Journalismus: mehr Zitate, weniger Fakten

Publishing Bestehen durch den Online-Journalismus Beiträge verstärkt aus der Wiedergabe von Zitaten? Dieser Frage ist Joachim Scharloth von der Dokkyo Universität in Tokio nachgegangen, in dem er die Frequenz der Kommunikations-Verben ("sagte", "berichtete") in den Archive von Spiegel Online, dem gedruckten Spiegel und der Zeit, analysierte. Er kommt zu dem Ergebnis: Die Personalisierung von Informationen hat zugenommen. Es überrascht jedoch, wo dies nicht der Fall ist.

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In seinem Blog "surveillance and security" stellt Scharloth, der in kürze aus Tokio an die TU Dresden wechselt, die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung dar. Demnach steigt der Gebrauch von Kommunikationsverben auf alle Ressorts zusammen gesehen bereits seit den 1970er Jahren an. "Parallel zu den Anfängen des Online-Journalismus in den 1990er Jahren verstärkt sich jedoch dieser Anstieg", stellt Scharloth fest. Anders als vermutet, sei die Frequenz bei Spiegel Online auf den ersten Blick nicht dramatisch höher als bei den Print-Medien.
Der Forscher schränkt jedoch ein, dass die Aggregierung der Daten aus allen Ressorts "nur einen recht groben Eindruck" gebe. Daher hat er die Ressorts Politik, Wirtschaft und Panorama noch einmal gesondert betrachtet. Dabei fällt auf: Hier liegt die Frequenz der Kommunikations-Verben bei Spiegel Online zum Teil deutlich über der in den beiden Print-Magazinen.
Besonders ist dies in der nationalen Politik-Berichterstattung der Fall. Der Abstand sei jedoch sowohl in Politik-, als auch im Wirtschafts-Ressort geringer geworden. Die Zahl der Kommunikations-Verben in den beiden Print-Magazinen stieg an, bei Spiegel Online hingegen bleibt sie überraschender Weise in etwa auf gleichem Niveau, oder ist sogar rückläufig.
Am stärksten zugenommen hat der Gebrauch von Kommunikationsverben der Untersuchung zufolge im Wirtschafts-Ressort. "Hier überlagern offenbar zunehmend Berichte über Gesagtes die Berichterstattung zu messbaren Zusammenhängen, bzw. wird die Präsentation von Fakten an deren Verkündigung gekoppelt", schreibt Scharloth. Im Panoram-Ressort des Spiegels ist die Frequenz der Kommunikations-Verben dem Sprachwissenschaftler zufolge ürbigens deutlich höher als in der entsprechenden Rubrik bei Spiegel Online.
Die Untersuchung gibt freilich nur einen Ansatzpunkt. Zum einen müssen die gewählten Publikationen nicht repräsentativ sein, zum anderen ist der Vergleich von Online-Medium mit einer wöchentlich erscheinenden Publikation nur bedingt aussagekräftig. Besser wäre hier womöglich der Vergleich mit einer Tageszeitung. Außerdem stehen nicht alle Komunikations-Verben zwingend im Zusammenhang mit der Wiedergabe von Gesagten, wie etwa bei "telefonieren".
Auch Scharloth betont, dass man die Fragestellung genauer untersuchen müsste. Ein vorläufiges Fazit zieht er dennoch: "Die Personalisierung von Informationen und die Wiedergabe von Aussagen und Meinungen ist eine immer stärkere werdende Tendenz, die durch die Logik der Online-Medien nicht verursacht, aber verstärkt wurde", schreibt der Sprachwissenschaftler.

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