Paper.li – ein Tool das keiner braucht

Publishing "Die XY Daily wurde gerade veröffentlicht. Topthemen heute von @irgendeinUnbekannter @eineNachrichtenseite und @dir". Das ist in etwa ein Tweet, wie er täglich tausendfach durch Twitter geistert. Nutzer machen auf ihre automatisch erstellte "Twitter-Zeitungen" von paper.li aufmerksam – ebenfalls vollautomatisch. Das Problem: Kaum ein Mensch liest diese Twitter-Zeitungen. Stattdessen ist das, was noch vor zwei Jahren als Innovation hoch gelobt wurde, einfach nur nervig.

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"Seit dem Start im Sommer hat Paper.li einen kometenhaften Aufstieg hingelegt", schrieb Winload zum Deutschland-Start von paper.li im November 2010. Mit großer Begeisterung wurde der Dienst als "außerordentlich praktisches Twitter-Tool" bezeichnet. Paper.li schreibt in der eignen Beschreibung, dass jeden Tag weltweit Millionen an Artikeln über Paper.li verbreitet würden. "Millionen an Lesern" würden davon "profitieren".
Wirklich? Wovon genau? Paper.li macht vereinfacht gesagt nichts anderes, als die eigene Twitter-Timeline zu durchforsten – oder wahlweise eine Suchanfrage ­– und die dabei gefundenen Links zu Artikeln, Bildern und Videos grafisch aufzubereiten. Doch schon über die Übersichtlichkeit dessen lässt sich streiten. Eine ganze Reihe von automatisch zusammen gewürfelten Beiträgen, qualitativ nicht zwingend die besten zum jeweiligen Thema, prasseln auf den Leser ein. Je nach Mix der Twitter-Accounts, denen man folgt, entstehen zum Teil obskure Kombinationen aus Schumacher-Rauswurf, Katzenfoto und iPhone5-Gewinnspiel, während der SPD-Kanzlerkandidat völlig untergeht.
Zudem greift sich das Tool gerne die falschen Bilder zu den Geschichten heraus oder wählt das Avatar des Nutzers, der die Beitrag getwittert hat, was nicht immer passend ist: Steinbrück wird Knzlerkandidat, gepostet vom Blogger XY – und als Aufmacherbild das Foto des Autoren? Oha!
Der größte Blickfänger sind ohnehin die automatisch dazugestellten Google-Werbeanzeigen. Das mag für Paper.li ein gewinnbringendes Modell sein, für den Nutzer stellt sich aber die Frage, ob er seinen Twitter-Feed ausgerechnet um Werbung angereichert als übersichtlicher empfindet.
Gewinnbringend ist der Service ohnehin nur, wenn der User durch ihn relevante Geschichten entdeckt, die er sonst übersieht oder aber ein besonderes Interesse an der Gesamtnachrichtenlage des eigenen Twitter-Umfelds hat. Beides lässt sich anzweifeln. Und selbst wenn nicht stellt sich die Frage, warum um alles in der Welt die anderen Twitter-Nutzer die eigene Paper.li interessieren sollte.
Denn viele Nutzer twittern vollautomatisch auch noch täglich, wenn ihrer neue Twitter-Zeitung "veröffentlicht" wurde. Als ob Heerscharen von Nutzern nur so darauf warten würden, dass endlich wieder die lieblos für einen Fremden zusammengeklatschten Artikel, die von wieder anderen Fremden auf Twitter verlinkt wurden, geschmückt mit blinkenden Google-Anzeigen, in das Internet gedruckt werden.
Und damit nicht genug, gelegentlich hat man sogar die Ehre, dass eines der "Topthemen" von einem stammt. Gelegentlich bedeutet bei Paper.li-Nutzern, die wenigen Twitter-Accounts folgen, übrigens täglich. Und von einem stammen meint freilich auch nicht, dass man Urheber des Textes ist. Man ist ledilich die Person, die den Beitrag auf Twitter gepostet hat.
Natürlich läuft das als @-reply, so dass man auf Twitter unter Interaktionen noch einmal automatisiert und doch ganz persönlich auf die ach so bedeutende Paper.li des Nutzers XY hingewiesen wird. Da will man doch wissen, welche wichtige Geschichte man beigesteuert hat: Oh, Mist, doch wieder nur das geteilte Katzenfoto aus Flickr. Will man den @-Spam übrigens loswerden, kann man sich im op-out Verfahren austragen lassen. Dafür muss man – aufgepasst – einen Tweet an einen Bot des Systems schicken.
Fragt man, wer Twitter-Zeitungen aktiv liest, findet man nur spärlich begeisterte User. Also entweder will sich niemand outen, oder aber Paper.li ist ein System, bei dem sich ausschließlich Computer mit Computern unterhalten. Erstellt werden die Übersichten noch immer für viele Accounts. Vermutlich, weil sich die entsprechenden Nutzer vor geraumer Zeit das neue System einmal angeschaut haben, es seitdem aber nicht wieder deaktiviert haben.
Doch es besteht Hoffnung. Womöglich fällt dieses automatische aggregieren und mit Anzeigen versehen von durch Nutzer geteilte Beiträgen von Verlagen unter das Leistungsschutzrecht. Dann würde das umstrittene Gesetz vielleicht wenigstens eine gute Sache bringen: Sie würde Paper.li aus den Timelines verschwinden lassen.

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