Wie sich der Spiegel bei Wikipedia bedient

Publishing Der Einstieg eines aktuellen Spiegel-Artikels zur Griechenlandkrise liest sich fast exakt so wie ein Eintrag im Online-Lexikon Wikipedia. Hat der honorige Spiegel etwa abgeschrieben? Natürlich nicht ... Angeblich war es “die Pointe des Einstiegs”, dass er wie ein Lexikon-Eintrag formuliert sei. Die Quellenangabe wurde dabei leider vergessen. Und sonst: Philip Roth ärgerte sich über Wikipedia, SpOn analysierte die Stimme von Frau Wulff und bei Spiegel TV ärgerte man sich über den Print-Spiegel.

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Darf Wikipedia eigentlich das Leistungsschutzrecht für sich in Anspruch nehmen, wenn es mal so weit ist? Wikipedia-Gründer Jimmy Wales dürfte sich jedenfalls freuen. Denn nicht nur Schüler und Studenten bedienen sich dort regelmäßig für ihre Hausarbeiten, auch Journalisten werden häufig bei ihren Netz-Recherchen fündig. Einen kleinen Betrag könnte dem Gründer des Online-Lexikons diese Woche zum Beispiel der Spiegel als Spende überweisen. Denn in einem Artikel-Einstieg des aktuellen Hefts zitierte ein Autorentrio fast wortgleich aus einem Wikipedia-Eintrag. In dem Griechenland-Stück heißt es beim Spiegel:

"Mantras sind kurze, formelhafte Wortfolgen, die aus meditativen Gründen mehrmals wiederholt werden. Der Begriff kommt aus dem Sanskrit und bedeutet ‚Spruch, Lied, Hymne‘. Ein Mantra kann man sprechen, singen, flüstern, in Gedanken rezitieren. Oder man schreibt es auf und isst es dann."

Bei Wikipedia steht geschrieben:

"Mantra (‚Spruch, Lied, Hymne‘) bezeichnet eine meist kurze, formelhafte Wortfolge, die oft repetitiv rezitiert wird. (…). Mantren können entweder sprechend, flüsternd, singend oder in Gedanken rezitiert werden. Sie können auch aufgeschrieben werden (likhita-japa) und in dieser Form sogar gegessen werden."

Berlin-Bürochef Konstantin von Hammerstein, der Mitautor des Stücks "Das blutende Herz" ist, sagt auf Nachfrage: "Die Pointe des Einstiegs ist ja, dass er wie ein Lexikoneintrag formuliert ist." Die Spiegel-Dokumentation habe den Eintrag bei Wikipedia, den Hammerstein via Google gefunden hat, überprüft. "Ich habe ihn leicht verändert im Text verwendet. Das ist aus meiner Sicht zulässig." Noch zulässiger, bzw. wünschenswerter wäre es gewesen, Hammerstein und seine Kollegen hätten Wikipedia in ihrem Einstieg auch als Quellenangabe genannt. Findet sicher nicht nur Jimmy Wales.

Keine Quelle, eher ein Quell für Ärger ist die Wikipedia gerade für den hoch dekorierten US-Schriftsteller Philip Roth. Im Wikipedia-Eintrag zu seinem Roman “Der menschliche Makel” (engl: “The Human Stain”) wird behauptet, das Buch sei inspiriert vom Leben des Autors Anatole Broyard. Stimmt nicht, sagt Roth himself. Seine Geschichte sei inspiriert von einem Erlebnis seines Freundes Melvin Tumin, Soziologie-Professor in Princeton. Roth hätte die entsprechende Stelle in der Wikipedia gerne geändert. Durch einen Mittelsmann bat Roth, dass die Stelle (und noch zwei weitere) bitte korrigiert werden mögen. Ein Wikipedia-Administrator antwortete, das sei nicht möglich, denn Roth alleine sei keine vertrauenswürdige Quelle. “Ich verstehe, dass der Autor die größte Autorität für sein eigenes Werk besitzt, aber wir brauchen weitere Quellen.” Philip Roth ist irritiert und dokumentierte den Zwist mit der Community in einem langen, offenen Brief an die Wikipedia, den der New Yorker veröffentlicht hat.

Den vorläufigen Höhepunkt in Sachen Bettina-Wulff-Exegese lieferte diese Woche Spiegel Online. Die Kollegen analysierten die Stimmgewalt der früheren First Lady – liest diese doch das Vorwort zu ihrem Buch “Jenseits des Protokolls” in der Hörbuch-Version höchstselbst. Aber ach, auch da kommt Frau Wulff nicht gut weg. “Bettina Wulffs Stimme ist dünn, flattert unvorteilhaft in den Höhen. Jeder Satz droht, aus der Zeile getragen zu werden, als handele es sich hier um die unsichere Fahrt eines Führerscheinneulings auf von nassem Herbstlaub bedeckten Asphalt”, diagnostiziert SpOn. Aber auch das sei doch bestimmt wieder eine Art von Berechnung, vermuten die Kollegen: “Erst, wer Bettina Wulff auf dem zugehörigen Audiobuch gehört hat, wird die Strategie dahinter erkennen: Buch und Hörbuch zielen nicht auf das Establishment der Berliner Republik, wie es Gerhard Schröder oder Peer Steinbrück mit ihren Veröffentlichungen getan haben. Sie zielen aufs breite Volk. Sie zielen nicht auf den Verstand, sie zielen auf den Bauch. ,Ich bin eine von euch!‘ – so der Unterton einer jeden holprig gelesenen Zeile aus Bettina Wulffs Hörbuch.” Die arme Frau – selbst ihre holprige Vortragskunst wird jetzt zu eiskalter Berechnung umgedeutet.

Und nochmal Spiegel: Da dürfte dem einen oder anderen Mitarbeiter von Spiegel TV bei der Lektüre des Stefan-Raab-Interviews in der vergangenen Spiegel-Ausgabe aber vor Ärger die Milch im Kaffee sauer geworden sein. In dem langen Gespräch, das Wirtschafts-Ressortleiter Thomas Tuma mit Raab führte, sagte der Moderator über den geplanten Sendeplatz seiner neuen Polit-Show am Sonntagabend: “Sonntagabends kommt ja im Fernsehen nach 22 Uhr eigentlich nichts Relevantes mehr.” Darauf Spiegel-Mann Tuma: “Da talkt immerhin Günther Jauch.” Immerhin? Immerhin läuft zur gleichen Zeit auch ein Magazin namens “Spiegel TV” bei RTL. Zwar ging es bei dem Raab-Gespräch in erster Linie um Talkshows – dass der Print-Kollegen aber den TV-Ableger des Hauses noch nicht einmal erwähnt, wurde bei den Fernsehmachern durchaus mit Unmut registriert. Die Gräben zwischen Print und den Neuen Medien beim Spiegel Verlag gibt es immer noch.

Schönes Wochenende!

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