Wie der Spiegel seine Kohl-Story demontiert

Publishing Der recycelte Helmut-Kohl-Titel des Spiegel, den MEEDIA diese Woche zum Thema machte, beschäftigt das Hamburger Magazin auch intern. Im neuen Spiegel-Blog interviewt Spiegel-Autor Stefan Niggemeier den Co-Autoren der Kohl-Story, Jan Fleischhauer, und schlägt dabei überaus kritische Töne an. Niggemeier wirft Fleischhauer vor, Bunte-Journalismus zu betreiben und sowohl vom alten Kohl-Titel des Spiegel vergangenes Jahr, als auch von der Süddeutschen Zeitung vom Juli abgekupfert zu haben.

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Es ist ein bemerkenswertes Stück Selbstkritik, das Stefan Niggemeier da im neuen Spiegel-Blog abliefert. An Kritik und Schärfe lässt sein Interview mit Jan Fleischhauer, dem Co-Autoren der unsäglichen Spiegel-Titelstory “Die Tragödie des Helmut Kohl” nicht zu wünschen übrig. Dazu muss man wissen, dass Niggemeier, als er noch “nur” Blogger war und noch kein Spiegel-Autor, die alte Kohl-Story des Spiegel vom vergangenen Jahr schon in seinem Blog genüsslich als ein triviales Stück Boulevard-Journalismus auseinandergenommen hat.

Fleischhauer rechtfertig das teils unappetitliche Stochern im Privatleben des Altkanzlers damit, dass die Geschichte “wahnsinnig viele Menschen” beschäftige. Darauf Niggemeier: “Was die Bunte schreibt, interessiert auch viele Menschen, steht aber in der Regel nicht im Spiegel.” Fleischhauer entgegnet, dass man dann auch behaupten könne, das Seite-Drei-Stück der Süddeutschen vom Juli über die Kohls sei “Bunte-Journalismus” gewesen. Niggemeier bestätigt: “Das war auch Bunte-Journalismus”. Fleischhauer: “Sie müssen’s ja nicht lesen.” Es klingt nicht so, als ob die beiden Kollegen in diesem Leben noch allerbeste Freunde würden.

Im Laufe des Interviews wirft Fleischhauer Niggemeier im Gegenzug vor, ein Heuchler zu sein: “Und diese Journalisten, die sich angeblich für das Privatleben von Politikern nicht interessieren, wie Sie, Herr Niggemeier, sind ja diejenigen, die im Privatgespräch jedes Gespräch über Bettina Wulff mit dem Satz angefangen haben: ‘Wusstest du übrigens, dass die anschaffen war, als Escort-Mädchen?’ Finden Sie es nicht etwas heuchlerisch, wenn ich das, was ich als Journalist im Privatgespräch für die wesentliche Information halte, dem Publikum vorenthalte, weil ich es nicht reif genug finde, damit umzugehen?”

Bemerkenswert ist auch, wie Fleischhauer rechtfertigt, dass er teilweise ganze Passagen fast wortwörtlich aus seiner alten Kohl-Geschichte von vor einem Jahr übernommen hat: “In einem Fall, wenn es um Heribert Schwan und die Söhne geht, lag es nahe, auf eine Formulierung zurückzugreifen, die schon einmal juristisch geprüft war, schließlich befinden wir uns hier in einer heiklen Gemengelage.” Noch einmal zur Erinnerung es geht um diese Passage:

“Schwan rechtfertigt seine Indiskretion damit, dass die Kanzlergattin genau gewusst habe, dass ein Journalist immer ans Schreiben denke. Für die Kohl-Söhne hingegen steht außer Frage, dass ihre Mutter niemals gewollt hätte, dass die Öffentlichkeit Details aus ihrer Krankenakte erfährt oder gar über ihre Vergewaltigung als junges Mädchen durch russische Soldaten unterrichtet wird.”

Im neuen Kohl-Artikel wurde aus “die Kohl-Söhne” lediglich “die anderen” gemacht. Was an dieser Passage juristisch so heikel sein soll, dass man sie quasi wortgleich rüberkopieren musste, bleibt im Dunkeln. Eine andere Passage, die in beiden Spiegel-Geschichten fast wortgleich auftaucht ist die, wie Walter Kohl bei Markus Lanz auftritt:

“Zwei Tage später saß Walter Kohl im Fernsehstudio bei ,Markus Lanz‘, er hatte dafür seinen Urlaub an der türkischen Mittelmeerküste unterbrochen. In der bewegten Familiensaga um die Kohls kam nun die Fortsetzung, nach der Fehde zwischen Vater und Söhnen folgte Teil zwei, der Streit mit der neuen Ehefrau. ,Es kann nur einer die Presseerklärung überarbeitet haben‘, sagte Walter Kohl in der Sendung: ,Und das ist die Maike.‘ Sein Vater sei jetzt in einer Situation, ,in der er nicht mehr so kann, wie er früher konnte‘, dafür müsse man Verständnis aufbringen. ,Da muss jemand Hand angelegt haben, und die Liste ist sehr kurz.‘”

Hier sagt Fleischhauer im Interview mit Niggemeier lapidar: “Und was die Einlassung von Walter Kohl bei Markus Lanz angeht, wo er zum ersten Mal den Vorwurf erhob, hinter den Erklärungen seines Vaters stecke in Wirklichkeit die neue Frau – eine solche Beschreibung wiederholt sich natürlich.” Warum sich eine solche Beschreibung “natürlich” wortgleich wiederholen muss, bleibt ebenfalls das Geheimnis des Jan Fleischhauer. Auf weitere, fast wortgleiche und sehr ähnliche Passagen geht er dann nicht weiter ein. Vermutlich ist es “natürlich”, dass auch diese sich wiederholen.

Niggemeier nimmt denn auch kein Blatt vor den Mund und bezichtigt den Kollegen im Spiegel-Blog offen der Abkupferei: “Die Geschichte ist aber nicht nur aus dem Spiegel vom vergangenen Jahr abgekupfert, sondern auch aus der SZ-Geschichte ‘Mein Kanzler’ vom Juli dieses Jahres.” Fleischhauer rechtfertig sich damit, der SZ-Artikel sei Anlass für die Spiegel-Recherche gewesen: “Wir machen den Schritt hinein, über die Erzählung der Zugelassenen, die am Hof noch geduldet sind.” Darauf Niggemeier: “Braucht es an dieser Stelle für die Geschichtsschreibung wirklich diese Vollständigkeit? In der SZ steht: Die Söhne Kohls stehen draußen und werden nicht reingelassen. Und der Spiegel klärt auf: Die haben an der Tür gerüttelt. Pffft.” Darauf Fleischhauer erneut: “Wenn Sie das alles nicht interessiert, dann lesen Sie es nicht.” Man ist geneigt, aus den Zeilen eine gewisse Gereiztheit auf Seiten Jan Fleischhauers herauszulesen.

Aber der Schlagabtausch ist noch nicht vorbei. Niggemeier argumentiert weiter, dass als Kriterium für eine Spiegel-Geschichte die Relevanz gelten müsse. Darauf Fleischhauer: “Wer bestimmt eigentlich – außer dem Chefredakteur – was relevant ist? Dass mir nun irgendwelche Medienjournalisten vorschreiben wollen, was ich für relevant zu halten habe, kann ich nicht ganz ernst nehmen.” Man wäre bei dem Gespräch der beiden gerne dabei gewesen.

Das Interview ist ein Beispiel für schonungslose interne Kritik. Das neue Spiegel-Blog wird damit seinem Selbst-Anspruch absolut gerecht. Der Spiegel hat mit Stefan Niggemeier seinen vermutlich schärfsten Kritiker nun im eigenen Hause sitzen und der denkt offensichtlich nicht daran, sich wegen der Nähe eine Beißhemmung zuzulegen. Der Spiegel-Autor Niggemeier sorgt für eine beispiellose Selbst-Demontage des Spiegel-Autoren Fleischhauer. Im Kollegenkreis beim Print-Spiegel macht sich Stefan Niggemeier damit vermutlich nicht besonders beliebt. Aber wahrscheinlich ist ihm das egal.

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