Die tollkühnen Vorgänger von Baumgartner

Fernsehen Er ist nicht einmal gesprungen und doch ist Felix Baumgartner das Thema der Stunde. Aus 36 Kilometer Höhe will er sich hinabstürzen. Was auch heute verrückt klingt, war es erst recht beim aktuellen Rekord von 31 Kilometern. Aufgestellt wurde er 1960 im Rahmen einer Versuchsreihe, die klingt, als entstamme sie einer Science Fiction-Serie. Ihr Hauptdarsteller: Joseph Kittinger. Ein Mann, gegen den selbst MacGyver alt aussieht und der nun für eine Hauptrolle beim Baumgartner-Sprung zurückkehrt.

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Die Szene könnte aus einem Hollywood-Streifen stammen: Ein Raumschiff soll landen, doch es gibt Probleme. Die Bodenstation erwägt, dass die Crew das Schiff mit Fallschirmen verlassen soll. Doch die Entfernung ist zu hoch. Ein junger Techniker sagt "das hat noch nie ein Mensch geschafft" und ein alter Militär im Hintergrund korrigiert ihn: "Doch, das geht, geben sie mir das Funkgerät." Am Ende der geglückten Aktion, bei der ersichtlich wird, dass der alte Herr es selbst war, der einst die Machbarkeit eines solchen Unterfangens unter Beweis stellte, spricht ihn ein Russe an. "Respekt, aber glauben Sie nicht, dass Sie Yankees die einzigen waren, die in den 60ern ihre Tests gemacht haben".
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Was den Stoff so unfassbar macht: Nur das Raumschiff und der junge Techniker sind erfunden. In Wahrheit muss man sie durch Felix Baumgartner und die staunende Öffentlichkeit ersetzen. Der Rekord, den der Österreicher eigentlich Gestern toppen wollte, wird derzeit vom US-Amerikaner Joseph Kittinger gehalten und der hat sage und schreibe seit über fünfzig Jahren bestand. Kittinger war lange Zeit für die US-Luftwaffe aktiv und absolvierte seinen Rekord-Sprung aus 31 Kilometern Höhe im Rahmen des Project Excelsior, eine Versuchsreihe der Air Force.
Anders als im eingangs skizzerten Science-Fiction-Szenario war die Versuchsreihe jedoch kein Top-Secret-Projekt, sondern erlange wie Baumgartner jetzt große öffentliche Aufmerksamkeit. Bereits im gleichen Jahr schaffte es Kittinger auf das Cover des Life-Magazin. Project Excelsior legte den Grundstein für spätere Raumfahrt-Erfolge, die mit den Namen Alan Shepard oder Neil Armstrong verbunden werden. Kittinger war zwar nie selbst im Weltraum, aber mehrere Male sehr dicht dran.
Bewusstlos gen Grund
Vor der Sprung-Reihe von Project Excelsior war er 1957 Versuchsperson im Projekt Man High. Hierbei wurden mit Heliumballons Druckkapseln in großer Höhe getestet, um Erkenntnisse für spätere Raumflüge zu gewinnen. 1959 und 1960 folgten dann die Excelsior-Sprünge, welche die Blaupause für den Sprung von Baumgartner darstellen. Getestet werden sollten damals vor allem Fallschimsysteme. Die Luftwaffe machte sich ob der immer schneller und höher fliegenden Jets Sorgen, ob die Maschinen überhaupt noch im Notfall zu verlassen sind.
Der erste Sprung findet am 16. November 1959 statt und endet beinah in einem Total-Desaster. Knapp über 23. Kilometer hoch fliegt Kittinger bevor er springt. Auf seinem Weg nach unten löst sich ein Fallschirm, der ihn eigentlich stabilisieren soll, zu früh und verfängt sich. Kittinger dreht sich zweimal pro Sekunde um die eigene Achse, verliert das Bewusstsein. Doch der Hauptschirm öffnet sich rechtzeitig automatisch und rettet dem Springer das Leben.
Gerade einmal drei Wochen später wiederholt er den Versuch jedoch mit leichten Änderungen. Diesmal gelingt alles wie es sollte. Ein halbes Jahr später ist es dann Zeit für Excelsior III, dem bislang höchsten Fallschirmsprung. Über viereinhalb Minuten freier Fall, fast 990 km/h Höchstgeschwindigkeit.
Die schlimmste Erfahrung machte Kittinger am Boden Asiens
Bei dem Versuch missachtet der US-Amerikaner sogar technische Probleme: Ein Handschuh seines Druckanzugs funktioniert nicht richtig. Kittinger spring dennoch, meldet das Problem nicht der Bodenstation, aus Angst, dass der Versuch sonst abgebrochen würde. "Meine Hand schwoll an, sie wurde sogar etwa doppelt so groß wie normal, ich konnte sie nicht mehr benutzen", beschreibt er die Folgen in einem Interview. Doch Kittinger hat Glück, die Hand schwillt wieder ab.
Weniger Glück hat er einige Jahre später. Im regulären Militär-Einsatz wird er 1972 im Vietnam-Krieg abgeschossen und gerät für elf Monate in Kriegsgefangenschaft. Auch nach seiner Zeit beim Militär bleibt er der Luftfahrt, insbesondere den Ballons, verbunden. 1984 überquert er so den Atlantik.
Der mittlerweile 84-Jährige kann also mit Fug und Recht als Legende bezeichnet werden. Und im aktuellsten Kapitel seines Lebens hilft er mit, eine weitere zu erschaffen: Kittinger ist Berater und Mentor des Österreichers Felix Baumgartner, der sich anschickt, seinen Rekord für den höchsten Fallschirmsprung zu brechen. Er ist der alte Militär am Funkgerät.
"Werden das All nie erobern"
Und der Russe? Auch ihn gab es wirklich. Er verstarb 2010 und hieß Jewgeni Nikolajewitsch Andrejew. Andrejew war das russische Gegenstück zu Kittinger und hält ebenfalls einen Weltrekord, den Baumgartner brechen will. Andrejew sprang zwar "nur" aus 25,5 Kilometern Höhe, öffnete aber erst knapp einen Kilometer vor dem Grund einen Fallschirm und nutze keinen Steuerfallschrim.
Damit hält er den Rekord für den längsten freien Fall. Der Ablauf des Sprungs kommt zudem dem geplanten von Baumgartner sehr nahe. Wie Kittinger war auch Andrejew zuvor bereits an anderen Versuchen beteiligt: Zum Beispiel betätigte er in einem Test bei Überschallgeschwindigkeit den Schleudersitz seines Jets und verletzte sich dabei dauerhaft am Fuß.
Die Stratosphäre, so will man meinen, gehört den Draufgängern und verrückten. Vor seinem Rekordsprung 1960 sagte Kittinger: "Über mir ist ein feindseliger Himmel. Der Mensch mag im All leben, aber er wird es nie erobern." Zu dieser Erkenntnis passt auch die traurige Gewissheit, dass nicht alle Himmelsstreber heil wieder auf dem Boden ankamen.
Bei Andrejews Sprung 1962 starb sein nach im gestartete Sprungkollege Pjotr Dolgow. Auch der Amerikaner Nick Piantanida, der bereits 1966 den von Baumgartner geplanten Überschallflug versuchte, wurde Opfer seines Unterfangens. Bei beiden wurde der Druckanzug während des Abstiegs beschädigt.

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