Warum FR-Gesellschafter den Stecker ziehen

Publishing Die Frankfurter Rundschau ist insolvent. Doch was bedeutet die Meldung, die mehrere Medien unter Berufung auf einen entsprechenden Antrag der Gesellschafter beim Frankfurter Amtsgericht seit dem Mittag verbreiteten, für die Mitarbeiter und den Markt? Um 15 Uhr wurde die Belegschaft informiert. Doch wie es langfristig weitergeht ist zur Stunde völlig unklar. Das Blatt soll in den nächsten Wochen weitergeführt und Überlebensmöglichkeiten der hoch defizitären Zeitung ausgelotet werden.

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Seit 2004 haben die Gesellschafter, der Kölner Konzern M. DuMont Schauberg und die SPD-Medienholding ddvg, Unsummen in den Titel versenkt – allein DuMont nach MEEDIA-Informationen 136 Millionen Euro. Allein in diesem Jahr seien Verluste von rund 16 Millionen Euro aufgelaufen – damit ist das Defizit weit höher als bisher von den Beteiligten zugegeben. Nur mit einer Finanzspritze von 25 Millionen Euro, die die Gesellschafter zum Jahreswechsel tätigten, war das Blatt überhaupt vor dem Ruin gerettet worden, heißt es von Seiten der Investoren. Nun könne man die Verantwortung für weitere Millionenverluste nicht mehr übernehmen.

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Das Aus für die Blatt und Verlag ist offenbar durch gravierende Anzeigeneinbrüche beschleunigt worden. Allein gegenüber dem Vorjahr soll die FR rund 15 Prozent weniger Vermarktungserlöse verzeichnet haben. Mit der Insolvenz ist offen, ob die Mitarbeiter Anspruch auf Abfindungen haben. Auch das Schicksal der erst vor kurzem gegründeten Redaktionsgemeinschaft, die FR und Berliner Zeitung mit überregionalen Inhalten belieferte, dürfte damit besiegelt sein. Wie viele Stellen wegfallen und ob es eine Weiterführung des Titels als regional ausgerichtete Zeitung geben wird, ist nun Sache der Verhandlungen des Insolvenzverwalters. Die Fortzahlung der Löhne sei bis auf Weiteres gesichert.
Über die Jahre hatten die Gesellschafter versucht, durch kreative Maßnahmen wie Formatumstellung, Auslagerungen und die Entwicklung einer viel gelobten iPad-App einen Weg zur Zukunftsfähigkeit des Traditionstitels zu finden – am Ende waren alle Rettungsanker vergebens.
Hier die Mitteilung der Gesellschafter im Wortlaut:
"Die Geschäftsführung der Druck- und Verlagshaus Frankfurt am Main GmbH (Frankfurter Rundschau) hat heute beim Amtsgericht Frankfurt a. Main Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter ist Herr Rechtsanwalt Frank Schmitt, Schultze & Braun, bestellt worden. Herr Schmitt ist umgehend nach seiner Bestellung mit seinem Team in die Gespräche vor Ort mit der Geschäftsleitung eingetreten. Derzeit wird die aktuelle Vermögenslage der Gesellschaft eingesehen und geprüft sowie mögliche Sanierungsansätze besprochen.
Im Weiteren wurde die für 15 Uhr anberaumte Mitarbeiterversammlung vorbereitet und zuvor Gespräche mit dem Betriebsrat geführt. Wesentliches Ziel ist derzeit, den Geschäftsbetrieb fortzuführen. Löhne und Gehälter sind bislang nicht rückständig. Die weiteren fälligen Mitarbeiterbezüge sind bis Ende Januar 2013 über das Insolvenzgeld abgesichert.
Grund für den heutigen Insolvenzantrag sind massive Umsatzverluste im Anzeigen- und Druckgeschäft in der ersten Hälfte des laufenden Jahres, die der Geschäftsführung keine Chance für ein Verlassen der Verlustzone gegeben haben. Somit war auch für die Geschäftsleitung keine Perspektive der Fortführung des Unternehmens mehr erkennbar.
Die Hauptgesellschafter M. DuMont Schauberg (MDS) und Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (ddvg) erklären hierzu:
‘Es ist in den vergangenen Jahren mit großem Einsatz sowohl der Geschäftsführung in Frankfurt als auch der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gelungen, ehrgeizige Kostenziele zu erreichen und dabei gleichzeitig die redaktionelle Qualität der Frankfurter Rundschau erheblich zu steigern. Wir müssen heute aber feststellen, dass all diese Anstrengungen angesichts der Umsatzeinbrüche im Anzeigen- und Druckmarkt  der vergangenen Jahre und in der ersten Hälfte dieses Jahres nicht ausreichen, um die fortdauernden hohen Verluste zu beseitigen.
Die Hauptgesellschafter haben gemeinschaftlich in den vergangenen acht Jahren einen beachtlichen Millionenbetrag in das Verlagshaus  investiert. Und auch die Mitarbeiter der Frankfurter Rundschau haben durch Gehaltsverzicht ihren Beitrag geleistet, um die Zeitung zu retten. Unser Ziel war es, der deutschen  Medienlandschaft eine aus unserer Sicht unverzichtbare Stimme zu erhalten. Wir haben nie erwartet, dass unser Engagement in Frankfurt hohe Gewinne zeitigen würde. Eine sich nunmehr abzeichnende dauerhafte Finanzierung hoher Verluste ist aber sowohl für MDS als auch die ddvg nicht länger darstellbar.
Wir haben deshalb in den vergangenen Monaten intensiv untersucht, auf welchem Weg das Unternehmen oder Teile des Unternehmens so umstrukturiert werden können, dass die Verlustzone auf mittlere Sicht verlassen werden kann. Diese Überlegungen haben leider keine überzeugende Perspektive geliefert. Das eingeleitete Insolvenzverfahren bei der Frankfurter Rundschau, fraglos eine der signifikantesten deutschen Tageszeitungen, ist äußerst bitter für die Mitarbeiter, die Leser und die Gesellschafter. Das gilt umso mehr, als vieles auch gelungen ist: Durch das Tabloid-Format wurden jüngere Leser gewonnen. Die App der Frankfurter Rundschau hat nationale und internationale Preise gewonnen und findet eine gute Nachfrage im Markt.
Unser Dank gilt heute den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie dem Management, die dem Verlagshaus in den vergangenen Jahren engagiert die Treue gehalten haben. Bis heute haben die hartnäckigen Recherchen der Frankfurter Rundschau dazu beigetragen, Missstände in Frankfurt, Hessen und darüber hinaus offen zu legen. Die Analysen und Kommentare zu den Themen aus Politik, Kultur und Gesellschaft finden in der Öffentlichkeit nach wie vor große Beachtung. Wir danken den Mitarbeitern auch für ihre große Bereitschaft, in den vergangenen Jahren neue Wege zu gehen und flexibel zu handeln. Nicht zuletzt danken wir aber unseren Lesern für Ihre Treue und die aktive, kritische Begleitung der Zeitung.’"

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