„Absolute Mehrheit“ – der Polit-Talk mit ADS

Fernsehen Am Ende hatte halt Wolfgang Kubicki von der FDP zwar nicht die „Absolute Mehrheit“ aber mit irgendwas über 42 Prozent und eigens angereistem Klatschklub gewonnen. Da ging die Uhrzeit bereits stramm auf halb eins zu und säße man nicht aus beruflichen Gründen vor dem Fernseher - man hätte längst schon ausgeschaltet bei dem zappeligen ADS-Talk. Stefan Raab ist mit dem Versuch, der Politik-Talkshow bei ProSieben frisches Leben einzuhauchen absolut gescheitert.

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Der Gag bei „Absolute Mehrheit“ sollte sein, dass Raab ein spielerisches Element zum sattsam bekannten Phrasen-Austausch der Politiker hinzufügt und somit Pepp in die Sache bringt. Die Reanimation des Polit-Talk mit den Mitteln der Gameshow. Die Politiker sollten live währen der Sendung um Stimmen kämpfen. Am Ende winkte in Raab-scher Manier ein Geldkoffer. Im Prinzip alles nicht viel anders als bei „Schlag den Raab“, nur halt mit Meinungen. Soweit die graue Theorie.

In der Praxis ging das furchtbar in die Hose. Warum? Zum einen blieben die Abstimmungen der Zuschauer folgenlos. Wer rausgewählt wurde (zuerst der CDU-Fraktionsvize Michael Fuchs) durfte trotzdem weiterlabern. So schürte Raab die TV-Verdrossenheit. Das Ziegelstein-Setting der Show, das Gerede der Politiker (mit Goodbeans-Chefin Verena Delius war auch eine „flotte“ Jung-Unternehmerin geladen), das Halbrund des Sofas – alles war wie in einer ganz normalen Politik-Talkshow. Nur schlechter. Gleich zu Beginn durfte SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann kompletten Unsinn daherreden, wie etwa, dass Peer Steinbrück einen hervorragenden Start als Kanzlerkandidat gehabt habe, ohne dass Raab dazwischen ging.

Raab saß lieber extrem breitbeinig da und las ab und zu eine Frage von seinen Günther-Jauch-Kärtchen ab, die mal naiv, mal flegelhaft war. Dann behauptete er unvermittelt, dass einer der drei Themenblöcke (Energiewende, Reich vs. Arm, Internet) jetzt ausreichend behandelt sei und lief zum ProSiebenSat.1-Nachrichten-Männchen Peter Limbourg rüber. Der blieb seinem Image als Mann ohne Eigenschaften treu und meinte jedesmal, dass es doch eine sehr „muntere Runde“ und „spannend“ sei. Dabei war das einzig „Spannende“ an diesem TV-Abend das Sakko des Moderators.

Raabs Witze blieben schal und oberflächlich. Über Philipp Rösler sagte er, dass dem beim Essen hoffentlich nicht die „Stäbchen aus der Hand fallen“. Den CDU-Mann Fuchs fragte er zu Beginn allen Ernstes, wer „die Gans gestohlen“ habe. Was haben wir gelacht. Man muss Raab zu Gute halten, dass er mit hehren Absichten angetreten ist und seinem Format selbst nicht Recht zu trauen schien. Ständig betonte er, wie locker er jetzt fragen wolle, wie gespannt er sei, versicherte sich bei Limbourg, wie die Sendung laufe („munter“ und „spannend“) und rutschte nervös auf seinem Sessel hin und her. Wirklich gelungen waren einzig die kurzen Einspiel-Filme, die ein Thema auf den Punkt gebracht einleiteten.

Wer sehen will, wie man ein wirklich witziges und unterhaltsames Politiker-Interview führt, der sollte sich in der ZDF-Mediathek die „heute show“ vom vergangenen Freitag anschauen. Da hat Oliver Welke den Raab-Gast und FDP-Antistar Kubicki ebenfalls zu Gast gehabt und gebührend respektlos in die Mangel genommen. Eine Sternstunde des Polit-Talks im deutschen Fernsehen.

„Absolute Mehrheit“ dagegen war zu bemüht, zu verzagt, zu unausgegoren. Allerdings hat Stefan Raab mit seinem verkorkstem Politik-Talk eine gute Quote eingefahren. Über 18 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe zu dieser Uhrzeit sind schon ein Wort. Schlimmstenfalls fühlen er und sein Sender sich nun in dem Konzept bestätigt und es gibt im Januar wie angedroht eine Neuauflage. Im TV ist es wie in der Politik – nicht immer ist Qualität das entscheidende Erfolgskriterium.

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