Kommissar Faber: der nervige Dr. House-Klon

Fernsehen Der Tod eines finsteren Dealers und Zuhälters beschäftigt die Mordkommissare des Dortmunder "Tatorts" in ihrem zweiten Fall. Wie schon bei der Premiere geht es aber weniger um den - etwas arg konstruierten - Kriminalfall, sondern um die Selbstfindung des von der Bürokratie zusammengewürfelten Ermittlerteams, das untereinander zwischen Angst und Anerkennung pendelt. Eine Schlüsselrolle kommt dabei dem neuen Chef zu: Hauptkommissar Peter Faber, eine frech kopierte Krimi-Variation von "Dr. House".

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Darsteller Jörg Hartmann macht sich gut als vermeintlicher Soziopath, der gerade wegen seiner radikalen Sicht- und Handlungsweisen bei den Nachforschungen immer wieder den entscheidenden Schritt voran kommt, aber man muss ihn nicht mögen und darf ihn als Zuschauer auch nervig finden. Ist es genial, in ein Schrottplatzgelände einzudringen und ein ein Blechkarosse mit einem Baseballschläger bis zur Besinnungslosigkeit zu bearbeiten? Oder ist es einfach buchstäblich nur bekloppt?
Zwischen diesen Wahrnehmungen schwanken auch Fabers Kollegen, und es bedarf mehrfach des Einfühlungsvermögens seiner Kollegin Martina Bönisch (Anna Schudt), damit die Situation nicht eskaliert. Mehr als Faber mit seiner Theatralik und seiner vom Drehbuch auferzwungenen geradezu biblischen Schicksalslast ist es Bönisch, die den Dortmunder "Tatort" sehenswert macht, etwa wenn sie als alleinerziehende Mutter spürt, dass ihr die Kraft zur Karriere ausgeht, dass sie sich trotzdem unerbittlich zur Disziplin über das erwartete Arbeitspensum hinaus zwingt. Und dass sie, als Ausflucht, Callboys ins Hotel bestellt, um sich am Ende allein und desillusioniert wieder in ihr Leben zu schleichen.
Vor diesem Hintergrund wirkt das Faber und Bönisch assistierende junge Ermittlerduo Daniel Kossik (Stefan Konarske) und Nora Dalay (Aylin Tezel), das bereits im ersten Fall in eine etwas unentschlossene Affäre stolperte, wie die Unschuld vom Lande. Beim Ende einer gemeinsamen Nacht nimmt der aktuelle Fall seinen Anfang: In Nora Dalays Nachbarschaft wurde der Dealer und Zuhälter Serkan Bürec erschossen. Er galt als rechte Hand des zwielichtigen Geschäftsmannes Tarim Abakay.
Für Kriminalhauptkommissar Peter Faber deutet alles darauf hin, dass sich am Tatort auch eine Zeugin aufhielt. Doch sie bleibt spurlos verschwunden. Die Ermittlungen beginnen, und in ihnen beginnen sich die Grenzen zwischen Gut und Böse, erlaubt und verboten zu verschieben. Denn dass die Mordkommission jetzt in ihrem Revier ermittelt, gefällt den zynisch-desillusionierten Streifenpolizisten Rainer Polland und Paul Klose beispielsweise gar nicht. Nora Dalay kennt den impulsiven Polland gut. Früher gingen die beiden gemeinsam auf Streife. Und auch Pollands Ehefrau Sonja ist in der Gegend keine Unbekannte: Die Ex-Prostituierte engagiert sich heute für Straßenmädchen und hilft ihnen, wo sie kann. Und dann ist da noch der aalglatte und finstere Tarim Abakay (wunderbar schmierig verkörpert von Adrian Can), für den der Ermordete das Grobe erledigte und der seine Finger in allen kriminellen Machenschaften der Dortmunder Nordstadt zu haben scheint.
"Mein Revier", der zeitgleich zum Dortmunder "Tatort"-Debüt gedrehte Fall, ist ein durchschnittlicher Krimi mit vielen Erwartbarkeiten und dem üblichen, hier noch etwas aufgesetzt wirkenden Lokalkolorit. Das sich langsam entwickelnde Binnenverhältnis des Ermittler-Quartetts macht allerdings Hoffnung, dass auch der neue Ruhrpott-Krimi das Zeug hat, eines Tages Kult zu werden. Von der Klasse eines Schimanski in seinen besten Jahren ist Faber allerdings noch meilenweit – er käme ihr näher, wenn die Macher ihn künftig weniger als derart nervenden Dr. House-Klon inszenieren als bisher.

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