Ein Schweizer liest Medien die Leviten

Publishing Der Schweizer Journalist Constantin Seibt war von der Medienvielfalt Holding AG (bringt in der Schweiz die Basler Zeitung heraus), eingeladen worden vor einer Aktionärsversammlung zu sprechen. Seibt, der für den Zürcher Tages-Anzeiger das Journalismus-Blog “Deadline” betreibt, las den Anwesenden ordentlich die Leviten und entlarvte die Manie von BaZ und Weltwoche, stets eine Anti-Haltung zum Mainstream einzunehmen als populistische Masche. Auch hierzulande können Medien aus der Rede lernen.

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Die Schweizer Weltwoche und ihr Chefredakteur Roger Köppel (der auch mal Chefredakteur der Welt von Axel Springer war) sind berüchtigt dafür, Populismus der rechten Art zu bedienen. Gut in Erinnerung ist die Debatte, als Köppel ein Kind mit Kanone auf den Titel der Weltwoche hob, mit der Zeile versehen: “Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz”. Sogar die Bildagentur, von der das Foto stammte, kritisierte damals, das Foto sei von der Weltwoche “sinnentstellend und wahrheitsverändernd” verwendet worden.

Zwischen der Weltwoche und Basler Zeitung gibt es vielfältige Verbindungen. Beide Titeln pflegen auch eine große Nähe zu dem Schweizer Politiker Christoph Blocher (Schweizerische Volkspartei), der bei der Basler Zeitung sogar finanziell engagiert ist. Bei der Weltwoche wird ihm das nur nachgesagt. Die Basler Zeitung erscheint in der Medienvielfalt Holding AG des Schweizer Investors Tito Tettamenti, der die Weltwoche an Roger Köppel verkaufte.

Seibt redete vergangenen Freitag vor Tettamenti, Köppel und weiteren Vertretern der Medienvielfalt Holding und nahm dabei kein Blatt vor den Mund. Die Rede hat er in seinem Blog Deadline für den Zürcher Tages-Anzeiger dokumentiert. Zur Weltwoche sagte er: “Durch ihre Strategie des konstanten Anti-Mainstreams ist die ganze Zeitung en bloc zur Glaubenfrage geworden: Man glaubt ihr alles oder nichts. Kein Zufall, beschreiben sie einige Anhänger als: ihre Bibel.” Damit habe die Zeitschrift den Sprung vom Informationsmedium zur Glaubenssache vollzogen.

Die Anti-Mainstream-Masche der Weltwoche erschaffe eine Art Parallel-Universum nach dem Vorbild von Fox-News in den USA. Fox-News ist ein Nachrichtensender, der eine extreme Nähe zur republikanischen Partei in den USA pflegt, oft einseitig berichtet und zum Medienreich von Rupert Murdoch gehört. Seibt:  “Die republikanische Partei der USA hat mit der Speerspitze Fox ein eigenes, geschlossenes Mediensystem aus Radioshows, Magazinen und Blogs errichtet. Und damit ihre eigene Wahrheit, ihre eigenen Fakten, ihr eigenes Universum. Und hat sich dadurch zunehmend radikalisiert.”

Eine Radikalisierung als direkte Folge einseitiger Berichterstattung, der Schaffung eines, wie Seibt es nennt, Paralleluniversums. Die Rede von Constantin Seibt ist in mehrerer Hinsicht bemerkens- und nachlesenswert. Einmal wegen dem Mut, die schonungslose Kritik den Betroffenen auf ihrer eigenen Veranstaltung offen ins Gesicht zu sagen. Zum anderen wegen der bestechenden Analyse. Seibt zeigt am Beispiel der Weltwoche, was geschehen kann, wenn Medien das Bemühen um Objektivität und Meinungsvielfalt an den Nagel hängen und sich dem Populismus hingeben. Sie können dann zu einer echten Gefahr für die Demokratie und die Gesellschaft werden. Dies sind wichtige Lehren, die beileibe nicht nur für die Weltwoche und die Schweiz gelten.

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