Sat.1 in der Innovations-Kopier-Zwickmühle

Fernsehen Seit gerademal vier Wochen ist Nicolas Paalzow neuer Geschäftsführer von Sat.1. Von seinem neuen Job als "Herausforderung" zu sprechen, wäre vermutlich die Untertreibung des Jahres. Mehrmals hintereinander ist der Familiensender mit seinem Monatsmarktanteil unter 10 Prozent gerutscht. Auch wenn die zweite Staffel "The Voice of Germany" vorübergehende Schmerzlinderung verspricht, steht fest: Es muss was passieren bei Sat.1. Und zwar schnell. Es ist nur nicht ganz klar: was.

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Seit einer kleinen Ewigkeit sucht der Sender nach einer Strategie, um sich als Alternative zum Marktführer RTL zu positionieren. Als die beiden deutschen Serien-Eigenproduktionen "Danni Lowinski" und "Der letzte Bulle" vor zwei Jahren zu Publikumserfolgen wurden, sah es so aus als wäre die Lösung gefunden: eine Rückbesinnung auf die frühere Fiction-Kompetenz. Spätestens seit dieser Woche hat sich diese Hoffnung vorerst zerschlagen.
Nach dem guten Start der neuen Serie "Es kommt noch dicker" mit Wolke Hegenbarth Mitte September sanken die Quoten in den nachfolgenden Wochen kontinuierlich; der zweite Neustart "Auf Herz und Nieren" wurde vom Publikum gar nicht angenommen. Und diese Woche landete Eigenproduktion Nummer 3, "Der Cop und der Snob", mit einer Doppelfolge lediglich bei 7,0 und 6,4 % in der jungen Zielgruppe. Das ist ein herber Rückschlag für die noch von Paalzow-Vorgänger Joachim Kosack ausgetüftelte Taktik – und schon deshalb eine schlechte Nachricht, weil Sat.1 vom Publikum nun ausgerechnet für seine mutigsten Programmentscheidungen abgestraft wird.
Anstatt darauf zu schielen, was die Konkurrenz macht, ist der Sender das Risiko eingegangen, in eigene Ideen zu investieren. Dass das jetzt schief geht, schmerzt vor allem, weil das im deutschen Fernsehen sonst nicht mehr allzu oft vorkommt.
Paalzow hält sich derzeit mit Kommentaren zurück. Jochen Ketschau, Leiter für Deutsche Fiction bei Pro Sieben Sat.1, lieferte in der FAZ jedoch einen ersten Erklärungsansatz: "Bei ‚Es kommt noch dicker‘ haben wir festgestellt, dass die Zuschauer zunächst mit einem neunzig Minuten langen Format gerechnet haben. Nach den ersten beiden Folgen, die wir am Stück gezeigt haben, ist die Kurve dann leider runtergegangen." 
In München ist außerdem davon die Rede, dass es den Hauptfiguren der Neuentwicklungen womöglich nicht gelungen sei, sofort eine Verbindung zum Zuschauer aufzubauen – so wie es Danni Lowinski als Kämpferin für die Gerechtigkeit und der "Bulle" als harter Kerl, der stets sagt, was er denkt, geschafft haben.
An diesem Montag zeigt Sat.1 dennoch wie geplant die dritte Folge von "Der Cop und der Snob" um 20.15 Uhr, gefolgt von einer Episode "Der letzte Bulle". Geht das auch wieder schief, dürfte noch einmal umgeplant werden. Bereits beschlossen ist, dass die vierte abgedrehte Serie, "Familie Undercover", vorerst nicht ins Programm kommt, sondern erst 2013. Im Frühjahr stehen allerdings erstmal neue Staffeln von "Danni Lowniski" und "Der letzte Bulle" auf dem Plan. Diese Erfolgskombination wird Sat.1 kaum auseinanderreißen.
Weiteren Seriennachschub gibt es so schnell erstmal keinen. Auf Anfrage heißt es in München aber: "Natürlich machen wir weiter!" Es gebe zwei Bücher, die sich in der Entwicklung befinden und jetzt überdacht würden. Einstellen wolle man seine Bemühungen um neue Serien nicht. Ketschau sagt: "Wir nehmen uns Zeit und arbeiten an neuen Formaten." Das klingt zwar vernünftig. Aber Zeit ist genau das, was Sat.1 gerade angesichts sinkender Marktanteile nicht hat.
Im Genre Reality ist der Sender derweil einen völlig anderen Weg gegangen. Seit Sascha Naujoks als Reality-Chef von RTL abgeworben wurde und in München arbeitet, wird ein erfolgreiches RTL-Format nach dem nächsten kopiert, um es mit minimalen Änderungen in einer Sat.1-Variante auf den Bildschirm zu bringen. Mit "Land sucht Liebe", einer täglichen "Bauer sucht Frau"-Variante, ist das zwar gerade gehörig schief gegangen. Aber "Schwer verliebt", das sich ähnlich wie "Schwiegertochter gesucht" über vermeintlich kuriose Einzelgänger lustig macht, hat im vergangenen Jahr für Sat.1-Verhältnisse hervorragend funktioniert. Mitte November startet die zweite Staffel. Wieder auf demselben Sendeplatz wie "Schwiegertochter gesucht", passend zum dortigen Staffelfinale.
Selbst wenn weiterhin ein paar Flops dabei sein werden: Die Verlockung ist groß, weiter Reality-Programme zu kopieren, weil die im Zweifel deutlich günstiger herzustellen sind als Serien, die gut fürs Image sind – aber offensichtlich gerade schlecht für die Quote.
Eine langfristige Strategie kann das aber kaum sein. Denn auch die Vorbilder bei RTL, an denen sich Sat.1 orientiert, erreichen längst nicht mehr die Höchstwerte, an die man sich in Köln in den vergangenen Jahren gewöhnen könnte. RTL muss selbst umdenken und kreativ werden. Das wäre eigentlich die Chance für Sat.1, im Reality-Genre in die entgegengesetzte Richtung zu steuern. Zumal das auch viel besser zum lange gepflegten Image als Familiensender passen würde. Dazu bräuchte es Ideen für Dokusoaps, die ehrlich mit ihren Protagonisten umgehen anstatt sich über sie lustig zu machen, und ein feines Gespür für Themen, die in der Gesellschaft wichtig sind. Beides kann oder mag sich Sat.1 bisher nicht leisten.
Dabei wäre das Personal dafür schon da. Julia Leischik ist zwar auch von RTL zum Konkurrenten gekommen, war mit der Neuauflage von "Bitte melde dich!" aber bereits erfolgreich – und ist nun schon seit Monaten aus dem Programm verschwunden. Und wie toll könnte es sein, wenn Barbara Eligmann endlich wieder familientaugliches Fernsehen machen dürfte, anstatt in RTL-Manier "Mieter in Not" zu betreuen? (Das freilich auch schon wieder abgesetzt wurde.)
Nicolas Paalzow muss sich als Sat.1-Chef zuerst einmal entscheiden, wofür sein Sender künftig stehen soll. Gleichzeitig Serien-Innovator und RTL-Kopieranstalt zu sein, das passt nicht. Weil die Zuschauer sich schon jetzt vor lauter Sendeplatz-Flickschusterei kaum noch im Programm zurechtfinden.
Sat.1 braucht eine klare Richtung. Am besten als Privatsender, dessen Programm man gefahrlos mit seinen Kindern ansehen kann, ohne befürchten zu müssen, ständig im nächsten Sozialdrama zu landen. Weil sowas im deutschen Privatfernsehen nämlich wirklich gerade fehlt.

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