Die Zuschauer-Verachtung beim „Supertalent“

Fernsehen Ein kleines, dickes Kind mit Herzfehler, das nicht singen konnte. Ein trotteliger Wolfgang-Petry-Imitator, der vorgeführt wurde. Ein Rentner, der in einer Art pervertierter Außenwette mit einem Bungee-Seil von einem Kran sprang. Haufenweise angeteaste "Sensations"-Szenen, die dann nicht gezeigt wurden. Das waren so die Momente, die von der ersten neuen „Supertalent“-Staffel bei RTL in Erinnerung bleiben. Mittendrin in dieser Zuschauer-Verachtung: ein deplatziert wirkender Thomas Gottschalk.

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Würde man aus den vielen schrecklichen Augenblicken, die die erste neue „Supertalent“-Folge auszeichneten einen einzigen herausgreifen, der die ganze Sendung zusammenfasst, dann wäre das wohl jener, als Thomas Gottschalk angewidert zu Dieter Bohlen schaut, während der das Publikum anheizt, den armen Trottel weiter anzufeuern, der Wolfgang Petry auf der Bühne imitieren will, aber ganz offensichtlich rein gar nichts kann. Willkommen beim „Supertalent“.

So sah sie also aus, die Premiere der neuen „Supertalent“-Staffel bei RTL. Es war nicht der einzige Moment, in diesem wilden Zusammengeschnippsel verschiedener aufgezeichneter Shows, bei denen Gottschalk dreinschaute, als habe er auf eine Zitrone gebissen. Wirklich geschmacklos war auch die Idee, einen alten Mann mit einem Bungee-Seil von einem Kran springen zu lassen, während ihn ein anderer hält. Wo war da bitte das „Talent“? Es ging bei dieser „Außenwette“ doch wieder nur um die Sensationsgier, um den Nervenkitzel mit der Gefahr. Die Inszenierung zeigte dabei einen Gottschalk, der sich wand in seinem Jurystuhl, die Hände vors Gesicht schlug. Man MUSSTE in diesem Moment an die verhängnisvolle „Wetten dass..?“-Sendung denken, in der Samuel Koch seinen schlimmen Unfall hatte. Und jetzt hockt der Gottschalk bei RTL und bewertet einen Rentner, der, gehalten von einem Mann, an einem Seil in die Tiefe springt. Hier wird an niedrigste Instinkte appelliert. Hätte er noch einen Funken Selbstachtung in den Knochen, hätte Gottschalk sagen müssen, da mache ich nicht mit. Aber er kann es nicht. Vielleicht will er es auch nicht. Egal.

Dann war da das dicke, herzkranke Kind, das von RTL mit Einspielern eingeführt wurde, in denen ihm seine Eltern Stücke von Schokoriegeln in den Mund stopfen und im Lauftext unter dem Kind stand „will ,dick‘ ins Musikgeschäft“. So sieht es aus, wenn „Das Supertalent“ Familienunterhaltung macht.

Zwischendurch kam ein junger Sänger dran, der tatsächlich schön traurig Lieder singen konnte – aber solche Einsprengsel von echten Gesangstalenten gab es in der früheren Staffeln auch schon, das gehört zum Konzept. Da kann die Regie dann wieder Standing Ovations einspielen, die auf irgendeiner dieser endlos langen Aufzeichnungen als Material aufgezeichnet wurden. Und den Papagei, der „Hänschen Klein“ singt, den kannten versierte TV-Zuschauer schon längst aus der „Großen Show der Naturwunder“ mit Frank Elstner und Ranga Yogeshwar in der ARD. Kalter Kaffee.

Auffällig war, mit welcher Konsequenz und Chuzpe RTL und die ausführende Produktionsfirma Grundy jede Form von Dramaturgie mit Füßen traten. Alleine schon an der ständig wechselnden Garderobe der Jury war erkennbar, dass die Sendung ein wilder Zusammenschnitt verschiedener Termine war. Nach dem Auftritt des Papageien wurde gezeigt, wie die nächste Kandidatin reinkam und vom Gesang des Vogels irritiert war, ihren Auftritt bekam man dann nicht zu sehen. Egal. Wurst. Erstmal Werbung zeigen.

Bei dem unsäglichen Bungee-Sprung war dann plötzlich Michelle Hunziker nicht mehr dabei. „Warum Dieter und Thomas ohne Michelle hier sitzen, erfahren sie am Ende der Sendung“, tönte die sonore Stimme aus dem Off. Bei der Nummer nach der „Außenwette“ war Michelle Hunziker dann wieder da. Vermutlich hatte das etwas mit dem Unfall von Michelle Hunziker zu tun. Als ein Typ sie an seinen Zähnen hängend herumwirbelte und versehentlich losließ. Genau weiß man das nicht, denn es wurde nicht aufgelöst.

Der Unfall wurde von RTL ständig in Teasern vor Werbepausen thematisiert, wahlweise als „Katastrophe“ oder „Schock-Unfall“. „Die Katastrophe und ihre Folgen, sehen sie alles über den Unfall von Michelle Hunziker – GLEICH“, schrie einem die Show ins Gesicht. Aber weder „gleich“ noch „am Ende der Sendung“ sah man Irgendetwas. Man sah auch nicht den in ständiger Wiederholung angekündigten Auftritt irgendeines professionellen Schock-Zauberers aus New York. Oder den ganz am Anfang der Sendung eingespielten Streit zwischen Thomas Gottschalk und Dieter Bohlen, in dem suggeriert wurde, dass Gottschalk im Zwist mit Bohlen das Pult verlässt.

Stattdessen bekam man einen weiteren sensationsheischenden Trailer serviert, der auf die nächste Sendung nächsten Samstag verwies. RTL betreibt hier Power-Teasing, ohne dass geliefert wird. Das kann man Zuschauer-Verarschung nennen. Die ganze Sendung zeugt jedenfalls von einer tief sitzenden Verachtung gegenüber den Zuschauern, gegenüber den Kandidaten und auch gegenüber Neu-Jury-Mitglied Thomas Gottschalk. Im Spiegel-Interview sagte Gottschalk vor Start der Show den Satz „Wer mich auf dem Weg ins Trash-TV vermutet, hat keine Ahnung, wie schnell sich die Fernsehunterhaltung derzeit ändert.“ Vielleicht hat er das wirklich geglaubt. Er kann einem leid tun.

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