Salman Rushdie: „Kultur der Gekränktheit“

Publishing Am Valentinstag des Jahres 1989 rief eine Reporterin der BBC bei dem Schriftsteller Salman Rushdie an. Was er dazu sage, dass ihn Ayatollah Khomeini wegen seines Buches "Die satanischen Verse" zum Tode verurteilt habe? "Man fühlt sich nicht gut", hatte Rushdie geantwortet. 23 Jahre später sitzt Rushdie in der Bertelsmann Repräsentanz in Berlin, um seine Autobiografie "Joseph Anton" vorzustellen. Hätte es damals das Internet von heute gegeben, sagt Rushdie, wäre die Kampagne gegen ihn noch gefährlicher gewesen.

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Die Geschichte von Rushdie, der viele Jahre unter dem Decknamen Joseph Anton, nach Joseph Conrad und Anton Tschechow, im Verborgenen leben musste, ist auch eine Geschichte der Medien. Diese verhalfen ihm, sich aus dem Dunkel zu Wort zu melden, seine Bücher zu bewerben, eine Stimme zu behalten. Sie transportierten aber auch all die Schmähungen gegen ihn, erinnerten an die von Khomeini ausgesprochene Fatwa, prägten ein Bild von Rushdie, dass dieser nicht mehr selber bestimmen konnte: "Er besaß jetzt ein neues Ich." Konsequent ist das Buch in der dritten Person geschrieben.

In Berlin, seiner einzigen Station in Deutschland auf der Werbetour für "Joseph Anton", hält Rushdie ein unaufgeregtes Plädoyer für die Meinungsfreiheit. Unsere Gesellschaft lebe in einer Kultur der Gekrängtheit, des Beleidigtsein. "Es ist doch ganz einfach, sich nicht von einem Buch kränken zu lassen", sagt Rushdie im Gespräch mit FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. "Du musst es einfach nur zumachen." Ideen müssten offen kritisiert werden dürfen, Angriffe gegen Ideen und Angriffe auf Personen seien strikt voneinander zu trennen.

Dass die Realität anders aussieht – die Gewaltausbrüche nach Veröffentlichung des Mohammed-Videos sind nur ein Beleg – weiß natürlich auch Rushdie. Einem Schriftsteller bleibt nicht viel anderes, als weiter zu schreiben. "Ich bin nicht die Freiheitsstatue", sagt Rushdie. In Deutschland wurde 1989 der Verlag 19 gegründet, um die deutsche Übersetzung seines Buches "Die satanischen Verse" auf den Markt zu bringen – eine ganze Reihe von deutschsprachigen Verlagen hatten beschlossen, das Buch gemeinsam zu publizieren – und beriefen sich mit dem Verlagsnamen auf die Meinungsfreiheit. Es gab aber nicht nur Solidarität mit Rushdie. Frank Schirrmacher erinnert daran, dass damals einige Tageszeitungsverlage den Abdruck von Anzeigen für das Buch abgelehnt hätten.

Mit Netzwerken wie Twitter, Facebook und Co., sagt Rushdie, wäre die Kampagne gegen ihn möglicherweise gefährlicher gewesen. "Es wäre viel einfacher gewesen, Leute zu mobilisieren." In seinem Buch schreibt er: "Das war Anfang 1989. So etwas wie PC, Laptop, Handy, Mobiltelefon, Internet, Wi-Fi, SMS und E-Mail war entweder noch unbekannt oder ziemlich neu, jedenfalls besaß er keinen Computer und kein Handy." Dass es einmal so war, wie Rushdie schreibt, ist heute schon fast vergessen, Steinzeit. Heute twittert Rushdie. 

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