New Scientist: ein allwissender Leisetreter

Publishing Der deutsche New Scientist versteckt sich: hinter einem dunklen Cover, hinter kryptischen Headlines und hinter blassen Bildern. Das ist schade, denn inhaltlich kann das Heft durchaus etwas bieten. Um erfolgreich zu sein, müssen die Hamburger aber nicht nur an der Aufmachung arbeiten. Die Zielgruppe und die Anzeigenvermarktung sind weitere Baustellen, die das neue Magazin in der ersten Ausgabe noch mitbringt. Für einen langfristige Erfolg könnten das zu viele sein.

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Düster, sehr düster ist das Cover des ersten deutschen New Scientist. Das Schlagwort „Erinnerung“, welches das Titelthema des ersten Hefts beschreibt, lässt manchen gar an einen Trauerfall denken. Ein Trugschluss, denn darum geht es in der Geschichte gar nicht. Und dass ein solches Thema, pünktlich zur jahreszeitbedingten Dunkelheit und zur beginnenden Winterkälte Menschen im Kiosk dazu einlädt, das neue Heft zu testen, könnte bezweifelt werden. Dabei muss der New Scientist genau diese Schwelle überschreiten, um für den Spiegel-Verlag zum Erfolg zu werden.

Am Erstverkaufstag war es für MEEDIA gar nicht einfach, ein Exemplar zu erstehen. 55.000 Hefte wurden zum Start gedruckt, an vielen Kiosken selbst in Großstädten ist beim Testversuch jedoch kein New Scientist zu finden.
Die ersten drei Ausgaben des zur Spiegelgruppe gehörenden deutschen New Scientist gibt es zum Einführungspreis von 2 Euro, danach erscheint das Heft mehr als doppelt so teuer zu einem regulären Preis von 4,50 Euro. Für ein gerade mal 68-Seiten umfassendes Magazin, noch dazu wöchentlich, ein stolzer Preis. Bis dahin wollen die Macher vor allem Abonnenten gewonnen haben, wie auch Lothar Kuhn im Interview mit MEEDIA verrät und wofür auch die immerhin drei in der ersten Ausgabe enthaltenen Vordrucke zur Bestellung sprechen. 

Doch kann das Heft wirklich genug Leser überzeugen? Dafür ist es vermutlich zu defensiv: Im Heft setzt sich der Trend fort, der bereits auf der Titelseite begonnen wird. Der New Scientist kommt sehr leiser daher, fast schon schüchtern. Das ist sehr schade. Warum diese Bescheidenheit? Einmal angelesen, stellen sich viele der Artikel nämlich als interessante Beiträge heraus, die allwissend informieren und unterhalten. Aber es gibt sehr wenig, was in die Artikel hineinzieht. Viele Überschriften sind kryptisch und eher lyrisch. Ein Beitrag über das Erinnerungsvermögen von Menschen und Tieren hat zum Beispiel den Titel „Ein Affe auf Zeitreise“. Das Bild dazu zeigt einen Mann mit Kind, umringt von Tauben und ist in schwarz/weiß gehalten. Die Szene passt zwar zum Beitrag, zieht aber nicht in den Artikel.
Richtig defensiv ist auch der Einleitungstext in das Titelthema gestaltet. Hier schreibt Autor David Robson „wie wir auf den folgenden Seiten erfahren werden“ und „in der kommenden Woche erfahren Sie im zweiten Teil“, Das nimmt sämtliche Geschwindigkeit aus dem Text und enttäuscht den Leser. Der will – erst recht für 4,50 Euro – etwas erfahren und nicht erfahren, was er erfahren wird. Ob das Titelthema stark genug ist, um als Cliffhanger Leser ungeduldig auf die zweite Ausgabe warten zu lassen, muss zudem bezweifelt werden.
Für einige Leser verwirrend wirken könnten die Verweise auf wissenschaftliche Studien und Berichte, die in einigen Texten vorhanden sind. Diese sind an den entsprechenden Stellen einfach in Klammern enthalten. Der Laie wird jedoch meistens nicht wissen, was sich hinter NEJM oder PNAS verbirgt (New England Journal of Medicine, National Academy of Sciences of the United States of America). Gelegentlich sind hierbei URLs zu den entsprechenden Berichten enthalten. Für den Lesefluss könnte es hilfreich sein, die Verweise mit Fußnoten anzuordnen.

Es stellt sich zudem die Frage, ob die Zielgruppe eng genug umrissen ist. Man will sowohl Laien als auch Wissenschaftler als Leser gewinnen. Außerdem sind besonders Studenten eine Zielgruppe. Die Textauswahl ist inhaltlich jedoch breit gefächert, die Beiträge allgemein-verständlich. Das Streitgespräch zwischen Heiner Geißler und Gert G. Wagner zum Beispiel, kann durchaus als populäres Thema durchgehen, ebenso die Thematik Computer in der Schule. Damit ist das Heft eher für Laien geeignet, als für bereits Fachkundige, die mehr in die Tiefe gehen wollen und dann auch längere Beiträge erwarten werden. Die nüchterne Aufmachung und Elemente wie die Verweise auf Studien dürften Laien hingegen abschrecken. Es ist ein Abwägen, das offenbar noch nicht final entschieden ist.
Unterteilt ist der New Scientist in vier Ressorts. „Diese Woche“ soll aktuelle Themen und Entwicklungen beleuchten, „Innovation“ betrachtet „Ideen und Entwicklungen, die kurz vor der Marktreife stehen“. Ausführliche Beiträge sollen im Ressort „Report“ Platz finden, für den Bereich „Debatte“ werden Streitgespräche, Interviews und Essay angekündigt. Statt nach Themen sortiert die Redaktion ihr Heft also nach Stilform. Sie nennt das ein „einzigartiges Magazinkonzept“, was etwas dick aufgetragen klingt. In Wahrheit löst es die Autoren wohl eher vom steifen Korsett, jedes Themenfeld in jeder Woche befüllen zu müssen. Bei nur 61 inhaltlichen Seiten wird dem Leser der Überblick ohnehin nicht sehr schwer fallen.
Auffällig und kein gutes Zeichen für das neue Magazin ist, dass Anzeigekunden offenbar einen Bogen um den New Scientist machen. Im ersten Heft sind, rechnet man die Eigenanzeigen und die des Spiegels ab, lediglich die Umschlagsseiten mit Anzeigen gefüllt (BMW und EADS). Hinzu kommt eine Doppelseite im Heft mit Stellenausschreibungen. Das war es. Bezieht man in Betracht, dass die Umschlagsseiten als Anzeigeplätze geblockt sind, könnte es gut sein, dass hier mindestens Ermäßigungen gewährt wurden. Für ein wirtschaftliches Magazin wird man auf Seiten des Vermarkters Spiegel QC dringend weitere Kunden gewinnen müssen. Gelingt das nicht, wird es das Magazin am Markt wohl sehr schwer haben.
Der New Scientist hat durchaus gute Ansätze, liefert interessante Beiträge und wirkt wertig. Aber er versteckt sich zu sehr hinter seiner schüchternen Aufmachung. Will er Abonnenten und Anzeigekunden gewinnen, muss er offensiver werden, neugieriger machen – sowohl auf dem Cover als auch in jeder einzelnen Seite des Heftes. Hilfreich dürfte es zudem sein, die Zielgruppe genauer einzugrenzen. Beides muss schnell passieren. Überzeugt der New Scientist nicht in den ersten drei vergünstigten Ausgaben wird er kaum über ein Nischendasein hinauskommen.
Fazit: Die Erstausgabe ist ein im Printumfeld ungewohnt bedächtiger Markteintritt. Das Heft liefert interessante Ansätze, aber – wie die Nullnummer – noch kein rundes Gesamtkonzept, das für einen Verkaufserfolg am Kiosk tauglich erscheint. Angesichts der wöchentlichen Erscheinungsweise ist das keine leichte Hypothek. Das rund 20-köpfige Redaktionsteam um Chefredakteur Lothar Kuhn hat es nun in der Hand, hier gegenzusteuern.

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