Niiu: Im zweiten Anlauf kann’s klappen

Mit 21 war Wanja S. Oberhof Mitgründer eines Start-ups, das die personalisierte gedruckte Zeitung entwickeln wollte. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner und Finanzier Hendrik Tiedemann startete Ende 2009 Niiu. Das Interesse an ihrem Produkt war groß, nur die zahlenden Nutzer hielten sich in Grenzen. Und die Fehleranfälligkeit bei Druck und Vertrieb war zu hoch. Anfang 2011 war zunächst Schluss. Jetzt kommt Niiu als Tablet-App zurück. Eine Geschichte über Nachrichten im Medienwandel.

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Mit 21 war Wanja S. Oberhof Mitgründer eines Start-ups, das die personalisierte gedruckte Zeitung entwickeln wollte. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner und Finanzier Hendrik Tiedemann startete Ende 2009 Niiu. Das Interesse an ihrem Produkt war groß, nur die zahlenden Nutzer hielten sich in Grenzen. Und die Fehleranfälligkeit bei Druck und Vertrieb war zu hoch. Anfang 2011 war zunächst Schluss. Jetzt kommt Niiu als Tablet-App zurück. Eine Geschichte über Nachrichten im Medienwandel.

Schon zum Start vor etwa drei Jahren war mein Kollege Stefan Winterbauer skeptisch. Eine gedruckte Tageszeitung, deren Inhalte sich der Nutzer nach seinen Vorlieben zusammenstellen kann? Das werde schon technisch kaum funktionieren. Der Kollege behielt Recht. Heute sind Oberhof und Tiedemann um einige Erfahrungen reicher, auch um eine Menge Kontakte. In die USA und nach Australien wurden die beiden Gründer eingeladen, um über ihre Idee zu sprechen. Auch die Nachfrage sei in Ordnung gewesen – Niiu generierte Kundenkontakte in fünfstelliger Höhe. Werbekunden wie BMW oder Media Markt waren angetan von der Möglichkeit, Leser direkt ansprechen zu können. "Am Markt vorbeigebraust sind wir also keineswegs", sagt Oberhof im frisch bezogenen Niiu-Büro in Berlin-Mitte.

Was von vornherein bei dem Projekt Niiu erstaunte, war die Tatsache, dass zwei junge Männer, die ein Geschäftsmodell mit dem Vertrieb von Nachrichten aufbauen wollten, ausgerechnet auf die Idee kamen, eine gedruckte Zeitung zu entwickeln. Im Jahr 2009. Nun ist die gedruckte Zeitung an sich noch kein Anachronismus. Eine personalisierte gedruckte Zeitung, die mit Nachrichten vom Vortag per Post kommt, dagegen schon. Auch wenn die beiden Gründer für Papier schwärmen und ein kleines gerahmtes Bild von Axel Springer im Büro von Oberhof an der Wand lehnt – der Ansatz war zu sehr an der Zeit vorbei, um massentauglich zu sein.

Für die beiden Gründer spricht derweil, dass sie sehr konsequent den Nutzen gesehen haben, den personalisierte Nachrichten mit sich bringen. Sie haben nur den verkehrten Vertriebskanal zu sehr in ihrem Konzept – das digitale Endgeräte übrigens vorgesehen hatte – betont. Da deutsche Medienunternehmen klassisch so gut wie nicht miteinander kooperieren, gab es auch nach dem Ende des ersten Niiu-Anlaufs im Januar 2011 einen Bedarf für solche Angebote. Tablet-Apps wie Zite und Flipboard haben gezeigt, wie Aggregatoren unterschiedlicher News-Quellen – von Zeitungen, Zeitschriften bis zu Blogs und alternativen Publishern – gebündelt in einer Anwendung sinnstiftend sein können. Springer experimentierte bisher nur mit einem Aggregator für Tablets, andere nennenswerte Versuche gibt es nicht.

Wenn Niiu also bis zum Jahresende einen zweiten Anlauf als digitale News-App nimmt, dann könnte der Sprung dieses Mal klappen. Nutzer werden sich gegen eine Monatsgebühr ihr Nachrichten-Menü zusammenstellen können. Nach klassischen Ressorts sortiert (Sport von der Süddeutschen, Regionales vom Tagesspiegel, etc.), später möglicherweise auch nach Schlagworten (z.B. Griechenland, iPhone, FC Bayern). "Die Leute wollen auch auf ihren digitalen Geräten überregionale und lokale Inhalte lesen. Das wollen wir bieten – alle für einen Nutzer relevanten Inhalte in einer Anwendung, bei der man mit einem Abo niemals vor einer Paywall stehen wird", sagt Oberhof. Denn auch etwa bei Flipboard kann es passieren, dass ein Nutzer nach dem Klick auf "mehr…" zu einer Seite gelangt, die ihn zur Zahlung einer Gebühr auffordert.

Rund 10 Euro könnte das Monatsabo in etwa kosten, eher etwas mehr. Oberhof mag selber keine Zahl nenne, es werde noch gerechnet. Mit jedem der Publisher, die bei Niiu mitmachen, gibt es einen Vertrag über die Nutzung der Beiträge, übrigens auch der Fotos, was von der Rechtelage vertrackt ist. Alle Inhalte werden in einem einheitlichen Design dargestellt, verspricht er. Da es keine gemeinsame Lizensierungsgesellschaft der deutschen Zeitungsverlage gibt, muss mit jedem Anbieter einzeln verhandelt werden. Das ist in den USA einfacher, dort gibt es NewsRight (an der auch die Axel Springer AG beteiligt ist), die exakt solche Anliegen wie das von Niiu regelt. Auch mit NewsRight werde Niiu einen Vertrag abschließen, sagt Oberhof.

Stellt sich nun die Frage nach der Zahlungsbereitschaft der Nutzer. Bis Ende des Jahres sollen bis zu 40 Zeitungstitel in der ein oder anderen Form Online-Bezahlmodelle eingeführt haben. Allzu viele Abos werden Nutzer nicht abschließen. Bigpoint-Chef Heiko Hubertz, der sein Geld mit Browserspielen verdient, glaubt sogar, dass das Abo-Modell als solches tot ist, sagte er neulich beim Scoopcamp in Hamburg. Warum also zahlen? Für den Service der Aggregation, der übersichtlichen Darstellung innerhalb einer Anwendung und der Filterfunktion – nur so kann eigentlich die Antwort lauten. Ein Knackpunkt ist noch die Frage der Aktualität: Wie wichtig wird es möglichen Nutzern sein, dass die Artikel auf dem letzten Stand der Dinge sind?

Wanja Oberhof und Hendrik Tiedemann haben Investoren für Niiu gefunden, die nun eine Minderheitsbeteiligung an dem Start-up halten. Gemeinsam investieren sie eine Summe in mittlerer sechsstelliger Höhe. Zum Neustart sind Titel von Axel Springer dabei, der Berliner Tagesspiegel und die Schweizer NZZ. Von Erfolgsgeschichten wie der von Spotify lassen sich die Gründer inspirieren. Fünf Jahre nach der ersten Idee für Niiu sind die beiden in der Gegenwart angekommen.  

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