Das vorschnelle Jäkel-Gemäkel im Spiegel

Publishing Der Spiegel hatte noch nie Scheu, sich kritisch auch mit dem großen Schwester-Verlag Gruner + Jahr zu befassen. Nicht zuletzt darum wird bei Gruner stets aufmerksam registriert, was die Kollegen von der Ericusspitze über sie schreiben. Jetzt ist der Spiegel mit einem überaus kritischen Stück über die neue Vorstandsfrau Julia Jäkel und ihren Lieblings-Chefredakteur Stephan Schäfer vorgeprescht. Tenor: Jäkels Kurs gefährde womöglich die Unabhängigkeit des Journalismus.

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Normalerweise werden einem neuen Chef 100 Tage im Amt zugestanden, bevor in der Presse bilanziert wird. Julia Jäkel hat man beim Spiegel, an dem das Zeitschriftenhaus Gruner + Jahr mit einer Sperrminorität beteiligt ist, nicht so viel Zeit gegeben. Sie ist gerade mal seit Anfang September Deutschland-Vorstand bei Gruner und schon wird ihr im Spiegel vorgehalten, dass sie mal eben nicht kurz die Welt, Gruner + Jahr und den Journalismus gerettet hat.

Dabei hat Jäkel in diesem Sommer und speziell seit ihrem Amtsantritt als Vorstand ein schnelles Tempo vorgelegt. Manche meinen wohl: ein zu schnelles. Zwei zentrale Chefredakteure (Brigitte und Gala) wurden ausgetauscht, bei Brigitte wurde zudem ein ehrgeiziges Spar-Konzept eingeführt. Dass bei Brigitte nach dem langjährigen Chefredakteur Andreas Lebert nun auch gleich 14 Mitarbeiter gehen sollen und ein Ressort dichtgemacht wird, schockierte viele im Verlag. Hier wäre mehr Fingerspitzengefühl tatsächlich geboten gewesen, denn diese Maßnahme könnte sich für den neuen Blattmacher als Hypothek im Umgang mit den verbliebenen Mitarbeitern erweisen.

Der Betriebsrat des Hauses ist wegen der jüngsten Vorgänge alarmiert und flutet Medien mit Bulletins über den neuen, rüden Ton im Hause. Der aktuelle Spiegel-Artikel wirkt, als sei er aus dieser Gemengelage heraus entstanden. Eine Atmosphäre des Unwohlseins und der Angst vor Veränderung. Das ist menschlich verständlich, bringt aber nichts bei der Analyse der Problemfelder bei Gruner + Jahr, die schlicht zu lange ignoriert wurden. Da werden im Spiegel viele Worte darüber verloren, wie sehr bei Gruner nun auch mit Anzeigenkunden “gekuschelt” werde, dass es Irritation gebe, dass sich Jäkel ihren “ersten Journalisten” nicht aus Stern- oder Geo-Reihen hole usw.

Es werden Uralt-Anekdoten bemüht, wie jene als Henri Nannen einmal einem widerspenstigen Weinbrand-Hersteller im Fortsetzungsroman Paroli bot (Er ließ den Satz “Möchten Sie einen Asbach oder darfÄs etwas Besseres sein?” in den Roman reinschreiben). Gute alte Zeit. Leider ist sie unwiederbringlich vorbei.

So übel wie der Anschein im Spiegel erweckt wird, steht es bei G+J um die beschworene Unabhängigkeit auch gar nicht. Aus dem Geo-Reich ist noch kein journalistischer Sündenfall bekannt geworden, und auch beim Stern herrscht an kritischen Geschichten kein Mangel. Dort versucht man, zwar die reine Lehre des unabhängigen Journalismus durch Anzeigen-freundliche “Umfelder” in Themen-Journalen so ein bisschen aufzuweichen. Aber wer in solchen “Journalen” knallharte Produkt-Kritiken erwartet, der kauft auch Focus Money wegen seriöser Geldanlage-Tipps.

Dann wäre da noch die Sache mit der Wirtschaftspresse. Jäkels Vorgänger Bernd Buchholz hat in die Redaktionen von FTD, Capital, Börse Online und Impulse verschmolzen. Nach diesem Kraftakt ging Buchholz nach Ansicht vieler Experten in Sachen redaktioneller Um- und Neustrukturierung die Puste aus. Leider aber hat die Gemeinschaftsredaktion am Ende nichts gebracht. Die Wirtschaftsmedien sind immer noch defizitär. Es gibt keine Perspektive. Null. Nirgends. Die Idee, die im Spiegel skizziert wird, dass Neu-Abonnenten der FTD nur noch zweimal pro Woche eine Print-Ausgabe erhalten und ansonsten E-Paper, riecht schon als nur ein bisschen nach Verzweiflung. Das weiß man auch beim Spiegel, aber bei der defizitären Wirtschaftspresse handelt es sich offenkundig um eine fast ein Jahrzehnt alte Erblast, die nun vor allem auf Druck der Gesellschafter in Gütersloh und Hamburg nun erneut – und vielleicht endgültig – auf dem Verhandlungstisch landet.

Aus dem Spiegel-Artikel spricht womöglich die Angst, dass auch im eigenen Haus in Bälde schmerzhafte Veränderungen anstehen könnten, denn auch beim Spiegel entwickeln sich Auflage und Anzeigenerlöse nicht optimal – vorsichtig gesagt. “Eigentlich müssten nun alle erleichtert sein, denn immerhin geschieht endlich etwas in Europas größtem Zeitschriftenverlag”, schreibt der Spiegel über die Entwicklung bei Gruner + Jahr. Das Gegenteil ist der Fall: Immer wenn etwas geschieht, sind alle ganz und gar nicht erleichtert, sondern in höchstem Maße besorgt und verängstigt. Veränderungen produzieren Gewinner und Verlierer. Auf welcher Seite Ob Julia Jäkel und Stephan Schäfer nach den anstehenden Umwälzungen bei Gruner stehen werden, muss sich erst noch zeigen. Für ein seriöses Urteil ist es jetzt noch zu früh.

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