“Gegenteil des Medien-Alarmismus”

Publishing Im Radio und im Fernsehen erklärt dieser Tage Prof. Stephan Weichert gerade in knappen Sätzen die Hintergründe für die aktuelle Zeitungskrise. Für längere Analysen startete der Hamburger das Medienportal Vocer. Dort soll es eine "entschleunigtere und unabhängigere Medienpublizistik geben", die "in dieser fiebrigen Branche, in diesem Haifischbecken der Medienkritik, eine Lücke für eine Stimme gibt, die mit mehr Gelassenheit und Tiefgang über Medienthemen berichtet". Dies gelingt seit einem Jahr mit zunehmenden Erfolg.

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Warum braucht es in Zeiten der Medienkrise ausgerechnet ein Debattenportal wie Vocer?
Die Zeitungskrise zeigt, dass wir in dieser moralinsauren Debatte auch gute Leute brauchen, die mit Sachverstand und kühlem Gemüt auf die aktuellen Entwicklungen blicken und – was noch viel wichtiger ist – die den digitalen Medienwandel als Chance begreifen. Vocer bietet klugen Köpfen wie Dirk von Gehlen, Jakob Augstein, Stefan Plöchinger oder Wolfgang Blau, aber auch jungen Talenten wie Mark Heywinkel, David Bauer, Julia Friedrichs oder Sabria David deshalb nun schon seit über einem Jahr eine Plattform für Debatten und Meinungen.
In drei Sätzen. Was ist Vocer?
Vocer ist ein Non-Profit-Debattenportal für Medien- und Gesellschaftsthemen. Das erwähne ich deshalb als Erstes, weil die Finanzierungsidee für unseren Denkansatz sehr wichtig ist. Wir werden von Stiftungen und privaten Spendern finanziert, verfolgen dabei einen nicht-kommerziellen Ansatz und können unabhängiger über Medienthemen berichten als andere.
Warum finanzieren Stiftungen das Projekt?
Die sind alle einhellig der Meinung, dass es in Deutschland eine entschleunigtere und unabhängigere Medienpublizistik geben sollte. Wir konnten unsere Förderer von der Idee überzeugen, dass es in dieser fiebrigen Branche, in diesem Haifischbecken der Medienkritik, eine Lücke für eine Stimme gibt, die mit mehr Gelassenheit und Tiefgang über Medienthemen berichtet. Es ist natürlich wichtig, dass es Branchendienste wie MEEDIA und Kress gibt, aber es muss auch Angebote geben, die Analysen liefern. Und diese Lücke versuchen wir zu füllen.
Dafür, dass sie ohne kommerziellen Druck alles schreiben können, sind sie doch immer noch recht zahm.
Finden Sie? Ich meine, dass nicht alles im Netz, was laut und provokant ist, mit substantieller Kritik verwechselt werden darf. Vielen Watchblogs und Portalen, die um die Medienbranche kreisen, geht es doch vor allem darum, mit möglichst vielen krawalligen Thesen aufzufallen – das hat aber oft leider nur wenig mit reflektierter Medienpublizistik zu tun, sondern dient lediglich der Generierung von Aufmerksamkeit. Was wir machen, ist das genaue Gegenteil des Medien-Alarmismus, nämlich ausgeruhte Nachdenkstücke über Medien und die sozialen Folgen des digitalen Wandels, die über das Tagesgeschäft hinaus analytischen Tiefgang und intellektuellen Mehrwert bieten. Natürlich haben wir auch Kolumnisten wie Christoph Lütgert oder den Promi-Medienanwalt Ralf Höcker, die manchmal im Tonfall etwas über die Stränge schlagen – aber diese Texte sind bei uns dann auch klar als Meinungsstücke gekennzeichnet.
Haben Sie ein Problem damit, dass mit jedem Text die jeweiligen Autoren auch immer PR in eigener Sache machen?
Dass unsere Autoren für eine bestimmte Sache oder Meinung einstehen, gehört zum Konzept. Wir definieren uns ja ganz bewusst als Autoren-Plattform, und da lässt natürlich zwangsläufig jeder Autor seinen individuellen Background und seine professionelle Biografie mit in seine Beiträge einfließen – aber genau das macht für mich eine spannende Debatte aus. Abgesehen davon stellen wir längst nicht alles online, was uns angeboten wird. Das heißt es gibt durch unsere Redaktionsleiterin Carolin Neumann und mindestens einen der neun Herausgeber von Vocer immer eine Qualitätsprüfung – auch das unterscheidet uns von so manchen Blogs.
Bezahlen sie ihre Autoren?
Nein – weil wir glauben, dass unsere Idee auch so trägt. Wir sagen unseren Autoren immer von Anfang an, dass wir keine Aufträge nach außen vergeben, die bezahlt werden, sondern dass wir ihnen ein Forum für ihre Analysen und Meinungen geben. Das hat gar nichts mit einer Entwertung der Arbeiten dieser Autoren zu tun, sondern eher mit einer gegenseitigen Wertschätzung von Meinungsfreudigkeit. Zugespitzt gesagt: Ich brauche einer Maybrit Illner oder einem Paul Steiger, dem Chefredakteur von Pro Publica, keine 200 Euro für einen Beitrag zu bezahlen, denn das wäre ohnehin symbolisch im Vergleich zu dem, was ich normalerweise für solche Gastbeiträge bezahlen müsste. Mittelfristig planen wir allerdings, auch Autoren für längere Recherche-Stücke oder Themen-Dossiers für ihren Aufwand zu entlohnen, das wird über spezielle Stipendien und Crowdfunding-Modelle realisiert werden.
Diese bezahlten Recherchen, wo würden diese veröffentlicht werden? Ähnlich wie bei ProPublica auf Partner-Seiten oder nur bei Vocer?
Ich stelle mir das durchaus in Partnerschaft mit anderen Medien vor, so dass man sich eventuell auch die entstehenden Kosten teilt, also so wie ProPublica im kleinen Maßstab.
Die US-Amerikaner suchen sich für komplizierte Recherche-Projekte immer den passenden Partner und veröffentlichen ihre Stücke dann immer doppelt. Auf der Partner-Seite und auf ihrem eigenen Portal.
Genau. Auch wir würden gerne weitere Medien-Kooperationen eingehen. Mit Zeit Online, der Welt, Focus Online und Süddeutsche.de haben wir das modellhaft bereits mehrfach erprobt.
Welche waren das?
Mit Wolfgang Blau und Fabian Mohr haben wir zuletzt eine Videoreihe über die Zukunft des Journalismus gemacht, die bei uns unter dem Titel "Rebooting the News" noch immer läuft. In diesem Syndikationsmodell liefen die Videos gleichzeitig bei Zeit Online und bei Vocer. Mit Focus Online hatten wir zuvor ein Interview-Projekt mit dem Titel "Digitale Mediapolis", aus dem später auch ein Buch hervorgegangen ist. Und mit der SZ bzw. Süddeutsche.de suchten wir unter der redaktionellen Leitung von Hans-Jürgen Jakobs und mir gemeinsam eine Antwort auf die Frage: Wozu noch Journalismus? Dabei haben die Partner jeweils ein Budget zur Verfügung gestellt, und wir haben dann die dazu passenden Autoren eingekauft.
Das sind aber keine klassischen Recherche-Stücke.
Das stimmt, bei diesen Projekten ging es uns eher um die Initiierung aktueller Debatten, da konnten wir bisher inhaltliche Akzente setzen. Für die Zukunft kann ich mir gut vorstellen, dass wir junge und engagierte Journalisten unterstützen, die von uns und den jeweiligen Medienpartnern dann mit einem klaren Recherche-Auftrag und Budget ausgestattet werden.
Wie viele Leser haben sie?
Wir haben Beiträge, die einige tausend Mal geklickt werden, aber auch Stücke, die nur von 50 Nutzern gelesen werden. Wir hatten beispielsweise eine Rede von Julia Friedrichs, die wurde bisher über 6.000 Mal gelesen – das sind sehr gute Werte, das ist aber noch steigerungsfähig.
In welchem Rhythmus stellen sie neue Text online?
Wir orientieren uns am Rhythmus von Magazinen und Wochenzeitungen und versuchen, fünf bis sechs Artikel oder Videos pro Woche, manchmal aber auch mehr Beiträge zu publizieren.
Welche Themen laufen bei Ihnen denn besonders gut?
Auch wenn es unserem Slow-Media-Konzept ein bisschen widerspricht: Je näher wir an einer aktuellen Debatte dran sind, desto höher sind die Besucherzahlen.
Brauchen wir so viele Seiten, die sich gedankenschwer mit der Zukunft des Journalismus beschäftigen oder brauchen wir nicht viel eher noch viel mehr Kollegen, die sagen: Wir krempeln die Ärmel hoch und nehmen die Zukunft selbst in die Hand?
Naja, so viele Medienseiten im Netz gibt es auch wieder nicht, zumal eher wenige, die wie wir ausgeruht berichten. Aber ich verrate Ihnen, dass wir uns bei Vocer in einem ständigen Prozess der Selbstkasteiung befinden, weil wir uns dasselbe auch ständig fragen: Wollen wir nur darüber schlaumeiern, wie es besser funktionieren könnte oder wollen wir selbst handeln? Genau deshalb haben wir gerade das Vocer Innovation Medialab gegründet, das pro Jahr mehrere Stipendien an Nachwuchsjournalisten vergibt. Es geht uns darum, jungen Kollegen einen Schutzraum für journalistischen Experimente zu bieten, die sie bei uns ausprobieren.
Themenwechsel: Was sind die schlimmsten Auswüchse in der aktuellen Medienlandschaft?
Es gibt ja nicht nur negative Auswüchse, aber die Digitalisierung hat den Journalismus zum Teil hoffnungslos beschleunigt. Es bleibt natürlich ein Kriterium für Journalisten, möglichst aktuell und nah am Geschehen zu sein, aber die teils handwerklichen Unsauberkeiten und die teils fragwürdigen Erregungszyklen, die durch die Beschleunigungsspirale unseres Metiers entstehen, beeinträchtigen die Qualität so mancher Online-Angebote doch ganz erheblich. Ein weiterer negativer Effekt, den man langfristig genauer beobachten muss, ist die Verquickung von Journalismus und PR-Interessen, die heute ganz andere, zuweilen viel subtilere Formen annimmt – übrigens auch im Hinblick auf die Vertrustung internationaler Medienkonzerne.
War die Qualität früher teilweise nicht auch schon fragwürdig? Und ist es heute nicht auch noch einfacher, die Fehler zu finden?
Die ewige Verteufelung des Netzes ist ein Fehler. Tatsächlich war Journalismus früher eine Closed-Shop-Veranstaltung, die sich mit einer Einbahnstraßenkommunikation paarte. Die Durchlässigkeit, Transparenz und Interaktion, die durch das Web entstanden sind, haben immense Vorteile für den Journalismus, weil sie insgesamt zur Qualitätssicherung beitragen. Doch dieses Phänomen, dass sich die Journalisten ihren Lesern öffnen sollen, bleibt spannend zu beobachten. Denn ich stelle vielerorts fest, dass einige Kollegen keine Lust darauf haben.
Wird nicht gerade der schnelle Nachrichten-Überblick im Web immer besser und versagen nicht die Tageszeitungen bei ihrer ausgeruhten Berichterstattung?
Das würde ich nicht den Tageszeitungen anlasten. Das könnte auch der Online-Journalismus oder das Fernsehen mitunter noch besser leisten. Ansonsten teile ich diese Beobachtung, weil sich immer alles an der Newsfront ballt. Vor den selbst ausrecherchierten Themen scheinen sich immer mehr Journalisten zu drücken – sei es aus Mangel an Zeit, Kompetenz oder Geld. Denn viele Medienunternehmen wollen immer seltener Ressourcen dafür bereitstellen. Damit die Tageszeitung wieder erfolgreicher wird, müsste genau diese Bereitschaft steigen. Und genau hierin liegt auch eine große Herausforderung für den Lokaljournalismus: Die Lokal- und Regionalzeitung müssen nicht noch einmal die Tagesschau vom Vorabend abdrucken. Sie können, anders als viele andere Medien, ganz nah am Leser dran sein und in die Tiefe gehen.
Gibt es denn schon jemand, der es ihrer Meinung nach guten Lokal-Journalismus macht?
Das Problem ist ja immer, dass man nur zwei oder drei Lokalzeitungen wirklich gut kennt. Ich finde, dass die Rheinzeitung oder der Trierische Volksfreund beide keinen schlechten Job machen. Durch eine halbwegs innovative Online-Präsenz haben beide Zeitungen etwas den Druck rausgenommen, die dpa-Meldungen vom Vortag abzudrucken. Auch beim Hamburger Abendblatt findet gerade eine interessante Neuöffnung zum Leser statt. Diese drei machen weitgehend vieles richtig, was die Frankfurter Rundschau falsch gemacht hat.

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