Der Kampf um die Homepage-Klicks

Publishing Sie lesen sich wie Sätze aus der Anfangszeit des World Wide Webs: "Machen Sie Die Welt zu Ihrer Startseite" oder "Starten Sie mit Spiegel Online". Doch die Sätze stammen aus dem Jahr 2012. Große Nachrichten-Websites kämpfen derzeit massiv um Zugriffe auf ihre Homepages. Der Grund: Werbeflächen auf der Homepage sind immer noch viel besser - und teurer - vermarktbar. Eine MEEDIA-Analyse zeigt: Welt und SpOn haben Erfolg mit ihrer Kampagne - andere hingegen sind recht erfolglos mit ihren Homepages.

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Spiegel-Online-Nutzern wird die Zeile längst aufgefallen sein, die dort seit einigen Wochen auf der Startseite prangt: "Spiegel Online zur Startseite machen". Nach einem Klick auf den Link bekommt der Nutzer dann eine genaue Anleitung, wie er in den bekannten Browsern SpOn zu der Seite macht, die bei jedem Start des Browsers aufgerufen wird. "Vergessen Sie nie wieder versehentlich die wichtigste Seite des Tages" heißt es dort. Die Welt verlost unter denjenigen, die Welt.de zu ihrer Startseite machen – und unter denjenigen, die das zumindest behaupten - sogar ein MacBook Pro.

In einer Zeit, in der immer mehr Leute über Google, Facebook oder Empfehlungen auf News-Websites geraten, klingen diese Seiten und Kampagnen etwas altmodisch. Doch für die Anbieter hat das Werben um Homepage-Zugriffe einen ernsten Hintergrund: Nicht nur lassen sich so mit weniger Aufwand Visits und PIs generieren, als wenn man viel Geld für SEO ausgibt oder Mitarbeiter Facebook und Twitter befüllen lässt, die Zugriffe auf die Homepages sind auch rein finanziell besonders wichtig.

So kostet laut aktueller Preisliste ein Wallpaper auf der Spiegel-Online-Homepage 73.000 Euro pro Tag, ein Wallpaper im Politik-Ressort hingegen 75.000 Euro pro Woche. Wegen der im Normalfall gegenüber Ressort- oder Artikelseiten größeren Homepage lassen sich zudem mehr Werbeplätze vermarkten. Sprich: Steigert man die PIs auf der Homepage, schlägt sich das direkt auf dem Konto nieder. Und: Bringt man die Leute dazu, ein Angebot zur Startseite in ihrem Browser zu machen, ist die Chance auch höher, dass sie mehr Inhalte auf diesem Angebot lesen – und weniger bei der Konkurrenz.

Die Welt geht beim Kampf um die Homepage-PIs sogar noch einen Schritt weiter. Vor einigen Wochen hat das Springer-Angebot seinen Haupt-RSS-Feed (http://www.welt.de/?service=Rss) so umgestellt, dass der Nutzer bei einem Klick auf den gewünschten Artikel nicht mehr direkt dort landet, sondern auf einer eigens generierten Seite, die aussieht wie die Welt-Homepage, auf der der gewünschte Artikel aber an erster Stelle steht. Diese eigens generierten Seiten zählen bei der IVW als Homepage. Will der Nutzer den Artikel lesen, muss er noch einmal klicken. Das Prinzip RSS konterkariert diese nutzer-unfreundliche Aktion völlig, doch die Zahlen scheinen der Welt wichtiger zu sein, als Nutzer-Freundlichkeit.

Mit dem Bündel an Aktionen hat Die Welt offenbar Erfolg. Denn: Seit August klettert die Zahl der von der IVW gemessenen Homepage-PIS deutlich. Waren es in der jüngeren Vergangenheit jeweils ca. 24 bis 28 Mio. pro Monat, stieg die Zahl im August auf 30,8 Mio., im September auf 32,5 Mio. und im Oktober sogar auf 35,2 Mio. – ein neuer Alltime-Rekordwert. Spiegel Online erreichte im Oktober mit 264,0 Mio. Homepage-PIs immerhin den drittbesten Wert der Geschichte.

Um zu zeigen, welche Nachrichten-Angebote wie erfolgreich mit ihren Homepages sind, hat MEEDIA aus der IVW-Statistik die Abrufe der Homepages heraus gefiltert. In die Wertung kam dabei die Top 50 des aktuellen News-Website-Rankings. Und auch hier zeigt sich Die Welt als großer Gewinner: Mit einem Plus von 46,2% gegenüber dem Vorjahresmonat schob sich die Welt-Homepage von Platz 7 auf 4 – vorbei zum Beispiel auch an Focus Online, der Nummer 3 des Gesamt-Rankings. Spiegel Online ist mit einem Plus von 27,8% der zweite große Gewinner im Vorderfeld der Tabelle, einen ähnlichen Zuwachs verzeichnete noch der Express mit 28,1%.

Doch es gibt auch Nachrichten-Anbieter, die in den vergangenen 12 Monaten Homepage-Views verloren haben. Süddeutsche.de, stern.de, die Financial Times Deutschland und der Kölner Stadt-Anzeiger auf den ersten 20 Plätzen des Rankings. Die Liste zeigt aber auch, wer allgemein recht schwach in Sachen Homepage aufgestellt ist. Allen voran sind hier das Hamburger Abendblatt und die Berliner Morgenpost zu nennen. In der Aufstellung nach redaktionellen Visits noch auf den Rängen 15 und 27 zu finden, belegt das Duo bei den Homepage-Abrufen nur noch die Plätze 24 und 34. Ein klares Indiz dafür, dass die beiden Websites vor allem Traffic über Google generieren. Der kommt logischerweise vor allem den Artikel- und Detailseiten zugute und nicht der Homepage.

Auf der anderen Seite lässt sich aber auch gut erkennen, wer mit seiner Homepage besonders erfolgreich ist. So erreichen Bild.de, Spiegel Online, n-tv.de, FAZ.net, Express Online, Handelsblatt.com, die Financial Times Deutschland und die Hamburger Morgenpost in der Top 20 mehr Homepage-Abrufe als Visits. Ein Indiz für treue Leser, die nicht einfach über Google oder Facebook kommen und schnell wieder weg sind, sondern sich bei ihrem Besuch durch die Seite klicken.

Auf den Rängen 26 bis 50 finden sich noch zwei Angebote, die ihre Homepage-Klicks prozentual gesehen noch deutlicher steigern konnten als Die Welt: Die Wirtschaftswoche verbesserte sich um satte 50,2%, das Portal inFranken sogar um 69,6%. Die Zahlen von Angeboten, die sich aus mehreren Websites zusammen setzen, sind im Übrigen nicht wirklich aussagekräftig. So erreichen die Zeitungsgruppe Thüringen und das Medienhaus Lensing nicht etwa deswegen weniger als 10.000 Homepage-PIs, weil ihre Zeitungs-Websites so erfolglos sind, sondern weil die IVW als Homepage dort die des Unternehmens wertet – und nicht die der Thüringer Allgemeinen oder der Ruhr Nachrichten.

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