H.H.Tiedje – Mann in undurchsichtiger Mission

Fernsehen Als Günther Jauch am vergangenen Sonntag über den Fall Kachelmann diskutieren ließ, war u.a. der frühere Chefredakteur von Bild und Bunte, Hans-Hermann Tiedje eingeladen. Tiedje war die Rolle als Sprachrohr der Medien zugedacht. Was die TV-Zuschauer nicht erfuhren ist, dass Tiedje sein Geld vor allem mit PR-Jobs verdient. U.a. gehört ihm eine Firma, die auch Litigation-PR anbietet, also Öffentlichkeitsarbeit bei Gerichtsverfahren. Tiedjes Auftritt bei Jauch wirft nicht nur deshalb Fragen auf.

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Den TV-Zuschauern präsentierte sich Tiedje, 63, am vergangenen Sonntag nach dem “Tatort” als polternder älterer Mann, der vor allem eines konnte: austeilen. Tiedje wetterte gegen das Buch des Ehepaars Kachelmann (“Muss man nicht lesen.”), attestierte Kachelmann selbst einen “miesen Charakter” und beschimpfte ihn “Wetterfuzzi”. In Richtung Kachelmanns Ehefrau Miriam schnauzte er, sie ruiniere mit ihren Wortbeiträgen die Quote. Mit den markigen Sprüchen und dem stets geöffneten obersten Hemdenknopf entspricht Tiedje dem Klischeebild des harten, hemdsärmeligen Boulevard-Chefredakteurs. Auch bei Jauch war Tiedje wieder einmal auf dem Ticket als Ex-Bild und Bunte-Chef geladen.

Dabei liegt seine aktive Zeit als Boulevard-Chefredakteur sehr lange zurück. Die Redaktion von Bunte führte er nur zwei Jahre Ende der 80er. Seinen Job als Bild-Chef verlor er 1992 – vor 20 Jahren also. Inzwischen hat er längst die Fronten gewechselt und ist in der Wahrnehmung der meisten Medien-Experten hauptberuflich Lobbyist.

Leider bleiben bei ihm manchmal die Fakten auf der Strecke. So auch am vergangenen Sonntag. Bei “Günther Jauch” konnte Tiedje lauthals mehrfach nachweislich Falsches verkünden.  Dass der frühere ProSieben-Moderator Andreas Türck, dem einmal wegen einer Falschbeschuldigung der Prozess gemacht wurde, einen Freispruch “erster Klasse” wegen erwiesener Unschuld erhalten habe, etwa. Oder dass Jörg Kachelmanns Anwälte nur etwa fünf Verfahren gegen Medien wegen falscher Berichterstattung geführt hätten (allein in Kachelmanns Buch sind knapp 100 dokumentiert) oder das Kachelmann im Prozess nachweislich gelogen hätte.

Wäre Tiedje einfach nur irgendein Krawall-Heini, wäre das vielleicht ärgerlich, aber ansonsten nicht weiter bemerkenswert. Er ist aber einer der am besten vernetzten Strippenzieher der Republik. Eine seiner Firmen, die TV Media Medien Management GmbH, weist als eine Geschäftsfeld-Säule Litigation-PR aus. Unter Litigation-PR versteht man PR und Öffentlichkeitsarbeit im Umfeld eines Rechtsstreits. Man fragt sich, ob dies der Redaktion von “Günther Jauch” bekannt war und hätte sich gewünscht, dass jeder Verdacht einer Vermischung von PR-Mandat und Talkshow-Auftritt ausgeschlossen wird. Angesichts des ungewöhnlich aggressiven Tiedje-Auftritts kämen Spekulationen in diese Richtung nicht von ganz ungefähr.

Es gibt einen bekannten Fall, in dem Tiedjes Arbeit in Sachen Litigation-PR öffentlich wurde: der Prozess gegen den Stadtplan-Erben Alexander Falk wegen des Vorwurfs der Bilanzfälschung. Im Spiegel gab der Richter des Verfahrens, Nikolaus Berger, im Jahr 2008 zu Protokoll, er habe es in dem Prozess mit einem Gegner zu tun gehabt, der lange Zeit unsichtbar gewesen sei. Ein Gegner, der versuchte, die öffentliche Meinung zu Gunsten Alexander Falks zu beeinflussen. Jemand, der extrem gut vernetzt war, der in der Bild-Zeitung und kommentieren konnte. Dieser Gegner war Hans-Hermann Tiedje gewesen. “Tiedje ist die Kehrseite der Meinungsfreiheit”, wird Berger in dem Spiegel-Artikel zitiert.

Tiedje wurden auch mehrfach Kontakte zu früheren Stasi-Leuten nachgesagt. Gemeinsam mit dem Ex-Stasi-Spitzel Axel Hilpert war er an der Finanzierung des Luxushotels Resort Schwielowsee beteiligt. Der frühere Stasi-Feldwebel André Plath wurde vom Spiegel und der Süddeutschen Zeitung in Verbindung mit Tiedjes Firma WMP Eurocom gebracht. Jener Plath hat 2001 der Zeitschrift Max eine Räuberpistole über einen erfundenen Babynahrungs-Skandal des Herstellers Hipp angedreht. Tiedje hatte vermittelt. Der damalige Max-Chefredakteur Hajo Schumacher verstand sich mit Strippenzieher Tiedje danach noch so gut, dass er mit ihm gemeinsam die Talkshow “Links Rechts” beim Info-Sender N24 moderierte.

Tiedje ist ein Mann, der in vielen Zirkeln präsent ist. Er sitzt auch im Aufsichtsrat der Marseille-Kliniken, deren Gründer Ulrich Marseille soll laut manager magazin für “kreative Bilanzgestaltung” bekannt sei. "Zahlenkünstler" (manager magazin) Marseille sitzt im Gegenzug im Aufsichtsrat von Tiedjes Eurocom. Laut einem Bericht des Handelsblatt erhielten Tiedje und seine Eurocom von den Marseille-Kliniken Kredite und üppige Beratungs-Honorare. Eigentlich ein Unding für einen Aufsichtsrat. Der Spiegel urteilte über das Geschäftsgebaren bei Tiedjes Eurocom: “Interessenkollisionen gehören bei der WMP fast zur Tagesordnung”.

Im Jahr 2003 musste der damalige Chef der Bundesagentur für Arbeit, Florian Gerster, seinen Hut nehmen, weil er u.a. freihändig ein millionenschweres Berater-Mandat an Eurocom vergeben hatte. In der PR-Firma sitzen ehemalige Groß-Politiker wie Ex-Finanzminister Hans Eichel und Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher Seite an Seite mit Wirtschafts-Vertretern wie Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking oder Unternehmensberater Roland Berger. Eichels früherer Spin-Doktor Klaus-Peter Schmidt-Deguelle ist dort neben Tiedje Vorstand.

Politisch sind Tiedje und seine Eurocom hoch flexibel. Kürzlich verteidigte der frühere Kohl-Berater Tiedje den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück in einem Bild-Kommentar in der Debatte um dessen Nebeneinkünfte. Dass die WMP Eurocom auch schon mal einen Steinbrück-Vortrag vermittelt hat und er als Bild-Kommentator den Klienten seiner PR-Agentur wortreich verteidigt, das erfuhren die Leser von Tiedjes Bild-Kommentar nicht.

Genausowenig wie die Zuschauer von “Günther Jauch” erfuhren, dass der hemdsärmelige “Journalist”, der da saß und gegen Jörg Kachelmann und seine Frau pöbelte, nebenher eine Firma für Prozess-PR betreibt, mit Politikern und Wirtschaftsbossen vielfältige Geschäfte macht  und auf undurchsichtige Art und Weise verschiedenste Interessen bedient. Und so Jemanden –  den Inhaber einer Agentur für Litigation-PR, Jemand der in der Vergangenheit schon versucht hat, massiv Einfluss auf ein spektakuläres Gerichtsverfahren zu nehmen, lädt die Redaktion von “Günther Jauch” ein und klebt ihm das vermeintlich unabhängige Etikett “Journalist” an. Da muss schon viel Naivität im Spiel gewesen sein. Wenn man nicht Schlimmeres unterstellen will.

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