Die Krokodilstränen für FTD und FR

Publishing Es war zu befürchten: Das drohende Ableben zweier namhafter überregionaler Zeitungen, Financial Times Deutschland und Frankfurter Rundschau, ist für die Rest-Branche Anlass, sich mit Wollust in Untergangsszenarien zu suhlen. Thesen zur “Zukunft des Journalismus” haben Hoch-Konjunktur. Die Zeit widmet dem Thema diese Woche sogar ihren Titel. Den Vogel schießt aber das Handelsblatt ab - mit skurriler Trauer-Optik und geradezu obsessiver Berichterstattung über die einstige Konkurrenz.

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Schmerzhafter Abschied” steht als Top-Aufmacher bei Handelsblatt.com ganz oben auf der Website. Für die Wirtschaftsjournalisten aus Düsseldorf ist die nahende Einstellung ihres einzigen deutschen Konkurrenzblattes die wichtigste Wirtschaftsnachricht des Tages. Mindestens gewöhnungsbedürftig ist die Optik-Idee dazu: eine unbekannte Schöne ganz in Schwarz mit einer Art Schleier im Haar und drei langstieligen roten Rosen vor einem Hintergrund aus FTD-Farben.

Hier wird die letzte Gelegenheit genutzt, sich an der Konkurrenz aus Hamburg abzuarbeiten. Immerhin war es Handelsblatt-Chef Gabor Steingart, der schon 2010 lautstark die Einstellung der FTD forderte und ihr die Existenzberechtigung absprach. Auch später keulte Steingart verbal immer mal gerne gegen die andere Wirtschaftszeitung. Zuletzt machte er FTD-Abonnenten das Angebot, gratis für 100 Tage das Handelsblatt als Alternative beziehen zu können. Jetzt hat er auf Trauer-Modus umgestellt. Da kommt einem das Wort von der Krokodilsträne in den Sinn …

Aus einer Position der Stärke heraus, widmet sich auch die Zeit dem Thema. Das Over-theTop-Print-Qualitäts-Produkt aus Hamburg packt einen lustigen Hund aufs Cover (Tiere gehen immer) und widmet sich auf vielen, vielen Seiten der grassierenden Journalisten-Depression. Eine große Analyse, eine Umfrage unter den “wichtigsten Medienmachern Deutschlands”, ein Interview mit VDZ-Geschäftsführer Stephan Scherzer (“Das richtige Geschäftsmodell zu finden ist ein Prozess nach dem Muster ‘Versuch und Irrtum’.”), natürlich Thesen und ein Leitartikel von Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der die Selbstdemontage der Zeitungsbranche anprangert, obwohl er diese mit der aktuellen Ausgabe selbst auch befeuert. Dass sich in die umfassende Branchen-Befindlichkeits-Diagnose des stets ultrahart recherchierenden Qualitätsblattes Zeit an der einen oder anderen Stelle dann doch kleine, lässliche Fehler eingeschlichen haben (sie haben den Namen von Bild-Chef Kai Diekmann falsch geschrieben und die zweimonatliche Landlust flugs auf monatliche Erscheinungsweise umgestellt), erscheint da schon fast wieder sympathisch menschlich.

Auch die übrige Presse in Deutschland lässt das Ableben der FTD und die Pleite der Frankfurter Rundschau nicht kalt. Kaum ein, Ex-Chefredakteur, der sich nicht ausführlich dazu äußert, wie es früher war, warum früher alles besser war, warum es so nicht klappen konnte, warum alles furchtbar traurig ist usw. Die Zelebrierung des Untergangs hat ein Ausmaß angenommen, das sich Medien bei der Betrachtung von Pleiten in anderen Branchen niemals erlauben würden. Geht ein Autobauer oder ein Bauunternehmen pleite, ist es eine Marktbereinigung. Verschwindet eine Zeitung, droht mindestens der Untergang des Abendlandes.

Ex-FTD-Chef Wolfgang Münchau hat bei Spiegel Online das Ende des bedruckten Papiers heraufbeschworen und ganz am Ende der Hack-Ordnung hat sogar “die letzte FTD-Praktikantin” ihre Erfahrungen, nein, natürlich nicht zu Papier gebracht, sondern online und gratis aufgeschrieben. Griffige Thesen zur Zeitungskrise liefert auch der Freitag. Ein Blatt, dessen Überlebensfähigkeit ohne die Finanzkraft seines Herausgebers und Verlegers Jakob Augstein womöglich auch in Frage stehen würde. Und der ehemalige FR-Chefredakteur Wolfgang Storz schreibt bei Carta, warum sich linke Medien mit Recherche und Sprache schwertun und darum in der Krise sind. Ein bemerkenswertes Erklärungsmodell.

Die FTD selbst hält sich angenehmerweise zurück mit der Trauer in eigener Sache. Nach dem Editorial von Chefredakteur Steffen Klusmann finden sich aktuell relativ weit unten auf der Website eine Reihe von Mutmach-Leserbriefen und ein Artikel “Sturm und Zwang im Qualitätsjournalismus”. Der beschreibt recht nüchtern, wie das Thema Zeitungssterben auf der Euro Finance Week in Frankfurt abgehandelt wurde. Der Artikel schließt mit der Beobachtung, wie eine Fachfrau der PR-Agentur Hering Schuppener die Lösung der Journalismuskrise sieht: "Wir erbringen einen Teil der Leistung, die früher von Redaktionen gemacht wurde: Fakten aufbereiten, bei Übernahmen die Historie von Unternehmen einordnen." Ein sarkastisches “Na dann herzlichen Glückwunsch”, kann sich der FTD-Autor da verständlicherweise nicht verkneifen.

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