Abschied von einem großen Mann

Fernsehen Dirk Bach starb gestern im Alter von 51 Jahren in Berlin. Als ich um ein paar Zeilen über Dirk Bach gebeten wurde, habe ich sofort zugesagt und einen Atemzug später an der Zusage gezweifelt. Irgendwie, so fand ich, sei dies nicht mein Platz: ich kannte Bach (noch) nicht persönlich. Andere könnten das sicher besser, persönlicher als ich. Dass ich dennoch einige Zeilen geschrieben habe, hat nur einen Grund: Meinen Abschied von und den Respekt vor einem kleinen, großen Mann des Fernsehens.

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Als ich Dirk Bach vor vielen Jahren zum ersten Mal wahrnahm, fand ich ihn entsetzlich:
Jemand, der sein Schwul-Sein und seine Körperfülle mit der Monstranz einer Marke vor sich hertrug wie Audi seine Ringe oder Coca Cola die braune Flasche. Manchmal lustig, manches Mal über alle Grenzen von Selbstironie hinaus lächerlich. Aus individuellen Einschränkungen eine TV-Marke zu machen, so fand ich, schien ebenso klug wie würdelos sich selbst gegenüber. Ich mochte damals nicht, wie Bach sich selbst der Lächerlichkeit preisgab, damit vielleicht fette, alte TV-Glotzer bei Bier und Chips angetrunken über den kleinen, bunten Dicken lachen konnten: Nicht nur, weil er lustig war, sondern eben auch mit jener sabbernden Lache, mit der auf dem Rummel Körperbehinderungen von Zwergen und Riesen bestaunt wurden. Ich fand es schwer, dem zuzuschauen.
Aber: Wenn man so will, hat Bach mich damals schon als Zuschauer erreicht, wenn auch nicht auf eine mir angenehme Art.
Dass Bach neben Comedy-To-Go-Formaten eine Seite sehr ernsthafter Professionalität besaß, neben Urmel und Co in TV- und Filmrollen, auf Theaterbühnen und als Vorleser zuhause war, bemerkte ich eher am Rande, aber es irritierte mein erstes Urteil. Zunehmend nahm ich in ganz kleinen Schritten jene Substanz wahr, die ihn in den leisen Tönen von der Riege austauschbarer Gesichtsverleiher / -innen unterschied, mit welchen er bei den Privaten in völlig  überflüssigen Formaten herumlungerte: Da war mehr und anderes, und man konnte es sehen, war man bereit, sich durch die kräftige Schicht von Oberflächen zu baggern.
In der Zusammenarbeit mit Sonja Zietlow bei der Moderation von RTL´s “Dschungelcamp“ hatte Bach mich endgültig gewonnen: Seit der ersten Staffel und noch zu einer Zeit, in der die große Mehrheit der Journaille ausschließlich Bilder von Trash- und Ekel-TV bemühten. Die Kombination der Autoren Jens Oliver Haas und Micky Beisenherz mit dem herausragenden Moderatoren-Duo Zietlow/ Bach gehörte für mich in jeder Staffel zu einem der besten, bösesten und unterhaltsamsten Stücke Privatfernsehen, seit private Sender ihren Weg auf deutsche Mattscheiben fanden.  Mit Bach und Zietlow schaffte es das Format auch jene Journalisten umzudrehen, die erst dem moralinen Maistream folgten, um später, als sich der Wind zu drehen drohte, das Camp zu Comedy, Kult oder Kunst zu erklären.
Sonja Zietlow und Dirk Bach waren immer schon die eigentlichen Stars des Dschungels: Böse Texte, intelligente Selbstironie und das Spiel mit der Beziehung beider Moderatoren: All dies war stets ganz großes Kino im Hochleistungsszenario Dschungelcamp und hätte auch ohne die gruppendynamischen Prozesse von Kakerlaken-Promis locker  alleine für 30% Quote taugen können.
Es gibt wenige Fernsehnasen, denen ich bedenkenlos Kompetenzen zusprechen würde, die weit hinaus gehen, über ihre im TV sichtbaren Fähigkeiten. Dirk Bach gehörte dazu: Bach etwa, so dachte ich,  hätte jederzeit mit ernstem Biss und Kampfbereitschaft auch in schwierigen Konflikten Position beziehen können. Seine im Kern authentisch-liebevolle Ausstrahlung hätte -auch ohne jeden Klamauk- ernsten, traurigen und liebevollen Format-Ideen glaubwürdig Leben verliehen. Dirk Bach hätte das gekonnt.
Als ich gestern vom Tod Dirk Bachs erfuhr, war ich entsetzt und in einer fassungslosen Art ein wenig traurig. Schräg und seltsam: Ich kannte ihn doch gar nicht.
Wir alle werden irgendwie in diese Welt geworfen, und wir sind mit unserer Geburt bereits zum Tod verurteilt. Die Zeit dazwischen ist – immer wieder neu gebaut aus eben jenen beiden Polen: Begegnung und Trennung. Niemand von uns kann die Bedingungen wählen, unter welchen wir aufwachsen, und jeder von uns findet im Gemisch zwischen Liebe, Freundschaft, Sinn, Erfüllung auf der einen und Trauer, Enttäuschungen, Verloren-Sein auf der anderen Seite seinen Kompromiss, um das zu gestalten, was wir Leben nennen. Die meisten Menschen allerdings nutzen die Zeit zwischen beiden Polen dafür, sich den zweiten Pflock so wenig wie möglich anzuschauen: Die Tatsache nämlich, dass “lebenslänglich“ ein Attribut der Endlichkeit umschreibt. Für jeden von uns.
Auch daran werden wir mit jedem Tod immer wieder neu erinnert.
In Nachrufen und Texten über den Tod Dirk Bachs wird zu lesen sein, er sei viel zu früh gestorben. Die Wahrheit ist – von wenigen Ausnahmen abgesehen: Es gibt keinen guten Zeitpunkt zum Sterben. Tod ist immer tragisch und fast immer irgendwie zu früh.
Auch ich hätte sehr gewünscht, Dirk Bach hätte mehr Zeit haben dürfen. Ihm selbst hätte ich das  gewünscht und allen, die ihm nahe standen. Und in plattem Egoismus hätte ich dies mir als TV-Zuschauer ebenso gewünscht, wie jenen, denen Dirk Bach auf Bühnen und vor Kamera Gewinn bedeutete.
Dirk Bach hat mir gegenüber in sehr unterschiedlichen Facetten verwirklicht, wofür Künstler leben: Er hat mich erreicht.
In der Szene des Films “Blade Runner“ berichtet gegen Ende der phantastische Rudger Hauer von Erlebnissen seines Lebens und resümiert vor seinem Tod: “All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.“  Das ist kein dummer Satz, und jeder weiß dies. So wird und muss auch nach dem Prozess der Trauer um Dirk Bach Normalität und Alltag einkehren. Wäre es anders, wir alle müssten in der Tat verrückt werden.
Ich verabschiede ich mich mit allem Respekt und dankbar von einem Mann, der eine Bedeutung hatte und dessen wahres Gewicht  für mich zu keiner Zeit mit seiner äußeren Erscheinung in Verbindung stand.

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

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