FR-Pleite – der Warnschuss für Print

Publishing Nachdem sich der erste Schock über die Pleite der Frankfurter Rundschau gelegt hat, ist die Zeitungsbranche eifrig damit beschäftigt, sich selbst Baldrian einzuflößen. Management-Fehler, regionale Besonderheiten, Gratis-Kultur werden als Gründe für die Pleite herangezogen. Das mag größtenteils stimmen. Es stimmt aber auch, dass hinter den Besonderheiten der FR-Pleite die tiefer liegende Strukturkrise der Tageszeitungen sichtbar wird. Für die behäbige Branche sollte das Schicksal der FR ein Wecksignal sein.

Werbeanzeige

Symptomatisch für das einlullende “Weiter so” in zahlreichen Zeitungs-Kommentaren zur Zeitungspleite der FR ist das Stück von FAZ-Mit-Herausgeber Werner d’Inka. Der Verlag der FR habe zu lange am überregionalen Anspruch festgehalten und die Konkurrenz der taz sei “frischer und frecher” gewesen. In der taz wiederum kommentiert Chefredakteurin Ines Pohl frisch und frech, dass die FR für einen “festgefahrenen Gewerkschaftsjournalismus” stehe. Mit der Umstellung auf das kleinere Tabloid-Format 2007 seien lange Betrachtungen, Analysen, Hintergründe “einem kurzatmigen Häppchenjournalismus geopfert” worden. In anderen Kommentaren werden die “personellen Kahlschläge” in der Redaktion als Hauptgrund für die Pleite ausgemacht. Selbst schuld, FR – steht also so ein bisschen verklausuliert über solchen Einordnungen.

Das ist tatsächlich nicht ganz falsch. Die wirtschaftlichen Probleme der FR reichen weit zurück. Die Zeitung ist spätestens seit der Wirtschaftskrise und dem Einbruch des Anzeigenmarkts infolge der Anschläge vom 11. September 2001 existenziell gefährdet gewesen. Die Rettung durch die SPD-Medienholding ddvg und später die Mehrheitsübernahme durch DuMont Schauberg erwiesen sich in der Rückschau als gekaufte Zeit. Man kann die Tabloid-Umstellung als Profil-Verwässerung sehen und die iPad-Ausgabe war nicht nur sehr gut, sondern auch sehr teuer. Wenn das Kerngeschäft von Grund auf marode ist, können digitale Visionen das Gesamtprodukt nicht retten.

Die FR war Dauerpatient auf der Intensivstation und wenn es ungemütlich wird, dann erwischt es die Siechen eben zuerst. Aber das bedeutet nicht, dass das Virus der Digitalisierung die anderen Verlage nicht auch schon angesteckt hätte. Dass man sich bei der FAZ, der SZ und den vielen Regionalzeitungen gemütlich zurücklehnen könnte und sagen: Jaha, bei der FR waren das besondere Gründe. Unter den besonderen Gründen für die FR-Pleite liegt nämlich eine tiefere, für die Belegschaft bittere, Erkenntnis: die Frankfurter Rundschau wird nicht mehr gebraucht. Sie ist im Medienmarkt überflüssig geworden, hat sich selbst überflüssig gemacht. Und es gibt für andere Zeitungen keine Garantien, dass ihnen nicht das selbe Schicksal blühen kann. Vielleicht nicht sofort, vielleicht nicht in fünf Jahren. Aber vielleicht in zehn, in 15 Jahren.

Nutzungsdauer, Reichweite und Wertschätzung des Mediums Tageszeitung in der jungen Zielgruppe der 18- bis 29-Jährigen nimmt seit Jahren kontinuierlich ab und es ist keine Umkehr dieses Trends erkennbar. Laut der ARD/ZDF Langzeitstudie Massenkommunikation 2000 bis 2010 nannten nur noch ein Prozent der befragten 18- bis 29-Jährigen die Tageszeitung als ihr Medium erster Wahl. Die Studie belegte auch den andauernden Niedergang bei Nutzungsdauer und Reichweite der Tageszeitung bei den Jungen. Solche Studien-Ergebnisse schlagen sich in der realen Welt in seit Jahren sinkenden Auflagenzahlen nieder. Die Erkenntnis, dass alte Abonnenten sterben und kaum neue (zahlende) Leser dazukommen, ist keine bahnbrechende mehr. Allein: Es fehlt an Konsequenzen, an Versuchen, etwas zu ändern. Die meisten Tageszeitungsverlage bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen Schockstarre und hektischem Digital-Aktionismus. Bei der FR konnte man tragischerweise beides beobachten.

Einige wenige Ansätze gibt es. Der umtriebigste Großverlag in Sachen Zeitungen und Digitalisierung ist die Axel Springer AG. Dort experimentieren sie mit Paid-Content und Apps, wie in keinem zweiten deutschen Medienhaus. Ob die Fokussierung auf Bezahl-Inhalte beim inflationären Nachrichtengeschäft aber langfristig zielführend ist, darf angezweifelt werden. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht interessanter ist da schon die Ausrichtung der Zeitungsmarke Bild hin zu einem digitalen Schnäppchen-Shop. Bei Bild kann man mittlerweile vom Eimer Farbe über den VW-Bus bis zum Handytarif alles mögliche kaufen. Dabei muss man natürlich aufpassen, dass die Medienmarke nicht irgendwann hinter dem Kaufladen-Image verschwindet. Bisher bekommen sie das bei Bild aber ganz gut hin.

Eleganter wirkt die Herangehensweise der Hannoveraner Verlagsgruppe Madsack. Die haben im Oktober 2011 mit den Media Stores eigene Ladengeschäfte eröffnet, in denen Tablets und Smartphones, gebündelt mit Daten-Flatrates und hauseigenen Medien-Apps, verkauft werden. Das ist einer der bisher intelligentesten Ansätze eines Zeitungshauses, auf den digitalen Wandel zu reagieren. Die Verlage sollten sich nämlich fragen: Wofür zahlen die Leute, wenn schon offenbar nicht für Online-Nachrichten? Eine Antwort: Sie bezahlen offenbar gut und gerne für Smartphones, Tablets und schnelle Internet-Zugänge. Insofern ist es ein kluger Ansatz, wenn ein Medienhaus sich diese Kundenbedürfnisse zu Nutze macht, entsprechende Produkte anbietet und diese mit den hauseigenen Medien-Inhalten kombiniert.

Auf diese Weise können erstens Umsätze generiert werden und zweitens bekommt man damit automatisch Reichweite für die eigenen Digital-Medien (inklusive der allseits beliebten Kundendaten), die sich via Anzeigen hoffentlich zu Geld machen lässt. Solche Denkweisen und Ansätze gibt es in der Branche noch viel zu wenige.

Bei der Frankfurter Rundschau lief vieles über viele Jahre falsch. Dazu kamen die Effekte der Digitalisierung. Jetzt ist die FR pleite. Das bedeutet aber nicht, dass die anderen Zeitungs-Verlage, die (noch) nicht pleite sind, automatisch alles richtig machen. Die Pleite der FR ist für die Branche ein Warnschuss vor den Bug. Man kann für die Zeitungen und ihre Mitarbeiter nur hoffen, dass er gehört wird.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige