Steinbrück: der Kandidat im Honorar-Sumpf

Publishing Die Veröffentlichung der Details zu den Nebeneinkünften des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück wirft Fragen auf. Vor allem wird kritisiert, dass Steinbrück für hohes Honorar auch bei finanziell klammen öffentlichen Einrichtungen Reden gehalten hat. Exemplarisch dafür steht sein Auftritt beim "Atriumtalk" der Stadtwerke Bochum. Steinbrücks Honorar wurde mit Hilfe einer zweifelhaften Finanztransaktion als Spende deklariert und über eine Medienagentur geleitet.

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Der Atriumtalk der Stadtwerke Bochum ist eine regelmäßige Veranstaltung, bei der Promis im Atrium der Stadtwerke aus ihrem Leben erzählen und interviewt werden. Senta Berger war schon zu Gast oder der Sänger Peter Maffay. Von den Stadtwerken der notorisch klammen Ruhr-Metropole Bochum wird die Veranstaltung als Charity-Event geführt. Es gehe um wohltätige Zwecke. Am 26. November 2011 war auch der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zu Gast beim Atriumtalk und erzählte auf Fragen des Sportreporters Werner Hansch über den BVB und sein Leben. Die nette Plauderei wurde mit 25.000 Euro vergütet. Die Art und Weise, wie solche Auftritte in Bochum organisiert werden und wie die üppige Gelder fließen, ist sehr ungewöhnlich und fragwürdig.

Offiziell erhalten die Teilnehmer am Atriumtalk kein Honorar. Stattdessen sollen die Stadtwerke für die Gäste eine Spende an eine karitative Einrichtung zahlen, die sich die Promis aussuchen können. Auf eine parlamentarische Anfrage im Bochumer Stadtparlament, die MEEDIA vorliegt, erklärte die Verwaltung 2010, dass die dort auftretenden Prominenten keine Gage erhalten, sondern das Geld “in der Regel” an eine karitative Einrichtung oder Stiftung, die sich die Gäste aussuchen können, gespendet werde. In der Antwort der Stadt auf die Anfrage ist die Rede von “20.000 Euro” pro Gast.

Aber: Die SPD und Peer Steinbrück bestreiten, dass es eine Verabredung zu einer Spende geben habe. Steinbrück sei von der Hellen Medien Projekte GmbH angeheuert worden, und zwar für ein Honorar von 25.000 Euro plus Spesen.

Laut Stadtwerken Bochum sind die 25.000 Euro gespendet worden, laut Steinbrück und SPD war es ein Honorar. Was stimmt nun? Der Geldfluss der 25.000 Euro ist im Falle der Atriumtalk-Veranstaltungen merkwürdig. Normalerweise würde man annehmen, dass bei einer solchen Konstruktion die Stadtwerke den Promi fragen, welcher Organisation er oder sie das Geld spenden möchte, danach wird das Geld von den Stadtwerken direkt dorthin gespendet und fertig.

So läuft das in Bochum aber nicht.

Stattdessen gaben die Stadtwerke die 25.000 Euro nach Informationen von MEEDIA an die Hellen Medien Projekt GmbH, angeblich mit dem Auftrag, das Geld an den Atriumtalkgast weiterzureichen, versehen mit dem freundlichen Hinweis, dass dieses Geld zu spenden sei. Dieser finanzielle Umweg ergibt freilich wenig Sinn – sollte das Geld tatsächlich gespendet werden. Nach Ansicht von Steuer-Experten wäre zu prüfen, ob der prominente Gast die 20.000 bis 25.000 Euro, die er oder sie dann von der Hellen Medien Projekt GmbH erhält, seinerseits zu versteuern haben. Auch eine etwaige Mehrwertsteuer auf die Zahlung könnte zum Problem werden, wenn die Honorar-Summe in voller Höhe gespendet würde. Im schlimmsten Fall würde der Gast bei der Spende sogar draufzahlen.
Seltsam ist zudem, dass die 25.000 Euro erst fünf Monate später auf Nachfrage von Seiten Peer Steinbrücks von der Hellen Medien Projekt GmbH weitergereicht wurde. Hinter der Firma Hellen Medien Projekt GmbH steckt der umtriebige Sascha Hellen, der sich auf seiner Website mit zahlreichen Kontakten zu Prominenten weltweit brüstet und der im Ruhgebiet und in Bochum eine lokale Größe ist.

Hellen hat im Alleinggang in Bochum auch den Steiger Award aus dem Boden gestampft, eine schillernde Preisverleihung, bei der sich seit 2005 Promis im nicht direkt glanzverwöhnten Bochum die Klinke in die Hand drücken. Veronica Ferres, Alfred Biolek, Shimon Peres, Reinhold Beckmann, Lou Reed, Königin Silvia von Schweden – die Liste der Preisträger des Steiger Awards ist lang und illuster. Der Steiger Award wird von den Stadtwerken Bochum gesponsert – im Gegenzug organisiert Hellen den Stadtwerken deren Atriumtalk. Man kennt sich, man hilft sich.

Auf eine Anfrage des Blog Ruhrbarone antworteten die Stadtwerke Bochum: “In der Charity-Gesprächsreihe Atriumtalk laden wir die Gäste mit der Maßgabe ein, den Betrag von 25.000 Euro an eine vom Talk-Gast zu benennende karitative Einrichtung zu spenden. So läuft es bei Atriumtalk-Veranstaltungen seit 2008. Hiermit gehen wir auch ganz offen um. Das können Sie auf der Homepage der Stadtwerke Bochum nachlesen. Gerade deshalb ist der Atriumtalk eine “Charity-Veranstaltung” die immer sozialen Zwecken dienen soll.” Direkt hausieren gehen die Stadtwerke mit ihrer “Charity-Gesprächsreihe” freilich nicht. Auf der Homepage findet sich nichts außer ein paar Pressemitteilungen zu vergangenen Events. Und auch ansonsten geht man in Bochum in der Sache mittlerweile auf Tauchstation. Die Pressestelle der Stadtverwaltung war telefonisch nicht zu erreichen. Bei den Stadtwerken wird man mittlerweile knapp beschieden, dass man zu diesen Fragen keinerlei Auskunft mehr gebe: “Bitte akzeptieren Sie das.” Ein seltsames Gebaren für eine öffentliche Einrichtung.

Nun hat die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass in dem kompletten Schriftwechsel zwischen Hellens Agentur und Peer Steinbrück von einer Spende niemals die Rede war. Ob das Geld, das die Stadtwerke an Sascha Hellen weiterreichen, tatsächlich gespendet wird, wird von der Stadt Bochum offenbar nicht überprüft. Dem Atriumstalkgast Peer Steinbrück war ja nicht einmal bewusst, dass er offizielle als edler Spender zur Plauderei geladen war.

Dass Peer Steinbrück von finanziell klammen öffentlichen Einrichtungen wie der Stadt Bochum Geld genommen hat, ist kein Einzelfall. Auf Vermittlung der PR-Agentur WMP Eurocom des ehemaligen Bild-Chefs Hans-Hermann Tiedje hielt er am 22. März 2012 beispielsweise einen Vortrag bei der gesetzlichen Krankenkasse KKH Allianz im Rahmen deren KKH Allianz Forums. Dieser Vortrag war mit 15.000 Euro zwar nicht ganz so üppig dotiert wie der bei den Stadtwerken, aber immer noch recht teuer. Die KKH Allianz ist eine öffentliche Kasse, die zwischenzeitlich finanziell in eine solche Schieflage geraten war, dass sie von ihren Mitgliedern Zusatzbeträge kassieren musste.

Kurz nach seiner Kür zum SPD-Kanzlerkandidaten sagte Peer Steinbrück in der ZDF-Sendung “Was nun?”, er sei von Unternehmen um Vorträge gebeten worden, “die Gewinne erzielt haben”. Von Vereinen, ehrenamtlichen Organisationen, Schulen und Universitäten nehme er kein Geld. Und was er spende, gehe niemanden etwas an. Vielleicht hätte sich der wortgewaltige SPD-Kanzlerkandidat ein bisschen genauer anschauen sollen, bei wem er da für viel Geld seine Vorträge hält. Peer Steinbrück bewegt sich auf dünnem Eis.

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