Dapd-Insolvenz: Sieben Wochen Hoffnung

Publishing Wolf von der Fecht, Insolvenzgeschäftsführer der Nachrichtenagentur dapd, sieht noch kein Licht am Ende des Tunnels. "Der Fall ist herausfordernd und das Ergebnis noch offen", sagte er im Gespräch mit MEEDIA. Für die zahlungsunfähigen Firmen gebe es eine "Reihe von Interessenten". Am Wochenende wurde der Sender N24 als möglicher Investor ins Spiel gebracht. Dazu wollte sich Fecht nicht äußern. Parallel arbeite man für den Fall der Unvermittelbarkeit an einem Plan B für die Agentur.

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Priorität habe für ihn, dies machte der Insolvenzgeschäftsführer in dem Gespräch klar, der Verkauf der Unternehmen an einen Investor. Vor zwei Wochen hatten die Eigentümer der dapd-Holding, Peter Löw und Martin Vorderwülbecke, überraschend für acht dapd-Unternehmen Anträge auf Eröffnung von Insolvenzverfahren beim Amtsgericht Charlottenburg in Berlin gestellt. Nachdem die beiden hauptberuflichen Finanzinvestoren die Nachrichtenagentur im Sauseschritt und unter entsprechend hohem Kapitaleinsatz aufgebaut und großgemacht haben, stellten sie ihre Bezuschussung aus privater Tasche – die Rede ist von 1 bis 1,5 Millionen Euro im Monat – aus bisher ungeklärten Gründen wieder ein und drehten damit für die betroffenen Firmen den Geldhahn zu.

"Es wäre wünschenswert", sagte Wolf-Rüdiger von der Fecht, Partner der Düsseldorfer Kanzlei Metzeler von der Fecht ("Creating Success"), "wenn möglichst viele der insolventen Unternehmen von einem Investor übernommen werden könnten. Schließlich hat dapd als Vollagentur ihr Ansehen erreicht." Bankverbindlichkeiten habe keine der zahlungsunfähigen Firmen, zu denen neben der dapd nachrichtenagentur GmbH und der dapd nachrichten GmbH u.a. der neu aufgebaute Sportdienst und die Video-Unternehmung der dapd-Holding gehören. Die besondere Situation liegt vor, weil die Eigentümer enorm hohe Kosten aufgebaut haben, vor allem Personalkosten durch neue Unternehmungen wie den Sportdienst, für den allein 60 Stellen geschaffen wurden. Es gebe viele Felder, so Fecht, "die hohe Kosten verursacht haben und bei denen es Einsparmöglichkeiten gibt" – oder die gegebenenfalls gar nicht mehr beackert werden sollten.

Auf der anderen Seite gebe es Unternehmensfelder, bei denen man nicht allein auf die Kosten schauen dürfe, weil sie für Investoren attraktiv sind. Welche Unternehmen er wie bewerte, wollte der Anwalt nicht konkret erläutern. Er wird beraten vom bisherigen Geschäftsführer Cord Dreyer, dem Finanzmann Eduard Regele und Vorstand Enno Bernzen. Die Information, der Nachrichtensender N24 sei an dapd interessiert, kommentierte Fecht auf Nachfrage nicht. Die Information wird von Insidern gegenüber MEEDIA bestätigt. Sie sollte aber mit Vorsicht genossen werden – auch N24 würde als kleiner Sender kaum in der Lage sein, den laufenden Betrieb in der jetzigen Form weiter zu finanzieren. Nach MEEDIA-Informationen gab es bereits vor einigen Monaten Gespräche zwischen den Unternehmen. In diesem Fall hatte allerdings N24-Mitgeschäftsführer Stefan Aust bei dapd angefragt, ob es Möglichkeiten zur Zusammenarbeit gebe. Wer in einer Konstellation dapd/N24 wen genau stützen soll, wäre hier noch die Frage.

Unklar ist noch, wie ein möglicher Plan B für dapd aussähe, fände sich bis Ende November (so lange reicht das Insolvenzgeld) kein Käufer. Fecht sagt nur so viel: "Es ist nun wichtiger, die hohe Qualität noch weiter in den Vordergrund zu stellen." Von den Insolvenzen betroffen sind bisher 300 Mitarbeiter, zahlreiche freie Autoren und Fotografen nicht eingerechnet. Ein Stellenabbau scheint allerdings in jedem Fall sehr wahrscheinlich, gibt es doch nur drei Varianten: 1. Übernahme durch einen Investor und anschließende Umstrukturierung, 2. Fortführung der Agentur durch die Alt-Eigentümer mit anschließender Restrukturierung, 3. Einstellung des Betriebs. Die betroffenen dapd-Unternehmen haben laut Fecht 460 Kunden.

Zur möglichen zweiten Variante sagte Fecht gegenüber MEEDIA: "Die Gesellschafter Peter Löw und Martin Vorderwülbecke machen alle Türen auf und haben keine Interessen, einer Zukunft ohne ihre Mitwirkung im Wege zu stehen. Allerdings haben sie auch in Gesprächen signalisiert, dass sie den Unternehmen zur Verfügung stünden, wenn sich kein Interessent fände, der die betroffenen Gesellschaften weiterführt." Es scheint indes unwahrscheinlich, dass eine solche Lösung auf große Begeisterung bei der Belegschaft stieße. Denn: Innerhalb der Mitarbeiterschaft haben sich die zuvor so spendablen Eigentümer viel Vertrauen verspielt, als sie abrupt die Reißleine zogen. Zwar war es allen Beteiligten klar, dass dapd immer vom Goodwill der Gesellschafter – Löw hält dem Vernehmen nach 90 Prozent, Vorderwülbecke den Rest – abhing. Dass sich die Geschäftsbedingungen aber so schnell und ohne Vorwarnung verändern würden, hat alle Beteiligten, das Top-Management eingeschlossen, überrumpelt.

Vorbehalte sind vereinzelt auch über die Bestellung von Dr. Fecht zu hören. Haben ihn doch die Gesellschafter selber ausgesucht. Der Kontakt kam nach seiner Aussage über seine Arbeit für die insolvente Modekette Wehmeyer zustande, die im vergangenen Jahr von Adler Moden übernommen wurde. Gesellschafter bei Adler ist wiederum BluO, ein von Löw und Vorderwülbecke geführter Finanzinvestor. Fecht sagte dazu: "Wir haben bei dapd alle Freiheiten und keine Vorgaben", dies sei auch rechtsverbindlich festgelegt worden. 

Mit den 18 nicht von der Insolvenz betroffenen dapd-Unternehmen gibt es laut von der Fecht wenig Berührungspunkte, sein Job ist allein bei den insolventen Unternehmen. Dennoch stellt sich für ein Gesamtbild die Frage, wie etwa die Holding, bei der bereits Ende September Führungspersonal gekündigt wurde, künftig weiterarbeiten soll und wie überlebensfähig andere dapd-Unternehmen abgekoppelt vom Kerngeschäft Nachrichtenagentur sein würden. Richtig profitabel sind offenbar die Unternehmen ddp images und ddp direct – doch deren Gewinne bringen dem insolventen Kerngeschäft der Agentur nun keinen Vorteil oder zumindest eine Linderung.

Zu seinem aktuellen Mandat – Fecht ist kein Medienspezialist – sagte der Anwalt: "Die Medienbranche hat flächendeckend mit großen Herausforderungen zu kämpfen. Die wirklichen Folgen der Digitalisierung der Medien sind noch gar nicht verarbeitet worden." Besonders sei an dem Fall aus seiner Sicht, dass dieser eine so hohe öffentliche Aufmerksamkeit erfahre: "Keine Nachricht bleibt unkommentiert. Eine erfolgreiche Sanierung gelingt aber am Besten in Ruhe." Um die Agentur zumindest vorläufig zu retten, hat Fecht noch sieben Wochen Zeit.

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