Die dapd-Story: Zu gut, um wahr zu sein

Publishing Die Wachstumsstory der dapd-Eigentümer Peter Löw und Martin Vorderwülbecke war zu gut, um wahr zu sein. Die nun angemeldete Insolvenz von acht Kernunternehmen der dapd-Holding ist nicht weniger als eine Bankrotterklärung des Finanzinvestoren-Duos. Sie haben der Branche und ihren Mitarbeitern durch eine aggressive, offensichtlich überdrehte Expansion einen Bärendienst erwiesen. Wer jetzt sagt, er hätte es ja schon immer gewusst, hat Recht: Finanzinvestoren sind nicht gerade ideale Medienunternehmer.

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Was hat die Branche nicht gerätselt und sich gewundert: Wie kann es sein, dass zwei millionenschwere Investoren wie Löw und Vorderwülbecke, die vermutlich noch nachts von zweistelligen Renditen träumen, Millionen Euro ausgerechnet in eine traditionell wenig ertragreiche Nachrichtenagentur stecken? Die sie nicht nur in Deutschland mit massiven Personalinvestitionen aufrüsteten, um "dpa verzichtbar zu machen". Die auch nach Frankreich expandierten, um dort im großen Stil mit der Agentur AFP zu konkurrieren. Die zahlreiche Prozesse gegen den Rivalen dpa anstrengten, und den Marktführer damit zeitweise ganz schön nervös machten, so dass der mit eigenen Klagen zurückschlug. Die sich gelegentlich bemerkenswert plump anstellten, bei anderen Gelegenheiten aber durch ihre Chuzpe, mit der sie das etablierte und in der Tat angestaubte Geschäft aufmischten, auffielen. "Wir sind keine alte Behörde", hatte Vorderwülbecke in einem Interview mit MEEDIA gesagt. Aber was, muss heute gefragt werden, war und ist dapd dann? Ein modernes Medienunternehmen, das nur von den etablierten Seilschaften ausgebremst wird? So ungefähr scheinen es die Eigentümer zu sehen. Oder eine zu schnell zu groß gewordene, überzüchtete Agentur, deren Eigner die Gesetze der Branche außer Kraft setzen wollten und sich in der Dosierung ihrer Wachstumshormone massiv verkalkuliert haben?

Zur Büroeröffnung kam Christian Wulff
Löw und Vorderwülbecke schmückten sich mit "ihrer" Agentur. Zuletzt im September auf dem "Berliner Medientreff", zu dem Polit-Promis wie Hans-Dietrich Genscher und Claudia Roth kamen. Zur Eröffnung des Berliner Hauptstadtbüros 2010 sprach der damalige Bundespräsident Christian Wulff. Löw erzählte damals eine Geschichte seiner Familie, begründete den Kauf mit der Verantwortung für die Demokratie und deren Grundlage Medienvielfalt. Später am Abend kündigte Kompagnon Vorderwülbecke dann noch den Aufbau eines eigenen Sportdienstes an, den die Agentur bis dato nicht hatte, was sie vom Rivalen dpa unterschied. Geschäftsführer und Chefredakteur Cord Dreyer war an diesem Abend offenbar ebenso überrascht wie seine Kollegen. Ein eigener Sportdienst, das bedeutete noch einmal die Einstellung von 50 Journalisten. Der Sportdienst wurde in erster Linie nicht als separates Angebot vermarktet, er sollte Bestands- und zukünftige Kunden vom Gesamtpaket überzeugen. Vor wenigen Monaten hieß es, man wolle zusätzlich 75 Wirtschaftsjournalisten für neue Dienste einstellen. Ohnehin agiert die Agentur mit Kampfpreisen, die rund 30 Prozent unter den dpa-Preisen liegen sollen.  
"Das gewöhnliche Tagesgeschäft ist langweilig"
Es musste also Geld fließen, viel Geld. Eine Million Euro im Monat steckten sie in dapd, sagte Vorderwülbecke laut Newsroom bei der Betriebsversammlung am Dienstag. Nun, am vorläufigen Ende des auf den Geldern der Investoren finanzierten Höhenfluges lässt sich konstatieren: Die Agentur dapd ist zwar kein Potemkinsches Dorf, weil ja tatsächlich ein real existenter Agenturbetrieb aufgebaut wurde. Die Großaufträge, die die Agentur vom Auswärtigen Amt und einem Großkunden wie Mercedes-Benz an Land zog, waren keine Schimären. Die vielen guten Journalisten, die sich zu einem Wechsel überzeugen ließen, haben keine simulierte Redaktion vorgefunden. Aber vielleicht dienten die großen Anstrengungen einzig und allein dem Ziel, einen Käufer zu finden, der sich von dem entstehenden Agenturimperium der Eigentümer und deren hochfliegenden Plänen überzeugen lassen würde? Beispielsweise die Telekom? Oder ein ausländisches Medienunternehmen? Es ist zu hören, dass die Eigentümer in den vergangenen Monaten tatsächlich über einen Verkauf verhandelt haben, doch daraus sei nichts geworden. "Niemals" werde er verkaufen, hatte Vorderwülbecke noch im Januar dieses Jahres gesagt. Sein Kompagnon Löw wiederum hatte in einem Interview mit dem Magazin Euro Anfang 2012 über seine Arbeit bei der Investmentfirma BluO gesagt: "Wenn wir eine Firma erfolgreich restrukturiert haben, verkaufen wir sie wieder. Das gewöhnliche Tagesgeschäft ist langweilig." Vielleicht trifft es diese Aussage schon eher.
Mit Vollgas in die Pleite
In einem Kommentar auf MEEDIA argumentiert ein Leser, die Verbindlichkeiten von dapd gegenüber AP seien hoch – die Insolvenz biete nun die Gelegenheit, sich von "Altlasten" zu befreien, AP Deutschland abzuwickeln und den Gewinn zu steigern. Klingt wie ein gerissener Plan. Doch selbst, wenn das die Absicht sein sollte: Mit dem nun eingeschlagenen Weg haben sich die Eigentümer desavouiert. Nicht, weil eine Pleite unbedingt ein Weltuntergang wäre. Auch ddp, die Vorgängeragentur von dapd, war schon mal diesen Weg gegangen. Eine Insolvenz kann passieren, auch dem besten Unternehmer. Im Fall von dapd stellt sich der Fall allerdings etwas anders dar: Hier fuhren die Chefs allem Anschein nach mit Vollgas in die Pleite, sehenden Auges. Denn sie kennen ja das Agenturgeschäft seit 2004 außerordentlich gut, kennen alle Zahlen, alle Perspektiven der Branche, mögliche neue Geschäftsfelder und deren monetäre Potenziale. Was sich darum nun wie Hohn liest, sind Aussagen wie: "Wir haben 2011 alle unsere Ziele erreicht, haben diese sogar übertroffen. Wir liegen bei einem Umsatz von knapp 32 Millionen Euro." Oder: "Wir sind schuldenfrei und seit 2008 profitabel." Und: "Unsere Bilanzen sind positiv gewesen, anders als die der dpa in den Jahren 2009 und 2010. Wir haben eine ganz andere Kostenstruktur, viel weniger Overhead und effizientere Abläufe." Bonustrack: "Wir versuchen, die Grundsätze moderner Unternehmensführung auch in dieser Branche zur Anwendung zu bringen." Die letzte verfügbare Bilanz der Holding stammt übrigens aus dem Jahr 2009.
Die Marke dapd ist wertlos geworden
Von der Insolvenz betroffen sind 300 Mitarbeiter in acht Tochterunternehmen der dapd Holding. Der Nachrichten-Betrieb soll zunächst wie gehabt weiterlaufen. Doch der Anspruch, mit dem Löw und Vorderwülbecke aufgetreten sind, ist von der Realität komplett zerstört worden. Die Marke, gegen die dpa aus Furcht vor Verwechslungsgefahr noch geklagt hatte, ist mit einem Schlag nahezu wertlos geworden. Denn sie stand für einen potenten Angreifer im schwerfälligen Agenturgeschäft, der es wissen wollte. Zu gern, das gilt auch für Medienjournalisten, war man bereit, trotz aller Bedenken und dem Wissen um die Realitäten des Marktes, an die Erfolgsgeschichte zu glauben. Immer im Hinterkopf die Beteuerung, die Eigentümer seien ja sehr reich und betrieben die Agentur schließlich nicht als Gelddruckmaschine, sondern aus ganz anderen, vermeintlich edlen Motiven. Wenn jetzt restrukturiert werden sollte, dürfte das ursprüngliche Ziel, eine Vollagentur neben dpa aufzubauen, keine Rolle mehr spielen. Und ob es einen Weg zurück in die Rolle der Komplementäragentur gibt, ist fraglich.
Die Kacke und der Ventilator
Bei der Betriebsversammlung am Dienstag abend argumentierte Vorderwülbecke offenbar mit der Ungleichbehandlung der dapd etwa durch Bundestag, Bundespresseamt und ZDF. Diese Abnehmer hätten für die Dienste der Agentur weniger als für dpa-Dienste gezahlt. Dieses Lied haben die Investoren seit Aufnahme ihres Angriffskurses gesungen, nicht immer zu Unrecht. Als hinreichenden Grund für den schwerwiegenden Schritt in die Insolvenz reicht das nicht. Wenn die Eigentümer tatsächlich eine Million Euro im Monat reingebuttert haben sollten, dann ist dafür nicht das ZDF verantwortlich zu machen. Es ist, wie es ist: Die sonst so professionellen Cost-Cutter wollten mit ihrem Vorzeigeprojekt dapd mal so richtig auf die Kacke hauen, und die flog just in den Ventilator.

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