Die gefühlt gute Nachricht für den Baumwall

Publishing Ein knapper Absatz und zwei nachfolgende Statements: Der Medienkonzern Bertelsmann hat weit umfangreichere Pressemitteilungen abgegeben als an diesem Freitag. Der Inhalt allerdings hat es in sich: Der Anteilstausch mit der Familie Jahr ist vom Tisch, die 100 Prozent-Übernahme des Verlags durch die Gütersloher geplatzt. "Einvernehmlich", "gemeinsam", "unverändert" sind die Schlüsselwörter der Erklärung, die eine Harmonie signalisiert, die zwischen den Gesellschaftern zuletzt selten spürbar war.

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Wie aber ist die Nachricht zu bewerten, was bedeutet sie für Unternehmenstochter und Konzernmutter? Für Gruner + Jahr ist es zuallererst eine gefühlt gute Nachricht, allein deshalb, weil damit quälende Monate der Verunsicherung beendet sind. Die Spekulationen, welche Veränderungen im Falle einer Übernahme angestanden hätten, waren weitreichend und kratzten an der DNA des Zeitschriftenhauses. Selbst die künftige Rechtsform des Unternehmens schien ungewiss. Dabei ist es eine andere Frage, ob solche einschneidenden Änderungen tatsächlich geplant gewesen wären – die Unruhe im Verlag war da.
Deshalb war auch Bertelsmann-CEO Thomas Rabe bemüht, in seiner Stellungnahme ein Bekenntnis zum Qualitätsjournalismus abzugeben, dem er sich als Mehrheitsgesellschafter auch in Zukunft als "einem inhaltlichen Kern" des G+J-Geschäfts verpflichtet fühle. Dass sein Herz weit heftiger für Digitalisierung und Wachstum im Ausland schlägt, ist bekannt und die Ehrenerklärung für die traditionelle Kernkompetenz der Hamburger daher umso wichtiger.
In Gütersloh scheint man bemüht, die Sache insgesamt nicht zu hoch zu hängen. Die vollständige Übernahme, heißt es dort, sei nur "eine von mehreren Optionen" und zudem frühzeitig vom Tisch gewesen. Ein Blick ins Textarchiv der Mediendienste legt freilich eine andere Interpretation nahe. Wie man hört, war das Angebot aus Gütersloh zum Anteilstausch aus Sicht der Jahr-Familie schlicht nicht akzeptabel. Hinzu kam, dass die Verleger-Dynastie eine hohe emotionale Hürde zu überspringen gehabt hätte, sich vom verlegerischen Stammbesitz loszusagen. Nimmt man beides zusammen, konnte das Tauschgeschäft unter den gegebenen Bedingungen nicht funktionieren.
Für den Geschäftsführer der Jahr-Holding, Winfried Steeger, dürfte es ein schwarzer Freitag sein. Der 62-Jährige hatte seine Position als Gesellschafter der Kanzlei Freshfield Bruckhaus Deringer im Frühjahr 2011 aufgegeben und eine G+J-Übernahme durch Bertelsmann maßgeblich betrieben. Dass dabei ein offenbar wenig lukratives Modell herauskam, könnte sein Ansehen bei den Gesellschaftern mindern. Und davon abgesehen hätte Steeger als "Dealmaker" im Erfolgsfall finanziell wohl selbst gehörig profitiert.
Bertelsmann-CEO Thomas Rabe muss das Scheitern seines Plans schnell abhaken, denn von ihm wird zehn Monate nach seiner Amtsübernahme verlangt, dass er "liefert". Allzu viele Erfolge kann er bislang nicht vorweisen; der Beweis, dass sein Strategieentwurf den Konzern nachhaltig voranbringt, steht noch aus. Von daher wird auch er interessiert sein, entstandene Irritationen bei der Zeitschriften-Tochter schnell auszuräumen und notwendige Reformen im Verbund mit den Jahrs auch in Hamburg rasch auf den Weg zu bringen. 
Gruner + Jahr bleibt nun Teil der Jahr-Familie, die – allen voran die langjährige Verlegerin und Chefredakteurin Angelika Jahr-Stilcken – ihr Bekenntnis zum Verlagsgeschäft nun erneuert hat. Die Erleichterung darüber ist bei den Mitarbeitern spürbar: Die Rahmenbedingungen, in denen sich das Verlagshaus bewegen und verändern will (und muss), sind klarer als zuvor. Und auch beim Führungstrio setzt Bertelsmann auf Kontinuität. Das "Vorstandsteam" mit Julia Jäkel, Torsten-Jörn Klein und Achim Twardy, so ein Sprecher, sei keine Übergangslösung, das CEO-Amt werde auf absehbare Zeit nicht besetzt.

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