„Findet’s die ARD scheiße, wird’s ein Kracher“

Fernsehen Bereits der Teaser-Film für Stefan Raabs neue TV-Projekt verrät, wohin die Reise geht: "Die Zeit ist reif", heißt es darin. Dass "sich Meinung wieder lohnt" und dem "dahinsiechenden Polit-Talk" wieder "neues Leben eingehaucht" wird. Ab dem 11. November startet der TV-Alleskönner seine politische Gesprächsrunde, die nicht weniger will, als ein junges Publikum für ein Genre zu begeistern, das die Jugend noch nie erreicht hatte - und ganz nebenbei Jauch, Beckmann & Co. zeigen soll, wie man es besser macht.

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Die Frustration über die bestehenden Formate scheint bei dem Kölner fast grenzenlos. So will er in dem neuen Format den Politikern die Chance geben zu zeigen, "dass sie noch am Leben sind". Anders als bei den typischen Talkshows sollen sie sich nicht zwei Tage lang vorbereiten dürfen, um dann "von ihren Jubelpersern beklatscht" zu werden, erklärte der Entertainer bei einem ProSieben-Event in Hamburg am Mittwochabend.

So funktioniert das Konzept

Die Regeln für "Absolute Mehrheit" sind denkbar einfach: Vier bis fünf Gäste diskutieren drei bis vier aktuelle Themen. Die Gäste werden überwiegend Politiker sein, aber auch Prominente und "Normalos" sollen ab und an eine Bühne bekommen. Nach jeder Runde stimmen die Zuschauer via Telefon oder SMS ab, welcher Politiker mit seinen Argumenten am meisten überzeugt hat. Das Fiese dabei: Nach der zweiten Runde scheidet der Teilnehmer aus, der am wenigsten Stimmen bekommen hat. Reißt ein Politiker die Fünf-Prozent-Hürde, wird es besonders gemein: Dann muss er sitzen bleiben, darf aber nicht mehr mitreden. Die TV-Macher halten Schweigen für die wohl härteste Strafe, die einem Politiker zuteil werden kann.
Wichtigster Baustein des Show-Konzeptes ist jedoch der Gewinn von 100.000 Euro. Holt einer der Talk-Teilnehmer am Ende der Sendung, die brutto 90 Minuten lang sein soll und in Köln produziert wird, die absolute Mehrheit, erhält er das Preisgeld. Scheitern alle Diskutanten, fließt die Gewinnsumme in den Jackpot. "Damit machen wir eine der wenigen Veranstaltungen, bei der ein Politiker ungestraft einen Umschlag mit Geld mit nach Hause nehmen darf“, scherzt der ProSiebenSat.1-Nachrichtenchef Peter Limbourg.
Was die Politiker mit dem Gewinn anfangen, bleibt ihnen überlassen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihren Jackpot einem guten Zweck spenden, dürfte allerdings sehr hoch sein.

Jetzt gibt es einen Wettkampf mit der ARD


Tatsächlich glaubt der TV-Entertainer, dass sein Talkformat – im Gegensatz zu den meisten anderen politischen Gesprächsrunden – zu einem Erkenntnisgewinn führen kann. "Bei anderen Talkshows ist der Zuschauer nach der Show genauso schlau wie vorher. Bei uns weiß er, wie die Mehrheit denkt."
Zudem reizte den Moderator wohl auch der sportliche Ehrgeiz, es all den Kollegen zu zeigen, deren Talkshow nur aus ihrem Namen bestünde und – nach Meinung von ProSieben-Chef Jürgen Hörner – dadurch mehr Personality-Show als ernsthafte Gesprächsrunde wären. "Am Anfang hieß es: Talkshow, der Markt ist total zu. Also wollte ich das machen." Die erste Titel-Idee lautete "Absolute Frechheit. Aber den Namen hat ja Günter Jauch schon."
Raab liebt einen anständigen Wettkampf. Und den besten Grund, alles zu geben, lieferte ihm gerade die ARD, indem sie sein neues Konzept als "abwegig" bezeichnete. "In der Regel heißt das: Wenn die ARD es scheiße findet, wird es ein Kracher", konterte der Entertainer.
Anders als es in vielen Kommentaren und Berichten in den vergangenen Tagen der Fall war, ist Raab kein Anfänger auf dem Gebiet der politischen Talkshow. Bereits 2005 und 2009 gelang dem Kölner mit der "TV total Bundestagswahl" eine Sendung, die vor allem in den jungen Zielgruppen besonders erfolgreich war. Genau mit diesem Pfund will er auch diesmal wuchern. Sein Ziel ist es, vor allem die Zuschauer zu erreichen, die anstonsten niemals Gesprächsrunden mit Ministern, Oppositionsführern und Bundestagsabgeordneten schauen würden. Genau mit diesem Argument will der Multi-Moderator auch die Polit-Profis ködern. Anstatt Angst zu haben, sich zu blamieren, sollten sie lieber die Chance nutzen, Wähler von ihrer Position zu überzeugen, die ihnen sonst niemals fünf Minuten ihrer Lebenszeit opfern würden, meint Raab.
Ein weiteres Überbleibsel aus der „TV total Bundestagswahl“ ist die Zusammenarbeit mit dem P7S1-Nachrichten-Chef Peter Limbourg, der die Sendung zusammen mit Raab moderieren wird.

Beck und Kubicki würden mitmachen

Offenbar scheint das politische Berlin das Konzept anzunehmen. So berichtet Spiegel Online bereits, dass Wolfgang Kubicki oder auch Volker Beck offenbar bereit wären teilzunehmen. "Natürlich werden sich viele Politiker die Sendung erst einmal ansehen", schränkt Limbourg ein.
Die Sendung wird einmal im Monat immer sonntags direkt nach dem Blockbuster und zeitgleich mit "Günter Jauch" zu sehen sein. Vorgesehen ist, dass die „Absolute Mehrheit“ – aus Gründen des Audience-Flows – nach Möglichkeit auch immer das Thema des vorhergehenden Spielfilms aufgreift. Liefe vorher der "Schuh des Manitu", würden "wir wohl auch über die Homoehe reden", erklärt Raab.
Bei der Erstausstrahlung wird es demnach auch um Facebook & Co. gehen. Denn der vor dem neuen Talk läuft "The Social Network". Dieser Film wiederum ist Teil einer ganzen Themen-Woche, die sich mit den sozialen Netzwerken befassen wird. Dazu soll vor allem "Galileo" mit einer Vielzahl von Experimenten aufwarten. Zudem wollen die Münchner die Chance nutzen und ihr neues Connected-TV-Projekt starten, bei dem die Zuschauer live via Facebook und Twitter mitdiskutieren können.
Wichtig scheint dem Moderator allerdings auch zu sein, dass die Show auch einen gewissen Projekt- und Text-Charakter beibehält. "Wir glauben, dass bei dem Experiment nicht alles vorhersehbar ist", sagte er in Hamburg. "Fällt der Zuschauer auf den Populisten ein? Wird der Schnösel gleich abgestraft oder kann den Zuschauer überzeugen?" In jedem Fall scheint Raab auf Talk-Krawall gebürstet und bereit, den etablierten Talkrunden kräftig einzuheizen.

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