Wulff-Buch enthüllt peinlichen Mailbox-Anruf

Publishing Nach nicht ganz einem Jahr wird Bilanz gezogen: Zur Weihnachtszeit des vergangenen Jahres brachten die Bild-Reporter Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch mit ihren Recherchen zum Hauskredit des damaligen Bundespräsidenten die Wulff-Affäre ins Rollen. Jetzt stellten die Beiden, die für ihre Arbeit zudem einen Nannen-Preis erhielten, in Berlin ihr Buch zum Thema vor. Die "Affäre Wulff" ist eine detaillierte Chronologie der Ereignisse, inklusive neuer Ergebnisse und Enthüllungen.

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Im Interview mit Focus Online verspricht Heidemanns, dass das Buch viele neue Details enthalte. "Wir schreiben beispielsweise, unter welchen Umständen Christian Wulff nach elf Jahren Olaf Glaeseker entlassen hat, seinen Kommunikationsmanager, den er selbst als seinen siamesischen Zwilling bezeichnet hatte. Oder wir berichten dem Leser, welche Nachricht Wulff zu welchem Zeitpunkt auf welcher Mailbox hinterlassen hat." Zudem versprechen die Autoren ihre Korrespondenz zu dem Fall offen zu legen. "Und wir belegen, in welchen Fällen Christian Wulff die Unwahrheit gesagt hat."
Ausgangspunkt der Recherchen des stellvertretenden Bild-Chefs Heidemanns und des Redakteurs Harbusch war die Frage, wie Wulff sein Haus in Großburgwedel finanziert habe. Aus der Suche nach dem Geldgeber des Privatkredits über 500.000 Euro sollte sich schon bald alles Weitere entwickeln, an dessen Ende der Rücktritt des Bundespräsidenten stand. In Anlehnung an dessen kurze Amtszeit trägt das Buch auch den Untertitel "Bundespräsident für 598 Tage – Die Geschichte eines Scheiterns".

Das Buch erscheint, pünktlich zum Weihnachtsgeschäft, obwohl der Fall noch längst nicht abgeschlossen ist. Denn noch immer ermittelt die Staatsanwaltschaft in Hannover. Dort sollen sich mittlerweile über 20.000 Aktenseiten zu dem Fall angesammelt haben. Zum zusammenfassen ihrer Erkenntnisse benötigten die Bild-Reporter dagegen nur 336 Seiten.
Vorgestellt wurde das Buch am heutigen Mittwoch in Berlin von Ulrich Wickert. Der ehemalige Sprecher der "Tagesthemen" lobte, dass das Werk als spannend zu lesen. "Es ist frei von Häme. Der Fall Wulff ist ein deutsches Sittengemälde." Ein Erfolgsautor wie Martin Walser würde darin "Stoff für einen Roman finden". ​
Eine erstaunliche Wendung erhält die Geschichte, weil die Autoren anfangen den Wulff-Sprecher Olaf Glaeseker teilweise in Schutz zu nehmen. So soll dieser immer erst im Nachhinein von vielen Aktionen und Aussagen seines einstigen "siamesischen Zwillings" erfahren haben. Das längst legendäre Telefonat mit der Mailbox des Bild-Chefredakteurs gehört offenbar auch dazu. Nach dem Glaeseker davon erfahren hat, soll er Wulff gleich eine SMS geschickt haben. Ihr Inhalt war, dass der Hauskredit bisher "Pipifax" gewesen sei. "Sinngemäß schrieb er weiter, dass Wulff jetzt ein echtes Problem habe und er für ihn schwarzsehe", erzählt Heidemanns. Der Berater sollte Recht behalten.
Leser, die ein genaues Wortlautprotokoll der Nachricht erwarten, was Wulff exakt auf die Mailbox von Kai Diekmann sagte, neben den bekannten Satzfetzen wie "der Rubikon ist überschritten", werden allerdings enttäuscht. Dieses Wissen hütet die Bild-Redaktion noch immer wie ein Staatsgeheimnis.
Dagegen zeichnen Heidemanns und Harbusch exakt nach, was Wulff 44 Minuten nach seinem Anruf bei Kai Diekmann auf den Anrufbeantworter des Springer-Chefs Mathias Döpfners sprach. Denn auch bei diesem Anruf sprang nur die Mailbox an.
Wörtlich heißt es nun dazu in dem Buch auf Seite 71:
"’Guten Abend Herr Döpfner, es wäre toll, wenn wir telefonieren könnten‘, so die Begrüßung des Bundespräsidenten. Wir habe davon gehört, dass sich Bild entschieden habe ‚eine Sache zu skandalisieren, die nicht zu skandalisieren ist. Und das würde den endgültigen Bruch bedeuten.‘
In der Sache ähnelt der Anruf der Nachricht, die der Bundespräsident schon Kai Diekmann auf der Mailbox hinterlassen hatte. Doch diesmal ist die Stimme des Staatsoberhaupts schärfer im Ton. Falls die Redaktion entschieden habe, ‚Diese Konfrontationskampagne jetzt morgen zu fahren‘, müsse man darüber reden. Christian Wulff ist aufgebracht. Das ist zu hören. Er stockt mehrfach. Er gehe davon aus, erklärt Wulff, dass der Vorstandsvorsitzende umfassend informiert sei. ‚Und…dass…dass das nicht hinterher heißt: Hätten wir doch angerufen‘. Dann bittet der Bundespräsident um einen Rückruf und verabschiedet sich. ‚Danke schön. Wiederhören‘."
Tatsächlich rief Döpfner Wulff zurück. Verwies allerdings auf die Unabhängigkeit der Redaktion. Zeitgleich traf Diekmann von New York aus die Entscheidung, dass die Story so gedruckt wird. Am nächsten Tag, dem 13. Dezember erschien sie in der Bild.
Für Jakob Augstein ist eine der "wichtigste Lehren aus diesem Skandal", dass die Bild ihr Repertoire erweitere. "Sie kann jetzt auch seriös, wenn sie will. Es steht ihr frei, jederzeit vom populistischen ins politische Fach zu wechseln, vom boulevardesken ins investigative. Das macht die Zeitung noch gefährlicher."

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