Einstellung der Financial Times Deutschland (eine Maßnahme, die er vor einiger Zeit dem Verlagshaus Gruner + Jahr öffentlich empfohlen hatte) in der morgigen Ausgabe seiner Zeitung – und findet dabei versöhnliche Worte. Er schreibt u.a.:
"Karl Marx, der nicht nur Kommunist, sondern auch Chefredakteur war, wollte uns weismachen: ‚Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein.‘ Das war von all seinen Irrtümern der vielleicht fatalste. Denn Journalismus, der Wirtschaftsjournalismus zumal, muss sich auch rechnen. In einem Meer roter Zahlen geht auch die tapferste Redaktion der Welt baden – und in Hamburg ist man tapfer, ideenreich und fleißig bis zum heutigen Tage. (…) Unterm Strich bleibt die doppelte Erkenntnis: Die Zeitung ist in Schwierigkeiten, aber sie ist nicht tot, sie ist auch nicht totzukriegen. Die Sehnsucht nach Verstehen und Verändern ist so unstillbar wie die Sehnsucht nach dem Leben selbst. Deshalb ist heute ein Tag der Anteilnahme mit den Hunderten ehrbarer und so leidenschaftlich kämpfender Kollegen in Hamburg und anderswo. Aber zur Verzagtheit besteht kein Grund. Der Pessimist sagt: Die Zeitung leidet. Der Optimist erwidert: Das stimmt, aber dieses Leiden beweist ja nur: Die Zeitung lebt."

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige