“FR-Verleger kapitulieren vor dem Internet”

Publishing Woran und warum ist die Frankfurter Rundschau gescheitert? Am Tag nach dem Insolvenzantrag spekulieren die Kommentartoren über die Gründe des Niedergangs, trauern, wie Peter Körte in der FAZ der FR hinterher, betonen wie Willi Winkler in der SZ, dass es um mehr gehe als ein Gewerbe und fragen, ob die FTD der nächste Einstellungskandidat sei. Ganz grundsätzlich hält der FAZ-Herausgeber Werner D’Inka fest: "Und wenn die letzte anständige Zeitung verschwunden ist, bleibt nur noch das Geschwätz."

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Der FAZ-Herausgeber Werner D’Inka schreibt: "Das links-grüne Blatt machte eine bleierne Phase durch, in der die Zeitung für viele schlicht langweilig, weil vorhersehbar wurde, während auf ihrem politischen Terrain die taz frischer und frecher wirkte." Weiter heißt es in seiner Einordnung: "Und obschon die Leserschaft außerhalb Frankfurts schwand, hielt der Verlag an dem überregionalen Anspruch fest, erkauft mit hohen Vertriebskosten. Als die Zeitung wieder munterer wurde, war es zu spät."
Ebenfalls in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verfasst Peter Körte einen Nachruf auf die FR. Er schreibt, dass immer wenn er eine Ausgabe der Frankfurter Rundschau gesehen habe, er an ein Modell des Philosoph David Hume hat denken müssen, das dieser "gewählt hat, um die Verwirrungen zu beschreiben, die beim Nachdenken über Identität und Wandel entstehen. Ist ein Schiff, an dem über die Jahre nach und nach alle Teile ausgetauscht werden, überhaupt noch dasselbe Schiff? Ist die Rundschau, deren Aus jetzt endgültig droht, noch die Rundschau?" 
Christoph Sydow, Spiegel Online, schreibt: "Die FR galt – trotz vieler Umbauten in den letzten Krisenjahren – schon mehr als ein Jahrzehnt lang als publizistischer Dauerpatient, der verzweifelt nach einer Kur suchte. Und zwar noch bevor das neue Medium Internet dem alten Printgeschäft hart zuzusetzen begann und die Lage der kränkelnden FR so sehr verschlimmerte, dass ihr Exitus nun unvermeidbar erscheint." Sydow sagt zudem, es sei "ein makaberes Symbol, dass die meisten FR-Beschäftigten über Spiegel Online – also ausgerechnet ein Internetmedium – erfahren mussten, dass ihre Zeitung einen Insolvenzantrag gestellt hat."
In der Süddeutschen schreibt Willi Winkler: "Die Frankfurter Rundschau blieb über Jahrzehnte eine verlässlich linksliberale Zeitung und stand damit sehr lange sehr allein." Für ihn war die FR, immer dann am "erfolgreichsten", wenn "sie aus Überzeugung geschrieben wurde. Falls es wirklich aus sein sollte mit ihr, stirbt auch das erste und letzte Gebot des Journalismus, nämlich dass er mehr sein sollte als ein Gewerbe." 
Ebenfalls in der SZ beschäftigen sich Caspar Busse und Marc Widmann unter anderem auch mit den möglichen Folgen für die Berliner Zeitung: "Auch für die Berliner Zeitung kann die Insolvenz der FR gravierende Folgen haben, denn gemeinsam wollten beide Blätter Kosten sparen. Die FR, so ist in der Redaktion zu hören, überweist bislang mehrere Millionen pro Jahr nach Berlin für die Produktion des Mantels und gemeinsame Korrespondenten. Der Geschäftsführer des Berliner Verlages, Michael Braun, sagte nun bei der dortigen Betriebsversammlung, man werde erst in zwei Wochen wissen, welche Folgen die Insolvenz der Schwester habe."
Für Bernhard Hübner (FTD) scheitert mit der Pleite des "linksliberalen Vorzeigeblattes" eine von vielen deutschen Verlegern verfolgte Strategie "spektakulär". "Statt in die digitale Zukunft der Printmarken zu investieren, konzentrieren sich zahlreiche Verlage zuletzt vor allem auf Sparmaßnahmen, um so trotz sinkender Verkaufszahlen die Renditen der Printtitel zumindest kurzfristig stabil zu halten". Hübner kommt zu dem Schluss, dass die FR-Verleger vor dem Internet "kapitulieren".
Handelsblatt.com macht sich bereits Gedanken, welche Folgen die FR-Insolvenz für die Financial Times Deutschland haben könnte: "Unübersichtlich ist die Lage auch bei den Wirtschaftsblättern von Gruner + Jahr. Seit dem Rücktritt von Vorstandschef Bernd Buchholz Mitte September und dem Antritt von Julia Jäkel rätseln die rund 350 Mitarbeiter von Financial Times Deutschland (FTD) und den Schwestermagazinen, was die neue Vorstandsfrau vorhat. Am Montag berichtete der Spiegel, dass Jäkel mit ihren beiden Vorstandskollegen bis zur Sitzung des Gruner + Jahr-Aufsichtsrats am 21. November über die Zukunft der Blätter entscheiden werde."
Im Hamburger Abendblatt schreibt Kai-Hinrich Renner zum Insolvenz-Verfahren und den Erwartungen der Mitarbeiter: "Damit hatten allenfalls die größten Pessimisten gerechnet. Denn für das traditionsreiche Blatt, das als zweite Zeitung überhaupt am 1. August 1945 in Nachkriegs-Deutschland gegründet wurde, hätte es viel schlimmer nicht kommen können. Einige Mitarbeiter hatten auf einen Verkauf spekuliert. Angeblich soll der Zeitungsverleger Dirk Ippen (Münchner Merkur, Offenbach Post) a der hoch defizitären Rundschau interessiert gewesen sein."
In der Welt stellt Julia Lorenz fest: "Die FR ist eine Institution. Aus der alten Bundesrepublik ebenso wenig wegzudenken wie das Bonner Regierungsviertel oder der Postminister." Das aus wäre auch ein "Einschnitt in der Frankfurter Medienlandschaft, mit der sich die Stadt so gerne rühmt."
Und in der taz bilanziert Steffen Grimberg, die Frankfurter Rundschau habe zwar Mut bewiesen, jedoch zu spät. "Das große Blatt wurde bunt und schrumpfte aufs handliche Tabloid-Format, bot längst wieder mehr als Lesestoff fürs Klischee-Klientel im Cordanzug. Doch der Ruf war dahin. Jeden Tag, den die gedruckte FR erscheint, macht sie einen Verlust in fünstelliger Höhe. Bald wird damit jetzt Schluss sein."

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