Wie Gerhard Richter die Welt interpretiert

Publishing Was da am Freitag großformatig und unscharf auf der Titelseite der Welt zu sehen ist, hat keinen religiösen Hintergrund. Es hockt dort kein islamischer Geistlicher in einem Gebetsraum. Sondern Gerhard Richters Frau Sabine im Bademantel, ihr Haar bedeckt mit einem weißen Handtuch. Richter, für dessen Bilder auf dem Kunstmarkt Rekordpreise gezahlt werden, hat die komplette Welt-Ausgabe vom Freitag mit Fotos bestückt. Das Ergebnis: Eine Zeitungslektüre als Irritation, als gewollte Text-Bild-Schere.

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Zum dritten Mal ist es Welt-Kulturchef Cornelius Tittel gelungen, einen bedeutenden zeitgenössischen Künstler zu gewinnen, der einen Tag die Bebilderung der Welt übernimmt. Im ersten Jahr war das Georg Baselitz mit wuchtigen Werken, beim zweiten Mal der US-Minimalist Ellsworth Kelly, der der Zeitung mit seinen abstrakten Farbflächen für eine Ausgabe ihre gewohnte Anmutung nahm.

Nun also Richter, dem es wie wenigen anderen Künstlern gelingt, populär und subversiv zugleich zu sein. Im Unterschied zu den vorigen zwei Ausgaben sieht "die Welt des Gerhard Richter" gar nicht so viel anders aus wie jede Ausgabe der Tageszeitung. Denn Richter brachte 116 Fotos mit in die Redaktionskonferenz, keine gemalten Bilder. Zwar suchte er auch eine Reihe von seinen berühmten unscharfen Bildern aus – das erwähnte Bild seiner Frau auf dem Titel, ein Baby an der Brust seiner Mutter, ein von weitem fotografiertes Mehrfamilienhaus.

Viele der Bilder sind aber ganz normale Schnappschüsse, die auf den ersten und vielleicht auch zweiten Blick nicht die Handschrift eines Künstlers tragen: eine Kuh am Bergsee, ein Hotelzimmer, ein zersägter Baumstamm, ein Junge mit einer Atemschutzmaske in einer Werkstatt, Blumenbeete. Bei einigen Bildern gibt es vage Zusammenhänge mit dem Thema des jeweiligen Textes, dem das Bild zugeordnet ist. Bei anderen Bildern kann man sich einen möglichen Kontext vielleicht selber erfinden, zusammenreimen oder –basteln. Was für einen habituellen Zeitungsleser allerdings fast gar nicht möglich ist: die Text-Bild-Schere zu ignorieren. So wie wir im Museum oft fast instinktiv auf der Suche nach dem Titelschildchen eines Bildes sind, wollen wir in der Zeitung Sinnzusammenhänge herstellen.
Insofern ist die dritte von einem Künstler gestaltete Ausgabe der Welt noch mehr als ihre Vorgänger ein Experiment, ein Nachdenken über das Medium Zeitung, über Information, Papier, unsere Gewohnheiten beim Lesen von Medien. Statt vermeintlich glasklare Bezüge zwischen Bildern und Texten serviert zu bekommen, stellen sich nun Dissonanzen ein. Fast zwanghaft fragt man sich: Was hat der Junge in der Werkstatt denn nun mit dem Text zu tun? Hat er gerade etwas gebastelt? Probiert er nur die Schutzmaske seines Vaters aus? Eine Bildunterschrift gibt es nicht, was die Spurensuche erschwert. Und vielleicht ließe sich auch fragen: Passen die "normalen" Pressebilder eigentlich zu den Texten? Oder sind das ebenso konstruierte Zusammenhänge, die Tag für Tag hergestellt werden?

Die Kunst-Ausgabe der Welt ist gewohnt gut von Anzeigenkunden gebucht, VW hat eine Doppelseite geschaltet, Patek Philippe, Louis Vuitton und die Deutsche Bank eine Seite, Chanel eine halbe. Und weil es Richter ist, kostet die limitierte Edition mit einer Unterschrift des Künstlers 2.000 Euro. So bedauerlich es ist, dass das Welt-Feuilleton unter der Woche oft nur vier Seiten Umfang hat, so wunderbar ist auch in diesem Jahr die Umsetzung der Künstler-Ausgabe gelungen.

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