Jauch und das Rehlein auf der Autobahn

Fernsehen Das Ehepaar Jörg und Miriam Kachelmann war am Sonntagabend bei „Günther Jauch“ zu Gast. Die beiden wollten PR für ihr Buch machen und für „ihre Sache“ kämpfen. Sie haben sich mit diesem Auftritt keinen Gefallen getan. Eine fragwürdige Gästerunde (u.a. ausgerechnet mit Hans-Hermann Tiedje als Sprachrohr der Medienzunft), ein völlig überforderter Moderator und die kruden Opfer-Thesen der Kachelmanns sorgten dafür, dass das Talk-Flaggschiff der ARD Schiffbruch erlitt.

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Zunächst einmal: Günther Jauch. Der für viel Geld, gute Worten und große Erwartungen eingekaufte Moderator erwies sich bei der Kachelmann-Sendung nicht zum ersten Mal als völlig überfordert. Zeitweise konnte man als Zuschauer den Eindruck gewinnen, dass man ihn durch seine Michael-Kessler-Parodie aus „Switch Reloaded“ ausgetauscht hatte – so hektisch wurde in den Moderationskärtchen geblättert. Jauchs Rolle beschränkte sich aufs Stichwortgeben für die Kachelmanns und auf das unvermittelte Anmoderieren der Einspielfilme. Verbale Ausraster, zum Beispiel von Hans-Hermann Tiedje, der die Kachelmanns teils wüst beschimpfte, nahm Jauch unkommentiert hin. Gegen Ende hatte er auch die Zeit nicht mehr im Griff. Gerade noch diskutierten alle wild durcheinander, schwupps leitete Jauch über zu den „Tagesthemen“. Dass Jauchs Redaktion zwischendurch auch noch ein falsches Foto eines Anwalts der ehemaligen Kachelmann-Geliebten einblendete und der Moderator dies offensichtlich nicht kapierte, als ihn Miriam Kachelmann darauf hinwies, zeugte auch nicht von Geistesgegenwart.

Dann: die Kachelmanns. Jörg und Miriam Kachelmann scheint es nur noch im Duo zu geben. Zusammen haben sie den Fall aufgearbeitet, zusammen haben sie das Buch „Recht und Gerechtigkeit“ geschrieben, zusammen haben sie dem Spiegel ein Interview gegeben, zusammen haben sie an ihrer persönlichen Sicht auf die Welt und die große Anti-Kachelmann-Verschwörung gebaut. Jetzt traten sie also zusammen bei „Günther Jauch“ auf. Miriam Kachelmann scheint von großem Eifer beseelt und hat erkennbar die Sache ihres Mannes zu ihrer Sache gemacht. Zeitweise musste Jauch Jörg Kachelmann direkt ansprechen, da sonst sie gerne an seiner Stelle antwortete. Sie sprach zwischendurch sogar schon von „unserem Prozess“ – gerade so als habe sie selbst mit auf der Anklagebank gesessen. Doch die kruden Thesen, die die Kachelmanns in ihrem Buch und nun auch in der Jauch-Sendung entwickelt haben, lassen sich nicht nachvollziehen. Einerseits behaupten sie, nicht verallgemeinern und auch für echte Vergewaltigungsopfer eintreten zu wollen. Andererseits reden sie vom „Opfer-Abo“ und vom „Massenphänomen Falschbeschuldigung“. Werden sie nach Nachweisen gefragt, werden persönliche Erlebnisse aus dem Prozess oder Erfahrungsberichte eines einzelnen Prozess-Gutachters genannt. Jörg Kachelmann erzählte, dass er sich während des Verfahrens gegen ihn als „Rehlein auf dem Mittelstreifen der Autobahn“ gefühlt habe. Ein schiefes Bild, das symptomatisch scheint für eine schiefe Sichtweise und für das geschlossene „Wir gegen Alle“-Weltbild, das sich die Kachelmanns offenbar gebastelt haben.

Die Juristen: als Fürsprecher der juristischen Seite waren der ehemalige FDP-Politiker, Rechtsanwalt und Ex-Innenminister Gehart Baum sowie der ehemalige Verfassungsrichter Winfried Hassemer geladen. Hassemer sagte es Richtiges, als er Kachelmann vorwarf, eine „Verallgemeinerungsmaschinerie“ in seinem Kopf angeworfen zu haben. Er analysierte auch nachvollziehbar, dass es bei Vergewaltigungsprozessen generell ein „Strukturproblem“ gebe, nämlich dass man oft zwei Aussagen und wenig bis gar keine Fakten habe. Als Hauptfehler im Kachelmann-Verfahren bezeichnete er, dass vertrauliche Ermittlungsakten in einem sehr frühen Stadium von Seiten der Staatsanwaltschaft an die Medien durchgestochen worden seien. Baum und Hassemer waren sich einig, dass darin das Hauptproblem liege. Die beiden alten Herren kamen zur Lösung, dass man eine Staatshaftung für Falschbeschuldigung einführen müsse und die Kontrollinstanzen der Staatsanwälte sollten da so ein bisschen besser draufgucken. Problem gelöst. Hassemer lehnte sich wieder zufrieden in seinem Stuhl zurück. Die kalte Art der Analyse eines Vergewaltigungsprozesses („Strukturproblem“) und die Art und Weise, wie beiden in penetranter Weise anderen nicht zuhörten und berechtigte Argumente der Kachelmanns (etwa, dass eine Staatshaftung extrem schwer durchzusetzen sei) schlicht ignorierten, war aber nicht dazu angetan, dass man nach der Sendung ein gesteigertes Vertrauen in den deutschen Justizapparat entwickeln konnte. Es gilt weiter der alte Spruch: Wann ist der beste Zeitpunkt vor einen Richter zu treten? Antwort: Niemals!

Die Medien: Großer, gütiger Gott! Da ist der Jauch-Redaktion niemand besseres als Vertreter der Medienseite eingefallen als ausgerechnet der Ex-Boulevard-Brutalo und heutige PR-Söldner Hans-Hermann Tiedje? Falls die Jauch-Redaktion vorgehabt haben sollte, das Image der Medienzunft nachhaltig und supergründlich zu ruinieren, dann hätten sie freilich keinen besseren Gast finden können. Wahrscheinlich wurde Tiedje eingeladen, weil er halt mal in einer anderen Zeit sowohl Bild- als auch Bunte-Chefredakteur war. Tiedje tat, was man von ihm erwarten konnte: Er pöbelte rum, beschimpfte Miriam Kachelmann als Quotengift und Jörg Kachelmann als „Wetterfuzzi“. Das Buch der beiden sei schlecht und schlicht geschrieben usw. Es hätte nur noch gefehlt, dass Tiedje den Kachelmann fragt, ob er nicht rausgehen will, damit sie sich gegenseitig gepflegt auf die Schnauze hauen können. Weit davon entfernt schienen die beiden an dem Abend nicht zu sein.

Am Ende war es nach dieser Talkrunde am späten Sonntagabend ein bisschen wie beim Prozess selbst: alle haben sich gründlich blamiert, keiner hat gewonnen.

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