Die Piratin auf dem Spiegel-Boulevard

Publishing Steht die frühere Geschäftsführerin der Piraten-Partei, Marina Weisband, vor einem politischen Comeback? Wenn man Spiegel und Spiegel Online glaubt: Auf jeden Fall. Das Nachrichtenmagazin verbreitete am Wochenende eine entsprechende Meldung der aktuellen Print-Ausgabe mit exklusivem Scoop-Charakter. Wenn man Marina Weisband glaubt: Nein. Die Politikerin beschreibt in ihrem Blog, wie rüde der Spiegel mit ihr umgegangen ist und Zitate bewusst verdreht habe, nur damit sie zu einer Story passen.

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“Piraten rufen nach Comeback von Marina Weisband”, titelte Spiegel Online am Wochenende. Im Print-Spiegel ist die dazugehörige Geschichte von Autorin Merlind Theile überschrieben mit “Die gute Fee”. Dazu gibt es ein Foto von Marina Weisband mit Julia-Timoschenko-Frisur unter dem Logo der Piraten-Partei. Message delivered. Bild.de griff die griffige Story rund um “die schöne Piratin” gerne auf und (über)drehte weiter: “Rettet die schöne Piratin ihre Partei?”. Bei Bild.de war wenigstens der Hinweis enthalten, dass Weisband selbst die Sachlage komplett anders darstellt, als der Spiegel es suggeriert.

Garniert war die Geschichte im Spiegel mit starken Zitaten von Marina Weisband. "Die Rufe nach mir nehmen zurzeit sehr zu." und: “Für die Piraten wäre es wohl das Beste, wenn ich wieder antreten würde.”

Bis Anfang Januar wolle Weisband entscheiden, ob sie bei der Wahl 2013 für den Bundestag für die Piraten kandidiere, heißt es weiter. Nach Lektüre des SpOn-Artikel ist die Entscheidung aber schon so gut wie gefallen. Im Print-Spiegel wird Marina Weisband dann noch mit den Worten zitiert, der Bundestag sei das härteste Pflaster der Politik, eigentlich sei das nichts für sie. Aber es gebe da diese kleine Stimme, die sage: “Wer könnte daran etwas ändern, wenn nicht du?” Am Ende des Spiegel-Artikels ist aus der “kleinen Stimme” fast schon eine große Gewissheit geworden: “Aber da ist auch diese kleine Stimme. Also tritt sie auf.”

Alles soweit stimmig in der Spiegel-Welt. Wäre da nicht das Objekt der Berichterstattung selbst. Marina Weisband verfasste in ihrem privaten Weblog einen Beitrag, der eine ganz andere Sicht auf die Genese des Spiegel-Artikels bietet. Sie habe sich mit der Spiegel-Autorin nur getroffen, weil sie es nicht mehr ausgehalten habe, dass sie von Journalisten ständig nach einer Kandidatur gefragt werde: “Außerdem muss man sich vorstellen, dass seit der Personendiskussion um die Partei mein Telefon einfach nicht schweigt und ich ohnehin von allen Seiten gelöchert werde, immer mit derselben Antwort: ‘Ich weiß nicht, ob ich für irgendwas kandidieren will, ich werde es auch bis zum Jahreswechsel nicht wissen und ich denke gerade nicht darüber nach.’ Schlimmstenfalls, dachte ich, kommt halt ein Artikel raus, in dem das so steht. Dann ist der Journalismus bedient.”

Da hat sich Frau Weisband geirrt. Mit der Geschichte einer zaudernden jungen Frau ist “der Journalismus” eben nicht bedient. Der Journalismus braucht knallige Thesen. Auf die Frage nach der Art des Gesprächs habe die Spiegel-Autorin geantwortet: „Och, das weiß ich noch gar nicht so genau.“ Ein Band sei nicht mitgelaufen. Die Zitate, die veröffentlicht wurden, seien aus dem Zusammenhang gerissen, verfälscht und/oder verkürzt worden. Ein Beispiel, wie es Marina Weisband in ihrem Blog beschreibt, geht so: Der Spiegel habe gefragt “Nehmen die Rufe nach Ihnen zu?” Sie habe geantwortet “Es sind hauptsächlich Mentions auf Twitter, in letzter Zeit schon mehr.“ Daraus habe der Spiegel dann das wörtliche Zitat gemacht: “Die Rufe nach mir nehmen zu.” Das wäre die alte, miese Masche, die Frage nachträglich zur Antwort umzudeuten, wie sie im Boulevardjournalismus gepflegt wird.

Dass ein Artikel über sie erscheinen soll, habe sie nur aus Gerüchten erfahren, so Weisband weiter. Der Spiegel habe auf Nachfrage zwar Zitate zur Kenntnisnahme geschickt, aber darauf hingewiesen, dass diese nicht mehr verändert werden könnten. Kein unbedingt übliches Verfahren im Mediengeschäft, zumal wenn das Gespräch nicht als Interview deklariert war. Von den später veröffentlichten Zitaten sei sie dann nochmals überrascht gewesen: “Auch aus den mir zugeschickten Zitaten wurden teilweise die relevanten Satzteile rausgenommen, neu zusammengesetzt und nach Belieben in neuen Kontext gesetzt, bis ich keines davon wiedererkannte.”

Der Spiegel hat in dem Fall nichts faktisch Falsches behauptet. Es wurden offenbar “nur” Zitate gekürzt und man hat dem gegenüber Fragen als Zitat in den Mund gelegt. Und das bei einer Frau, die offenbar eher unbedarft dem großen Nachrichtenmagazin aus Hamburg gegenübergetreten ist. Ein solches Verhalten kennt man durchaus von Medien. Normalerweise haben die Medien, die auf diese Weise Geschichten stricken, zuspitzen und zurechtdrehen aber größere Buchstaben in den Überschriften als der “Spiegel”. Das Hamburger Nachrichtenmagazin bewegt sich hier, so scheint es, einmal mehr auf dem manchmal glitschigen Pflaster des Boulevard.
Übrigens: Anfang Oktober veröffentlichte Spiegel-Ressortleiter Thomas Tuma im Spiegel-Blog ein flammendes Plädoyer für das Autorisieren von Zitaten: "Und warum übrigens sollte für einzelne Zitat-Fitzelchen nicht dasselbe gelten wie für komplette Interviews, zumindest wenn die Quelle während eines Gesprächs um den Gegencheck bittet?" Der Spiegel habe das Autorisieren von Zitaten zwar nicht erfunden, aber "so konsequent kultiviert, dass es hier zu Lande zumindest bei Interviews heute Branchenstandard ist." Eigentlich sollte sich der Spiegel an den von ihm so konsequent kultivierten Branchenstandards messen lassen.
Vom Spiegel gab es auf MEEDIA-Anfrage bisher keine Stellungnahme zu dem Vorgang.
Update, 5.11.2012, 15.50 Uhr: Via Twitter und Mail teilte der Spiegel nunmehr mit, dass es zum Thema in Kürze einen Beitrag im Spiegelblog gebe. Via Twitter erklärte der Spiegel, die Zitate von Marina Weisband seien von ihr autorisiert worden.
Update 5.11.2012, 17.30 Uhr: Im Spiegel Redaktionsblog weist die Autorin Merlind Theile die Vorwürfe von Marina Weisband zurück.

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