RP-Verleger Arnold will „Mentalitätswechsel“

Publishing Die Rheinische Post plant ihre Zukunft: Anfang 2013 wird das Portal RP Online relauncht, die Zeitungsmarke startet zudem noch in diesem Jahr eine tagesaktuelle App, weitere Anwendungen für Smartphones sollen folgen. Karl Hans Arnold, Chef der Düsseldorfer Mediengruppe, sprach mit MEEDIA über die Strategie des Unternehmens, die Übernahme der Zeitungsgruppe Saarbrücken und Innovation in Verlagen. Arnold, der auch Mitgesellschafter ist, fordert: "Wir brauchen eine permanente Produktentwicklung."

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Die Rheinische Post spielt mit ihrer Website schon lange ganz oben mit, was die Reichweiten der deutschen Nachrichtenportale angeht. Von den regional positionierten Angeboten erzielt zurzeit nur Express Online mehr redaktionelle Visits im Monat. Die App RP+ als von der gedruckten Zeitung unabhängige, jeweils am Wochenende verfügbare neue Ausgabe für Tablet-Leser hat gezeigt, dass die Düsseldorfer bereit sind, mit neuen Formaten zu experimentieren. Ein Stichwort für Arnold, der im Juli 2011 den Vorsitz der Geschäftsführung bei der Rheinische Post Mediengruppe übernommen hat. "Wir müssen eine Kultur des Ausprobierens entwickeln", sagt Arnold im Gespräch mit MEEDIA. "Für ein Unternehmen, das aus dem Zeitungsgeschäft kommt, ist das natürlich ein Mentalitätswechsel. Wir müssen Ideen schnell umsetzen, sie ausprobieren und auch wieder korrigieren." Der Umsatzanteil digitaler Geschäftsfelder liege derzeit bei etwa 8 Prozent.
"Gigantische Möglichkeiten"
Ein wenig klingt Arnold, der Mitglied von einer der drei Gründerfamilien der Mediengruppe ist, in diesem Moment wie Springer-Chef Mathias Döpfner. Auch Döpfner sagt wie nun Arnold bei jeder passenden Gelegenheit, die Digitalisierung biete "gigantische Möglichkeiten für Journalisten". Obwohl Springer sich vor einiger Zeit von Beteiligungen an Regionalzeitungen getrennt hat – Käufer war damals die Verlagsgruppe Madsack – und die Strategien der beiden Medienunternehmen sich unterscheiden, ist der Sound frappierend ähnlich. "Nur, weil wir an Print glauben, heißt das nicht, dass wir ein reines Zeitungshaus sind", sagt nun Arnold, der in Volkswirtschaft promovierte und seine Karriere zunächst außerhalb von Düsseldorf bei Gruner + Jahr in Paris begann, bei Zeitschriftenlegende Axel Ganz.
Vielleicht ist es also ein Hauch französischen Esprits, der Arnold dazu animiert, eine "permanente Produktentwicklung" für seinen Verlag anzuregen. "Es geht nicht darum, ein einziges Angebot in den Markt zu bringen", sagt der 50-Jährige. "Mehr Mut für Neues" lautet die Devise. Denn: "Auf die herkömmliche Weise – Produktentwicklung, Marktforschung, Tests, usw. – bringen wir uns in die Gefahr, hinterherzulaufen." Und hinterherlaufen, das will Arnold nicht. Der ehemalige Herausgeber von National Geographic France erweckt den Eindruck eines Präsidenten, der just vor dem Gespräch aus der Tasche der Gesellschafter finanzierte Expeditionsschiffe in Richtung Digitalien entsandt hat. "Arnold vertraut auf seine Leute, führt mehr durch Fragen als durch Vorgaben", heißt es im Verlag, durchaus anerkennend.
Enge Zusammenarbeit mit tschechischen Kollegen
Bei der Konzeption neuer digitaler Angebote arbeitet die Rheinische Post derzeit eng mit ihren Kollegen in der Tschechischen Republik zusammen, wo der RP Mediengruppe die Zeitungen Lidové noviny und Mladá fronta Dnes gehören, die ebenfalls seit einiger Zeit Erfahrungen mit digitalen Geschäftsmodellen sammeln. In einer vernetzten AG Redaktion arbeiten eine ganze Reihe junger Redakteure an App-Konzepten. Die geplante tägliche App der RP soll sehr lokal ausgerichtet sein, heißt es in Düsseldorf. In einem Interview mit Horizont kündigte RP-Chefredakteur Sven Gösmann unlängst auf die Nutzer zugeschnittene, personalisierbare Inhalte an. Er sagte dem Fachblatt: "Was Immoscout, Foursquare oder Google Street View können, können wir auch. Das ist letztlich nur eine Frage der Technik. Aber: Wir haben zusätzlich eine Fülle von journalistisch aufbereitetem Content, den die anderen nicht haben. Unser Ziel muss es sein, das Hauptinformationsportal für die Stadt und die Region zu werden." Ein Portal, auch das ist klar, das in absehbarer Zeit mit einem Bezahlmodell aufwarten wird. "Trivial ist diese Aufgabe natürlich nicht", sagt Arnold, der Weg zur Etablierung von Bezahlinhalten sei zugegeben "mühselig".
Karl Hans Arnold gehört zu den Medienmanagern, die bisher bei Zeitungskongressen und sonstigen Verleger-Festivitäten im Hintergrund geblieben sind. Wie es sich für einen Regionalzeitungsverleger gehört, lässt sich Arnold eher mal bei der Eröffnung eines Schützenfestes sehen. Sein Familienname ist in der Düsseldorfer Gesellschaft bekannt, nicht nur wegen der Rheinischen Post. Arnolds Großvater Karl Arnold war eine prägende Figur der CDU nach dem Zweiten Weltkrieg, er gründete die Düsseldorfer Christdemokraten, war 1946 Oberbürgermeister der Stadt und wurde im selben Jahr einer der Lizenzträger der Zeitung Rheinische Post. 1947 wurde Arnold dann erster frei gewählter Ministerpräsident des Landes. Heute ist eine Stiftung nach dem bereits 1958 verstorbenen Politiker benannt. 
Teuerste Akquisition der Unternehmensgeschichte
Doch zurück zum Enkel. Der sagt über die Mediengruppe, für die er seit 2002 tätig ist: "Wir sind ein unabhängiges Medienhaus in Familienhand und wollen das bleiben. Wir wollen unsere Zukunft aktiv gestalten und sind auf Wachstum eingestellt. Die dafür erforderlichen Spielräume haben wir." Letzteres haben Arnold und seine Mitgesellschafter erst vor wenigen Wochen unter Beweis gestellt. Für geschätzte 200 Millionen Euro kauften die Düsseldorfer die Mehrheit an der Zeitungsgruppe Saarbrücken – die teuerste Akquisition der Unternehmensgeschichte. An dem Medienhaus in Saarbrücken, das zuvor mehrheitlich zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck gehörte, hängen mehrere Zeitungen sowie ein internationaler Übersetzungsdienst, der allein etwa 100 Millionen Euro im Jahr erwirtschaftet. Den rund 330 Millionen Euro Jahresumsatz in Saarbrücken stehen knapp 500 Millionen Euro Umsatz der Mediengruppe in Düsseldorf gegenüber.
Warum sein Kollege Stefan von Holtzbrinck die renditestarke Gruppe in Saarbrücken verkauft hat? "Fragen Sie ihn selbst", sagt Arnold. Holtzbrinck schätze er jedenfalls "als Unternehmer und Verleger sehr". "Kerngesund" sei das frisch erworbene Unternehmen, lobt Arnold, und ergänzt: "So viel zur kranken Zeitungsbranche." Mag es von Branchenbeobachtern und anderen Managern inoffiziell auch heißen, sie hätten so viel Geld nicht mehr in ein Zeitungshaus gesteckt – die Düsseldorfer haben mit der Übernahme ein klares Zeichen gesetzt. Gemeinsam mit Madsack, dem Verlag der Augsburger Allgemeinen und einigen wenigen anderen Verlagen steht die RP Mediengruppe für den dieser Tage zuweilen trotzig-selbstbewusst vorgetragenen Zeitungs-Optimismus. Der nicht zu verwechseln ist mit Print-Optimismus. 2010 erwirtschafteten die Rheinländer einen Jahresüberschuss von 16,4 Millionen Euro, nach einem Minus von 6,2 Millionen im Jahr zuvor. Um wieder ins Plus zu kommen, wurde heftig an der Kostenschraube gedreht.
"Unsere Branche hat ein Imageproblem"
Eine von Print-Skeptikern zuweilen unterstellte Naivität von Zeitungsverlegern, unbelehrbar an Print und alten Geschäftsmodellen festzuhalten – sie ist bei Arnold nicht zu diagnostizieren. Ohne Frage hat sein Verlag gerade eine Menge Geld für ein Zeitungsunternehmen ausgegeben, das noch in erster Linie mit bedrucktem Papier handelt, nicht mit der unabhängig von einem Aggregatszustand verfügbaren Ware Information. Dazu muss man als Verleger zwar weiterhin stehen, an die Zukunft dieser Erlösquelle muss man indes nicht glauben. Die Zukunft des Zeitungswesens wird differenzierter sein als das, was Kritiker den Verlegern als Strategie unterstellen. "Unsere Branche hat ein Imageproblem", gibt Arnold zu. "Wir wirken oftmals zu larmoyant und verweisen auf die gute alte Zeit. Wir sollten vielmehr auf unsere Stärken verweisen. Viele Häuser entwickeln innovative Geschäftsmodelle und setzen diese erfolgreich um. Darüber sprechen wir viel zu wenig." Und selbstverständlich arbeiten die Düsseldorfer auch weiter an ihrer gedruckten Ausgabe, die optisch weiterentwickelt werden soll. Nicht im Sinne eines Relaunches, sagen die Rheinländer, eher im Geiste eines "Release-Wechsels". Alles ist im Fluss. Derzeit liegt die Auflage bei knapp 344.000 Exemplaren, was einem Minus zum Vorjahr von 0,8 Prozent entspricht – ein vergleichsweise sehr guter Wert.
Mit dem Deal in Saarbrücken tritt Arnold auch aus dem Schatten von Clemens Bauer, der seit 1993 die Geschicke der Mediengruppe bestimmte. Auch unter Bauer standen die Zeichen bereits auf Expansion, vor allem international. Die Gruppe hält neben den Zeitungen in Tschechien Beteiligungen in der Slowakei, Polen und den Niederlanden. An diversen lokalen TV- und Radiosendern wie Center.tv Düsseldorf und Radio NRW ist die Gruppe ebenso beteiligt wie an Anzeigenblättern, Fachmedien und Onlineportalen wie dem Rubrikenmarkt Kalaydo. Selbst ein physisch existierendes Shoppingcenter in der Düsseldorfer Innenstadt ist im Portfolio, die Schadow Arkaden.
Größe ist nicht alles – aber wichtig
Was nun den jüngsten Kauf angeht, hält Arnold den Ball eher flach: "Da übernimmt nicht ein Starker einen Schwachen, da treffen sich zwei Gesunde und machen noch etwas Größeres daraus." Keinesfalls soll der Eindruck entstehen, die Nordrhein-Westfalen gerierten sich als gefräßige Verleger-Heuschrecken. Zumal sie in Saarbrücken mit der GSB, einer von drei politischen Stiftungen gehaltenen Gesellschaft, einen starken Minderheitsgesellschafter haben. "Größe", sagt Arnold, "ist nicht das allein Entscheidende, spielt aber in einer sich konsolidierenden Branche eine Rolle. So sind ganz andere Skaleneffekte und Effizienzen möglich." Wobei der Gesprächspartner bitte keinesfalls auf die Idee kommen sollte, man wolle Redaktionen zusammenlegen. Das sei nun wirklich kein Thema. Auch die Düsseldorfer Experimentierlust hat offenbar ihre Grenzen.

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