Das Miriam-Kachelmann-Medien-Bulletin

Publishing Jörg Kachelmann war gestern. Der neue Liebling der Medien ist Miriam Kachelmann. Jedenfalls was Ferndiagnosen, Instant-Psychogramme und bescheuerte Spekulationen angeht. In diesem Sinne könnte man auch sagen: Miriam Kachelmann ist die neue Bettina Wulff. Und sonst: Bild ruft einseitig den großen Gottschalk-Silbereisen-Krieg aus, Anne Will macht am späten Mittwochabend einen guten Job und Frank Elstner besteht die Humor-Tauglichkeitsprüfung an der Springer Akademie.

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Mit Miriam Kachelmann haben “die Medien” eine neue Lieblingsfigur in der endlosen Kachelmann-Soap entdeckt. Die Interviews des Ehepaars Kachelmann und deren Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse waren für diverse Medien Steilvorlagen, hemmungslos über die Natur dieser Ehe und die Psyche dieser Frau zu psychologisieren. Stefan Niggemeier hat das in seinem Blog sehr schön zusammengefasst. Die People-Presse will in Sachen Miriam-Kachelmann-Psychogramm natürlich auch nicht hinten anstehen und so veröffentlichten sowohl Gruners Gala (erstmals unter Leitung von Christian Krug) und In (ein Joint Venture von Gruner und Klambt Verlag) diese Woche bereits hanebüchene Artikel zum Thema. In fragte: “Wer ist die Kachelfrau an seiner Seite wirklich?” und diagnostizierte fast enttäuscht, dass man bei ihr „Berührungsängste mit der Presse“ vergeblich suche. Trotz fehlender Berührungsängste war Miriam Kachelmann dann so frech, der In und der Rest-Presse diverse Fragen nicht zu beantworten. Zum Beispiel: “Warum die 26-Jährige bei ihm blieb und ihn schließlich heiratete, diese Antwort ist sie der Öffentlichkeit noch schuldig.” (In) Und weiter: “Ob sie fürchtet, dass ihr Mann wieder fremdgeht, will bei der Buchvorstellung ein Reporter wissen. ‘Darauf werde ich ihnen keine Antwort geben’, sagt sie mit dunkler Stimme und die tief-dekolletierte Brust hebt und senkt sich stark vor unterdrücktem Ärger.” „Tief-dekolletierte Brust“ – also bitte!

Die Gala wiederum räsoniert, dass die Weigerung Miriam Kachelmanns ein Interview zu geben nur daran liegen könne, dass der Buchverlag Heyne nun “die Notbremse zog”, weil Kritiker und Zuschauer auf die Auftritte des Ehepaares “irritiert bis entnervt” reagiert hätten. Am Ende schafft es die Gala noch, von hinten durch die wahrscheinlich tief dekolletierte Brust ins Auge einen Zusammenhang zum Bettina-Wulff-Buch herzustellen: “Vielleicht war es aber auch die Angst, dass sich ein PR-GAU à la Bettina Wulff anbahnen könnte.” Die In schloss ihren Artikel mit den Worten: “Am Ende ist sie dann doch überfordert von der Presse und den Frage” und habe das Weite gesucht. Wenn man “überfordert” durch “angewidert” oder “genervt von den Medien” ersetzt, ergäbe der Satz womöglich Sinn.

Da hat der Show-Titan a.D. Thomas Gottschalk also diese Woche vor Studierenden und Professoren der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg einen Vortrag gehalten. Thema: “Lassen sich Quote und Anspruch in der heutigen Fernsehunterhaltung noch auf einen Nenner bringen?” Die kurze Antwort wäre gewesen: Ja. Aber Gottschalk musste rund 90 Minuten füllen. Dank übervollem Anekdoten-Schatzkästlein und einem Hang zu gnadenloser Selbstüberschätzung kein Problem für ihn. Für Schlagzeilen sorgten dann ein paar eher harmlose Spitzen gegen den Volksmusik-Ansager Florian Silbereisen. Der sei, Achtung Witz, ein “Carolin-Reiber-Klon” und, noch “witziger”: “der größte Irrtum in der Fernsehgeschichte.” Grund genug für die Bild, sofort beim Flori durchzuklingeln und zu petzen, was der Thommy da Böses über ihn gesagt hatte. Silbereisen bewies, dass er den gepflegten Spar-Witz mindestens genausogut beherrscht wie Gottschalk. Seine Replik, von der Bild dokumentiert: „Ich freue mich, dass wir so viele Zuschauer haben und dass Gottschalk scheinbar dazu gehört. Auch über das ‚Supertalent‘ hat Gottschalk oft gelästert, heute sitzt er dort in der Jury und findet die Sendung toll.“ Und, wie der Flori, wahrscheinlich mit “Augenzwinkern” hinzufügte: „Vielleicht leitet er irgendwann meinen Fanclub!“ Das sind ja mal zwei “Entertainer” vor dem Herrn. Der eigentliche Witz an dem Geplänkel ist, dass die Bild diese Nichts von einem Vorgang am Freitag zum Haupt-Aufmacher auf der Seite 1 machte mit der Zeile: “Gottschalk macht Silbereisen platt!” Bild.de faselte etwas vom "Titanen-Zoff". Der im Exil befindliche Bild-Boss Kai Diekmann prägte für Schlagzeilen diesen Kalibers mal den Begriff “übergeigt”.

Qualitätsfernsehen kann zwar gute Quoten haben, muss es aber nicht. Die ARD zeigte am Mittwoch den Fernsehfilm “Auslandseinsatz” über das Engagement der Bundeswehr in Afghanistan. Leider wollten den sehr gut gemachten Film nicht allzu viele Leute sehen. Nach dem Film diskutierten bei “Anne Will” u.a. Verteidigungsminister Thomas de Maizière, der gute Mensch aus München, Jürgen Todenhöfer, und der sicherheitspolitische Sprecher der Grünen, Omid Nouripour. Die Diskussion war unaufgeregt, sachlich fundiert, dem Thema angemessen. Überhaupt fällt in jüngster Zeit auf, dass die Talkshow von Anne Will am späten Mittwochabend immer besser wird – auch im Vergleich zu “Hart aber fair”, das an dem Montagssendeplatz aus seiner Sinnkrise noch immer nicht herausgefunden hat. Die „Anne Will“-Sendung neulich über Lebensmittel, die über Helmut Kohl oder auch die Sendung zur Beschneidungsdebatte waren sorgfältig vorbereitete und souverän moderierte Talkshows wie sie sein sollen. “Anne Will” war noch nie so gut wie jetzt am späten Mittwochabend. Leider ist der Sendeplatz totaler Mist. Wer am nächste Tag früh raus muss, kann sich die Talkshow auch als Audio-Podcast runterladen.

Zum Schluss noch zwei Fundstücke. Frank Elstner wurde von der Axel Springer Akademie angeheuert, “Moderatoren für Morgen” auszubilden. Um die “Frank Elstner Masterclass” zu promoten stellt der “Wetten dass..?”-Erfinder seit kurzem in losen Abständen “Elstners 10 Gebote” für gute Moderatoren bei YouTube ein. Dabei beweist TV-Dino Elstner, dass er Humor hat. In jeder Folge werden kurze Ausschnitte gezeigt, in den Elstner teils sensationell lustige Ausrutscher passiert sind, u.a. mit einem begriffstutzigen Karl MoikIn der jüngsten Folge “Du musst immer Herr der Lage sein”, thematisiert er sein verkorkstes Lena-Interview vor dem Eurovision-Song-Contest. Sehenswert!

Und hier noch schnell der Pressevertriebs-Witz der Woche (offenbar schon ein wenig älter, aber immer noch lustig):

Schönes Wochenende!

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