„Die Idee Tageszeitung ist viel zu gut“

Publishing Die Zeitungskrise hat die Blogs erreicht – zumindest inhaltlich. In den vergangenen Tagen haben in den sozialen Medien Meinungsstücke aus Blogs die Diskussion um den Fortbestand von Zeitungen weitergedreht: Unter anderen Richard Gutjahr und Stefan Plöchinger fragen: Haben Tageszeitungen oder gar der Journalismus noch eine Chance? Ja, sagen die Autoren, die größtenteils selbst im Journalismus aktiv sind. Doch es seien Änderungen nötig. Welche, darüber gibt es unterschiedliche Ansätze.

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Mit einen "Lob für die Tageszeitung" mischt sich SZ-Journalist Dirk von Gehlen in die Debatte ein. Er sagt: "Ich glaube es ist an der Zeit, eine sachliche Debatte über die anstehenden Veränderungen zu beginnen", und stellt fünf Fragen mit seinen persönlichen Antworten dazu. Darin schreibt der Journalist unter anderen, dass man nicht nur nach der einen großen Lösung suchen solle. "Vielleicht zeichnet genau das Phasen des Übergangs aus: dass sie (erstmal) ohne großen Wurf auskommen. Dass sie aus vielen kleinen Schritten bestehen, dass sie eine Addition von Entwürfen sind und kein einfacher neuer Sprung", so von Gehlen. 
Interessant auch seine erste Frage: "Wer sagt eigentlich, dass man eine Tageszeitung morgens lesen muss?". Unter diesem Punkt diskutiert der SZ-Mann, dass das durchaus nicht neue Konzept einer Abendzeitung womöglich in der geänderten Zeit eine neue Perspektive eröffnen könnte. Außerdem stellt er fest: "Die Idee Tageszeitung ist viel zu gut und viel zu stark als dass sie von ein wenig Medienwandel oder der Krise eines Vertreters in Zweifel gezogen werden sollte", und wirbt für mehr Selbstvertrauen. Zudem betont von Gehlen, dass nicht nur für Inhalte gezahlt würde, sondern primär für die Dazugehörigkeit zu einer Gruppe. 
Das sieht auch sein SZ-Kollege Stefan Plöchinger ähnlich. Er plädiert daher für die Einführung von "Leser-Club". Was sich dahinter verbergen soll, ist aber auch nicht groß etwas anderes, als eine Paywall mit anderem Namen: "Ich schlage darum vor, als erstes das Wort Paywall zu streichen. Es ist verbrannt und signalisiert einen schlechten Umgang mit den Lesern – wir wollen ja ihre Unterstützung, keine Mauern für sie errichten. Man kann es Abo nennen wie in Print, Flatrate wie im Digitalen üblich, aber am besten gefällt mir Mitgliedschaft respektive Leserclub. Der Begriff drückt aus, was wir mit unseren Lesern erreichen wollen: eine Art Deal für die Zukunft des guten Journalismus." 
Peter Hogenkamp von der NZZ schreibt unter dem Titel "Falsches Moralisieren über den Tod der Frankfurter Rundschau": "Ein Ansatz, der meiner Meinung in der deutschsprachigen Debatte bisher vernachlässigt wird, wäre die deutliche Steigerung der Reichweiten, und zwar nicht der Page Impressions mit Paginierung und aufgeblasenen Klickstrecken, sondern der User und der Visits. Jedes Online-Medium sollte sich dringend überlegen, wie es sowohl die Anzahl Besucher als auch die Anzahl Besuche durch dieselben in den nächsten beiden Jahren verdoppeln kann." Damit plädiert er ähnlich wie Plöchinger dafür, verstärkt auf Stammleser statt auf Suchmaschinen-Traffic zu setzen.
Richard Gutjahr bezweifelt in einen Beitrag, dass es wirklich eine Gratiskultur gebe. Im Internet werde durchaus gezahlt. Die Verlage würden dies jedoch schwierig machen. Nötig wären dafür einheitliche und einfache Möglichkeiten. Gutjahr: "Man muss sich die vielen Ausreden und Klagen, mit denen die großen Verlagsleute auch heute noch um die Ecke kommen, mal auf der Zunge zergehen lassen. Die Geisteshaltung (um nicht zu sagen Arroganz) mit der viele noch immer meinen, dass etablierte Marktgesetze in der digitalen Welt (-> schnell, einfach, fairer Preis) für sie nicht gelten, ist wirklich beachtlich." 
Nico Lumma schreibt: "Das Geschäftsmodell der Tageszeitungen hat sich in der aktuellen Form massivst überlebt und die finanziellen Polster werden immer dünner werden. Wer sich jetzt nicht bewegt, hat verloren, und bei dieser Entwicklung sind wir erst am Anfang." Lumma fasst zusammen, für welche Inhalte er im Netz zahlen würde. Darunter: Guter Lokaljournalismus.
Auch Christian Jakubetz hat sich zur aktuellen Debatte geäußert. "Tageszeitungen sind – man muss das in den Endzeittagen der FR und wohl auch der FTD nochmal festhalten – eine sterbende Gattung", schreibt der Journalismus-Dozent und Lehrbuch-Herausgeber. Er vergleicht den Journalismus mit der Musik-Branche und fragt: Wie wird der Streaming-Dienst für den Journalismus aussehen?
Auf Carta hat zudem Wolfgang Michal einen Blick auf den deutschen Printmarkt geworfen. Dabei konzentriert er sich auf die linken Zeitungen. Er stellt unter anderem fest, dass die taz ihren Ruf als Journalistenschule der Nation an das Internet verloren habe und linke Medien zudem ein Image-Problem besitzen. Michal stellt auch ein anderes Problem fest: "Anders als die liberal-konservativen Flaggschiffe können die linken Zeitungen oft kein Vollprogramm (mehr) bieten. Ihre Berichterstattung ist nicht umfassend und nicht in allen Ressorts gleichermaßen kompetent. Linke Zeitungen kommen deshalb oft nur als "Zweitzeitung" in Betracht, als Ergänzung und Korrektiv. Ihre Redaktionen sind hoffnungslos unterbesetzt, die eigene Recherche wird – aus Kostengründen – vernachlässigt, ihre Mitarbeiter sind von vielen Hintergrund-Gesprächen und Zugängen in Politik und Wirtschaftsleben ausgeschlossen (man lädt sie gar nicht erst ein)."
Sein Fazit: "Das kuschelige Zusammenglucken der aufstiegs- und bildungsorientierten Milieus auf beiden Seiten des linken Mediums (auf Journalisten- wie auf Leserseite) bewirkt, dass der riesige Bereich der Nicht-Dazugehörenden total vernachlässigt wird. Weder im Boulevard noch im Fernsehen noch im Netz gibt es nennenswerte Versuche, einen größeren Leser-Zuschauer-Produzenten-Kreis zu erschließen."

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