Web-Show „Ran-On“: Fans statt Phrasen

Publishing Am Donnerstag wagte sich ProSiebenSat.1 mit seiner Marke Ran an ein Experiment: Zusätzlich zur regulären TV-Übertragung des Europa League Spiels von Borussia Mönchengladbach gegen Fenerbahce Istanbul auf Kabel eins gab es eine von Friedemann Karig moderierte Web-Show. Die wusste durchaus zu gefallen, vor allem weil sie mit bisherigen Gewohnheiten bewusst brach. Das Konzept von "Ran-On" bietet im eintönigen Fußball-TV eine wohltuende Abwechslung.

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Fußball-Übertragungen im deutschen Fernsehen sind meist nach dem immer gleichen Schema aufgebaut: Ein Moderator und ein prominenter Experte, meist ehemaliger Spieler, stehen am Spielfeldrand oder in einem recht klinisch wirkenden TV-Studio und spielen ihr Frage-Antwort Spiel. Es gibt ein zwei Vorberichte, der Trainer oder Sportdirektor der gleich spielenden Mannschaft gibt noch ein paar Sätze zum besten – fertig. Alles wirkt wie eine Kulisse und ist sehr unnahbar.
Wer bereits Fußballspiele in größeren Gruppen am Fernseher geschaut hat weiß, dass die Diskussionen sich auch deshalb schnell auf die andere Seite des Bildschirms, nämlich ins Wohnzimmer verlagern. Eine Meinung zum Spiel, zum Trainer, zum Schiedsrichter –  die hat nämlich jeder.
Das was ProSiebenSat.1 gestern mit "Ran-On" erstmals den Zuschauern anbot, kann als Versuch angesehen werden, Wohnzimmer und TV-Studio zu verschmelzen. An vielen Stellen ist dieser Versuch gelungen. Das hat nicht nur mit der Einbindung von Social Media zu tun.
Die sind in einer Web-Show obligatorisch. Und "Ran-On" zeigt, wie man sie nutzen kann. Es ist nämlich etwas ganz anderes, ob ein Moderator, wie Friedemann Karig selbst einen Rechner vor sich hat, und Kommentare und Tweets vorliest, oder ob wie bei den EM-Übertragungen des ZDF für die Reaktionen aus dem Internet erst noch eine Expertin auf die Bühne kommt.
Bei "Ran-On" werden die Kommentare dadurch direkter eingebunden. Es wurden zum Beispiel nach dem Ende des Spiels sehr spontan Reaktionen zitiert, im Fall von Stuttgart sogar danach gefragt. Als Nutzer bekommt man so zumindest etwas das Gefühl auf Augenhöhe zu sein.
Die Augenhöhe wurde auch durch das eher wohnlich gehaltene Studio (Stichwort: Wohnzimmer) und die lockere Haltung und Kleidung der Moderatoren unterstrichen. Zudem waren die Gesprächspartner andere: Statt dem obligatorischen Interviews mit Verantwortlichen nach dem Spiel, in denen meist doch nur Phrasen zu hören sind, sprach Karig im Anschluss an die Gladbacher Niederlage telefonisch mit einem Fan, der das Spiel zuvor im Borussia-Block miterlebt hatte. Das wird man zwar auch nicht jedes Mal machen können, aber das war mal etwas anderes.
Womöglich hat man sich für "Ran-On" ein wenig vom Experiment "Rundshow" des BR mit Richard Gutjahr inspirieren lassen. Hier kombinierte man ebenfalls die sozialen Netzwerke und Skype-Interviews mit professionellen TV-Einspielern, wie sie auch "Ran-On" nutzt. In diesem Zusammenhang passt auch die Skype-Schalte mit Raphael Honigstein.
Natürlich lief in der ersten Ausgabe von "Ran-On" nicht alles perfekt. Aber anders als beim starren TV-Korsett verzeiht man die Fehler, sie machen die Beteiligten menschlich. Trotzdem sollten sich sachliche Fehler oder Verwechslungen bei den Mannschaften nicht häufen.
Die erste Ausgabe der Webshow hat laut Angaben des Senders etwa 60.000 Zugriffe verzeichnet. Dabei sind auch alle Klicks inbegriffen, die lediglich auf den Stream des Livespiels erfolgten. Im Vergleich zu den 2,87 Millionen Zuschauern, die die Begegnung im TV erreichte, ist das verschwindend gering.
Dennoch sollte ProSiebSat1. das Konzept weiter verfolgen, denn es ist Fußball-TV direkt aus dem Wohnzimmer, bei dem der Fan im Mittelpunkt steht. Das ist sicher nichts für jeden. Und auch ob man ein WM-Endspiel auf diese Weise erleben will, darf bezweifelt werden. Als belebende Abwechslung für Wochentags-Spiele wie die der Europa League ist das neue Format aber eine Bereicherung.

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