“Zustand des Web-Journalismus ist peinlich”

Publishing Auf dem DJV-Fachkongress "besser online" in Bonn hat sueddeutsche.de-Chefredakteur Stefan Plöchinger eine differenziertere Debatte über den Online-Journalismus in Deutschland gefordert. Viele Diskussionen verliefen ihm zu platt. Neue Ideen und weniger Zahlen-Denken seien notwendig. Die Journalisten sollten dafür nicht auf ihre Verleger oder kommende Volontärs-Jahrgänge warten. "Nicht die schwierigsten, sondern die spannendsten Zeiten stehen uns bevor", meint Plöchinger.

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Im deutschen Online-Journalismus sei noch viel zu optimieren, betonte der Münchner im Rahmen seiner Keynote mit dem Titel "State of Online 2012 – Thesen zur Zukunft der Nachrichten im Netz". Darin skizzierte er in kurzen Thesen den Zustand des Online-Journalismus in Deutschland und rief zu einem Umdenken auf. "Wir diskutieren zu konventionell", sagte Plöchinger. Außerdem würden viele der Debatten zu oberflächlich verlaufen.
"Ich hasse langsam diese platten Sprüche wie ‘die deutschen Verlage kapieren es nicht’", sagte der sueddeutsche.de-Chefredakteur. Dies gelte aber auch für den Ausdruck "Print kapiert es nicht". Hier müssten sich die Onliner zum Teil selbst an die Nase fassen. Häufig gebe es schwarz/weiß-Denken, Google sei wahlweise gut oder böse. Blogger würden je nach Sichtweise entweder guten oder gar keinen Journalismus machen. Die Wahrheit sei aber in der Regel vielschichtiger.
Plöchinger erneuerte zudem seine Kritik an der Orientierung an Klickzahlen. "Wir sind zu zahlenhörig", betonte er. Es werde zu sehr auf Reichweitenzahlen geschaut. Außerdem würden viele die Zahlen falsch lesen: "Wir tun das nicht, wie Journalisten es tun sollten, sondern wie Anzeigenvermarkter es tun." Wachstums-Werte in der Reichweite hätten häufig banale Gründe und seien schnell wieder verflogen.
Zudem würden falsche Vergleiche gezogen. "Was hat Bild.de mit Spiegel Online zu tun?", fragte Plöchinger. Im Print würde man die Reichweiten der beiden Angebote auch nicht direkt vergleichen. Wichtiger als die nackten Zahlen sei journalistische Qualität. Diese lasse sich im Gegenteil zu Klickzahlen auch nicht mit Ticks erzielen. Wie bereits im Interview mit MEEDIA betont Plöchinger: "Guter Journalismus braucht eine publizistische Idee."
Nachrichtenseiten sollten deshalb nicht weiter allein anhand ihrer Klickzahlen bewertet werden. Die publizistischen Leitlinien und die journalistische Qualität müsse stattdessen stärker diskutiert werden. "Wir sollten die publizistische Debatte nicht allein Stefan Niggemeier oder dem Bildblog überlassen", meint Plöchinger.
Der Netz-Experte rief die Zuhörer auf, journalistische Strategien für diese Zeit zu entwickeln. "Es ist eigentlich sehr peinlich, in welchem Zustand der deutsche Online-Journalismus auch 2012 noch ist." Für eine Verbesserung sollten die Journalisten nicht allein auf ihre Verleger oder Volontäre warten. Jeder sei gefragt, explizit auch die, die bereits ihrem Ruhestand entgegen gingen und sich häufig nicht mehr auf neues einlassen wollen.
Konkrete Vorschläge, wie die Misstände zu beseitigen seien, machte Plöchinger in seinem Vortrag jedoch nicht. Seine kurze Rede solle jedoch den Anstoss geben, über die Probleme zu diskutieren, sowohl auf dem DJV-Kongress als auch darüber hinaus.

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