Digitale Diarrhö: Julia Schramms „Klick mich“

Publishing "Ein Imperativ für das Teilen im Netz wäre für mich: Nutze Kunst und Kultur so, wie du möchtest, dass mit deiner Kunst und Kultur umgegangen wird." Schreibt die Piratenpolitikerin Julia Schramm in ihrem Buch "Klick mich", das den vermutlich verkaufsfördernd gemeinten Untertitel "Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin" trägt. Der Satz klingt ganz vernünftig – hat nur den Nachteil, dass diese freundliche Maxime von Schramms Verlag gleich wieder unterlaufen wurde.

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US-Autoren wie etwa Cory Doctorow stellen ihre Bücher schon mal kostenlos zum Download ins Netz. Der Wired-Chefredakteur Chris Anderson wählte eine Gratis-Audioversion, um sein Buch "Free" zu bewerben. Andere Künstler bitten ihre Fans, freiwillig zu spenden, wenn ihnen ein Buch oder ein Album gefallen hat. Über den Weg des Crowdfundings erklären sich regelmäßig viele Menschen bereit, spannende kulturelle Projekte zu fördern. Keinen dieser Wege hat Julia Schramm gewählt. Sie hat ihr Manuskript klassisch gegen Vorschuss – die Rede ist von einem sechsstelligen Betrag – an den Knaus Verlag verkauft. Der in einem anderen Kontext wohl zur "Contentmafia" gehörte, gegen die Schramm in ihrem Buch schimpft. Knaus brachte "Klick mich" vor einigen Tagen auf den Markt. Und ließ am Dienstag eine digitale Kopie (das Wort "Raubkopie" ist nach Piratenpartei-Meinung ein "Kampfbegriff"), die über Dropbox zum Download angeboten wurde, verbieten. Das ist das gute Recht von Frau Schramm, das ist auch das gute Recht des Verlags.

Das Vorgehen steht nur, wie auch Schramms Kritiker nun monieren, im drastischen Widerspruch zur Piraten-Philosophie. Zwar gibt es immer wieder Stimmen aus der Partei, die betonen, das Urheberrecht solle nicht abgeschafft werden. "Reformiert" ist das Zauberwort – und das kann alles oder nichts bedeuten. Im Piratenprogramm ist zu lesen: "Daher fordern wir, das nichtkommerzielle Kopieren, Zugänglichmachen, Speichern und Nutzen von Werken nicht nur zu legalisieren, sondern explizit zu fördern, um die allgemeine Verfügbarkeit von Information, Wissen und Kultur zu verbessern, denn dies stellt eine essentielle Grundvoraussetzung für die soziale, technische und wirtschaftliche Weiterentwicklung unserer Gesellschaft dar."

Schramm sagte nun laut Sueddeutsche.de, sie lehne den "Begriff" Geistiges Eigentum ab. Der Satz findet sich auch tatsächlich in ihrem Buch: "Ich lehne den Begriff des geistigen Eigentums ab, es ist ein Kampfbegriff, der die Debatte vergiftet. … Denn der Begriff wird missbraucht, um emanzipatorische Bewegungen im Netz zu unterdrücken. Und ich wehre mich dagegen, dass unter dem Vorwand, Urheberrecht und geistiges Eigentum schützen zu wollen, die Freiheit des Internets zerstört wird." Nun sagte Schramm ebenfalls zur SZ, das Urheberrecht lehne sie gar nicht ab. Verteidiger der Politikerin, die im Bundesvorstand der Piraten sitzt, machen auch auf diesen Unterschied aufmerksam. Nur – Schramm selber verquickt die Begriffe im Buch, sie werden in der Debatte auch meistens synonym verwendet und gehen munter durcheinander. Rein formell ist der "Begriff" – denn von diesem bzw. gegen diesen spricht Schramm ja – Geistiges Eigentum ein Oberbegriff für alle Immaterialgüter. Und zu diesem gehört auch das Urheberrecht.

Nun lässt sich mit guten Gründen für eine Anpassung des Urheberrechts an das digitale Zeitalter streiten, die Debatte ist ja auch in vollem Gang. Doch sich einerseits für den freien Fluss der Gedanken im Netz zu begeistern – und gleichzeitig eine Kopie des eigenen Buches im Netz löschen zu lassen, das ist wenig souverän. Absolut nachvollziehbar aus Sicht des Verlags, einerseits, aber in sich nicht schlüssig. Im Buch lassen sich ausreichend Zitate finden, die eigentlich eine ganz andere Marketingstrategie nahegelegt hätten: "Die Gedanken, die meinen Kopf verlassen, gehören der Welt, für die ich sei verpixele", heißt es dort. Und: "Die Freiheit des Internets unterläuft unsere bisherigen gesellschaftlichen Verabredungen. Lautlos durchdringt die Wolke unsere Großstädte und stellt alles auf den Kopf. Ich finde das gut." Und: "Das Internet bedeutet…den eingestandenen totalen Kontrollverlust." Nun arbeitet der Verlag der Autorin selber gegen den Kontrollverlust an. Sinnvoll wäre es gewesen, im Sinne der eingangs beschriebenen Maxime zu sagen: Liebe Downloader, wo mein Buch schon mal dort steht und ich ja prinzipientreu bin, überweist mir doch bitte mal einen Betrag eurer Wahl auf mein Konto, wenn euch die Lektüre gefallen hat. Doch wo viel Geld im Spiel ist, sind solche Experimente womöglich nicht angezeigt.

Aber vielleicht haben sich auch Missverständnisse in den Text geschlichen. Eine Buchkritik im klassischen Sinn lässt sich von "Klick mich" kaum schreiben. Das könnte für das Buch sprechen, tut es aber leider nicht. Denn auch nach dem Wirken einer ordnenden lektorierenden Hand bleibt es über große Strecken reichlich kraus, was Schramm in mehreren Identitäten da von sich gibt. Nicht genial kraus, sondern nur banal und verwirrend kraus. Ein Schwall von unfertigen Ideen strömt auf den Leser ein – eine Art digitale Diarrhö. Auch die Wahl des Erzählens bzw. Monologisierens in mehreren Identitäten ist ironisch. Die postmodernen Theoretiker haben sich jahrelang über den Tod des Autoren die Finger wund geschrieben. Schramms Löschaktion manifestiert dagegen die Identität einer einzigen Autorin.

Wohlgemerkt: Der Versuch, eine Annäherung an das Wesen des Internets und eine Lebensphilosophie einer jungen Generation von Digital Natives in Worte zu fassen, ist aller Ehren wert. Im Fall von "Klick mich" bleibt es ein unfertiger Versuch. Der in nur wenigen Momenten, beispielsweise der Kritik am "Alphamännchendenken" der Internet-Szene, lesenswert ist. Gut verkaufen wird sich Schramms Erstling vermutlich trotzdem. 

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