„Wir wollen niveauvoll unterhalten“

Publishing Heute liegt die deutsche Version des New Scientist erstmals in den Kiosken. Mit einer Druckauflage von 55.000 Exemplaren und einen Einführungspreis von 2 Euro startet der Ableger des britischen Wissensmagazins. Titelthema: "Erinnerung – Wie das Gedächtnis unsere Zukunft erfindet". Ein Beitrag, in dem Chefredakteur Lothar Kuhn "Faszinierendes und Spannendes erfahren" habe. Was er sonst noch von seinem Heft denkt und welche Ziele sein Team hat, verrät er im Interview mit MEEDIA.

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Herr Kuhn, heute ist der Tag, auf den Sie und ihre Redaktion lange hingearbeitet haben. Überwog zuletzt die Vorfreude oder doch die Nervosität?
Es ist eine Mischung aus beiden. Ich bin froh und erleichtert, dass alles wie geplant rechtzeitig fertig geworden ist und dass wir darüber hinaus – aber das ist natürlich meine parteiische Meinung – ein sehr gutes Heft zusammengestellt haben. Es sind wirklich tolle Texte dabei, viele britische aber auch eine ganze Reihe deutscher. Nun sind wir alle sehr gespannt, wie die Leser und Leserinnen unser neues Magazin finden werden.
Stichwort britische und deutsche Texte: Zu wie viel Prozent besteht das Heft in der deutschen Ausgabe aus eigenen Texten?
In der ersten Ausgabe sind etwa ein Drittel der Inhalte deutsche Beiträge. Das wird aber von Ausgabe zu Ausgabe schwanken. Es hängt auch stets von der Nachrichtenlage ab. Was das angeht haben wir Glück, dass die Redaktion des Originaltitels in Großbritannien und damit in Europa sitzt. Ich rede deshalb von Glück, weil sich so die Herangehensweise und der Blick auf Ereignisse stärker ähneln, als wenn wir mit einem amerikanischen Partner zusammenarbeiten würden. Im Heft war das jetzt zum Beispiel beim Thema Sandy vorteilhaft.
Warum? Wie betrachtet man denn Sandy aus einem europäischen Blickwinkel?
In den USA steht natürlich die Berichterstattung über die Schäden durch Sandy und deren Beseitigung im Vordergrund. Uns in Europa interessiert dagegen stärker, ob und wie der Klimawandel derartige Wirbelstürme begünstigt.
Wie verläuft denn generell die Zusammenarbeit?
Sehr eng. Wir waren bereits zweimal in London, auch die britischen Kollegen waren schon in Hamburg. Ich habe zudem einen sehr engen Draht zum englischen Chefredakteur Jeremy Webb. Wir können von Hamburg aus zugreifen auf das Redaktionssystem der Kollegen und sind so über deren Themenplanung informiert. Das läuft übrigens auch andersherum. Die Briten sind auch an unseren Themen interessiert. Aber noch sind wir bei der ersten Nummer. Die Zusammenarbeit wird sich nach und nach entwickeln. 
Gibt es denn auch eine Zusammenarbeit mit den Wissens-Redaktionen aus Spiegel und Spiegel Online? 
Wir stehen im Kontakt mit dem Wissenschaftsressort des Spiegel, einen Austausch von Beiträgen gibt es aber nicht. Das wäre auch nicht sinnvoll, weil sich die Zielgruppen unterscheiden, die wir ansprechen. Eine engere Zusammenarbeit mit Spiegel Online ist aber  geplant, in geringem Umfang. Unser Hauptaugenmerk liegt auf dem Heft. 
Welche Ziele verfolgen Sie denn mit dem Heft? 
Es ist unser Anspruch, das aktuellste deutsche Wissensmagazin zu sein. Und wir wollen niveauvoll unterhalten. New Scientist ist allgemein verständlich, auch für Leser, die kein naturwissenschaftliches Studium absolviert haben. Darin folgen wir dem englischen Vorbild. Wie auch in der gesamten Diktion des Heftes; Sprache, Titelzeilen und Bildunterschriften sowie einige Rubriken dürfen ironisch und humorvoll sein. In der deutschen Wissenschaftsszene besitzt die Marke New Scientist bereits große Bekanntheit. Das ist für uns ein großer Vorteil. Wir und unsere Vertriebspartner sind sehr optimistisch.
Gibt es denn eine Benchmark oder Vorgabe vom Verlag? 
Natürlich haben wir eine Planung, was Anzeigen- und Vertriebserlöse angeht. Im Moment konzentrieren wir uns aber voll auf das Heft und die Markteinführung. Im kommenden Jahr werden wir dann Bilanz ziehen. Als Startauflage werden wir zunächst 55.000 Exemplare in den Handel geben. Für drei Folgen wird im Einzelverkauf ein Kennenlernpreis von zwei Euro gelten.
Im ersten Heft ist das Titelthema Erinnerung. Warum zum Start gerade dieses Thema und was erwartet den Leser sonst noch?
Wir haben nach einem Thema gesucht, das eine breite Zielgruppe anspricht. Als ich den Text gelesen habe, habe ich viel Faszinierendes und Spannendes erfahren. Ich hoffe, das werden auch die Leser so sehen. Darüber hinaus haben wir ein Streitgespräch zwischen Heiner Geißler und dem DIW-Chef Gert Wagner über das Verhältnis von Wissenschaft und Politik. Das ist einer von mehreren deutschen Artikeln im Heft. Auch das Thema Lernen per Internet ist ein Beitrag, in dem wir die Verhältnisse in den USA und Deutschland vergleichen. Das Stück ist deshalb so besonders, weil es eine Co-Produktion zwischen uns und unseren britischen Kollegen ist.
Und welche Themen sollen langfristig eine Rolle spielen?
Wir planen ein großes Spektrum an Themen. Der Aufmacher in der einen Woche kann aus der Medizin stammen, danach kann es ein Astronomie-Thema sein, auch etwas aus der Welt des Internets oder etwas in Richtung Ökonomie kann Titelthema werden. Wir wollen das breit fächern.
Vor einiger Zeit hatten wir bereits die Nullnummer des deutschen New Scientist unter die Lupe genommen. Was hat sich seitdem noch verändert und wie nah ist man am Original?
Seit der Nullnummer gab es eine Weiterentwicklung, aber keine radikale Änderung. Das Format ist etwas kleiner geworden und entspricht dem des Originals. Übrigens: Der Economist und Magazine wie Time oder Business Week haben ein vergleichbares, handliches Format. Aber es gibt auch markante Unterschiede zu unseren britischen Kollegen. Wir gönnen uns mehr Weißraum. Außerdem haben wir eine größere Schrift. Die aus dem britischen Heft ist in Deutschland ungewohnt und wäre so nicht vermittelbar. 
Wie soll die Markteinführung beworben werden?
Heute Morgen haben mehr als 400 Redaktionen in Deutschland unser Wissensmagazin auf den Schreibtisch bekommen, wir sind gespannt auf die Reaktionen unserer Kollegen. Die werblichen Maßnahmen werden sich auf die ersten drei Heftfolgen konzentrieren und zielen stark auf den Aboverkauf. Ein Brutto-Etat von drei Millionen Euro steht dafür zur Verfügung. Dabei kommen TV-Spots, Plakate sowie Anzeigen in Tageszeitungen und Zeitschriften zum Einsatz. Mehr als zwei Millionen Leseproben werden als Beilagen in Zeitungen und Zeitschriften gestreut werden.
Und an den Verkaufsstellen?
Am Point-of-Sale setzen wir auf die Unterstützung unserer Handelspartner. Werbemittel und Streuartikel stehen für die Schaufenstergestaltung, gezielte Außendiensteinsätze und Sonderplatzierungen bereit. Auch im Direktmarketing für die Abonnentengewinnung gibt der Verlag von Beginn an Gas. Mehrere Wellen von Beilagen sowie Mailings, E-Mailings, Telefonmarketing und Anzeigen werden eingesetzt. Das Budget dafür ist ebenfalls siebenstellig.
Und Sie selbst: Auch ein Abonnent oder sind Sie heute stolz zum Kiosk gegangen? 
Ich habe mir natürlich schon gestern die ersten Vorabexemplare aus unserer Poststelle besorgt. Es ist für alle hier in der Redaktion ein ganz besonderes Gefühl gewesen, das erste Heft in Händen zu halten.

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