(Fast) alles neu beim Henri Nannen Preis

Publishing Umfassend überarbeitet und mit einer Reihe von neuen Regeln und Juroren geht der renommierteste Journalistenpreis der Republik ins kommende Jahr: Wenn am 26. April 2013 (erstmals in der Hamburger Kampnagel-Fabrik) der Henri Nannen Preis zum neunten Mal verliehen wird, haben zehn neue Mitglieder der Vorjury und fünf neue Hauptjuroren ihre Stimmen abgegeben. Peter-Matthias Gaede, Georg Mascolo, Felix U. Müller und Ines Pohl sind nicht mehr dabei, neuer Jury-Sprecher ist Andreas Wolfers.

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Die beträchtliche Zahl an Personalien deutet an, dass es Gruner + Jahr sowie der stern-Chefredaktion ernst ist mit Reformen beim zuletzt latent erlahmenden und in die Kritik geratenen Auswahlverfahren. Zwar blieb die Veranstaltung im Mai 2012 von einem Eklat wie im Vorjahr verschont, als Spiegel-Redakteur René Pfister in der "Eisenbahn-Einstieg-Affäre" die Auszeichnung nachträglich aberkannt worden war. Doch ohne Mini-Skandal ging es auch da nicht ab: Die SZ-Autoren lehnten die Trophäe in der Kategorie Investigative Recherche ab, weil sie sich diese mit Bild-Reportern teilen sollten. Schon damals war hinter vorgehaltener Hand zu hören, dass beim HNP grundsätzliche Neuerungen geplant waren, um Auswahl und Preisentscheidungen transparenter zu machen.
Vor diesem Hintergrund wurden allein drei von vier Positionen in der Vorjury Investigation neu besetzt: Neben Kuno Haberbusch (NDR, Netzwerk Recherche) nehmen nun mit Autor Egmont R. Koch, Wolf Prosinger (Tagesspiegel) und Annette Ramelsberger (Süddeutsche Zeitung) drei überaus erfahrene investigative Reporter erstmals einen Sitz ein. Weitere Neuzugänge in der jetzt 23-köpfigen Vorjury, die die Zahl der eingereichten Beiträge künftig auf maximal 45 "eindampfen" wird: Beate Lakotta (Spiegel), Georg Löwisch (Cicero), Lars Reckermann (Westfälische Rundschau), Anja Reich (Berliner Zeitung), Susanne Schneider (SZ Magazin), Christof Siemes (Die Zeit) und Lorenz Wagner (Financial Times Deutschland).
Der Hauptjury werden ab 2013 insgesamt 13 statt zwölf Mitglieder angehören. Für die vier Abgänge rücken Brigitte Fehrle, Chefredakteurin der Berliner Zeitung, Jana Hensel, Vize beim Freitag, SZ Online-Chefredakteur Stefan Plöchinger, Cicero-Chef Christoph Schwennicke sowie Andreas Wolfers als Leiter der Henri Nannen Schule nach. Wolfers wird zugleich die Jury nach außen vertreten und Entscheidungen in Zweifelsfällen begründen und kommentieren – eine wichtige Neuerung, da in der Vergangenheit bei Konflikten unklar war, wer eigentlich für die Jury sprechen sollte. Der Rückzug der in den vergangenen Jahren abwechselnd mit votierenden Spiegel-Chefredakteure hat, wie zu hören ist, mit einer etwaigen Verärgerung über den Preisentzug 2011 nichts zu tun. Angeblich hätten sowohl Georg Mascolo wie auch Mathias Müller von Blumencron schon in Vorjahren ihr Unbehagen darüber zum Ausdruck gebracht, als Juroren in beinahe jeder Kategorie mit Werken aus dem eigenen Haus konfrontiert zu werden – ein Umstand, bei dem die Mitglieder künftig übrigens laut Regelwerk gehalten sind, keine Punkte für Arbeiten aus dem eigenen Verantwortungsbereich zu vergeben.
Eine weitere wichtige Änderung betrifft die Abstimmungen. Trotz der demnächst 13 Mitglieder wären Patt-Situationen bei der Auswahl der Preisbeiträge praktisch programmiert gewesen – es hätte bei engen Entscheidungen genügt, wenn sich einer der Juroren enthält. Hier wurde ein neues Punktesystem eingeführt, bei dem jedes Jurymitglied pro Kategorie zehn Punkte vergibt, von denen maximal sieben auf eine Arbeit entfallen dürfen. Für den (unwahrscheinlichen) Fall, dass auch dabei eine Pattsituation entsteht, wird die Abstimmung wiederholt. Ändert sich auch dann nichts, enthält sich der Sprecher der Jury in einem weiteren Durchgang der Stimme, um die Entscheidung herbeizuführen.
Preisvorschläge können übrigens ab sofort hier eingereicht werden – in die Auswahl kommen Print- und Online-Arbeiten in den Kategorien Reportage, Investigation, Dokumentation, Fotoreportage und Essay, die 2012 in deutschsprachigen Medien erschienen sind. Der Henri Nannen Preis ist mit insgesamt 35.000 Euro dotiert.

Das gesamte Regelwerk ist hier nachzulesen.
Und hier alle Jury-Mitglieder auf einen Blick:
Vorjuroren 2013
Wolfgang Büscher, ZEIT Magazin, ab Januar Welt
Bettina Gaus, taz
Beatrix Gerstberger, Brigittte
Florian Gless, stern
Olaf Kanter, Spiegel Online
Ulli Kulke, Die Welt 
Beate Lakotta, Der Spiegel
Freddy Langer, FAZ
Georg Löwisch, Cicero
Carin Pawlak, Focus
Lars Reckermann, Westfälische Rundschau
Anja Reich, Berliner Zeitung
Michael Schaper, GEO
Susanne Schneider, SZ Magazin
Petra Schnitt, Autorin
Christof Siemes, Die Zeit
Karl Spurzem, mare
Norbert Thomma, Der Tagesspiegel
Lorenz Wagner, FTD
Investigation:
Kuno Haberbusch, NDR
Egmont R. Koch, Autor
Wolfgang Prosinger, Der Tagesspiegel
Annette Ramelsberger, SZ
Fotografie:
Mark Ernsting, stern
Eva Fischer, SZ Magazin
Hans Hansen, Fotograf

Hauptjury 2013
Brigitte Fehrle, Berliner Zeitung
Jana Hensel, der Freitag
Giovanni di Lorenzo, Die Zeit
Helmut Markwort, Focus
Nils Minkmar, FAZ
Jan-Eric Peters, Die Welt
Andreas Petzold, stern
Stefan Plöchinger, SZ Online
Richard David Precht
Ulrich Reitz, WAZ
Anja Reschke, NDR
Christoph Schwennicke, Cicero
Andreas Wolfers, Henri Nannen Schule
Als Sprecherin der Vorjury wird Bettina Gaus an der 1. Hauptjurysitzung teilenehmen.
Fotografie:
Margot Klingsporn
Gerhard Steidl

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