Wie Focus Online die Konkurrenz fordert

Publishing Just hat Focus Online seine IVW-Zahlen transparenter ausgewiesen. Im Gespräch mit MEEDIA sagt Geschäftsführer Oliver Eckert, das Portal werde auch 2012 schwarze Zahlen schreiben. Zudem erreiche das Börsen-Beiboot Finanzen 100 den Break-Even. Einer Bezahlschranke für das News-Angebot erteilen Eckert und Chefredakteur Daniel Steil eine Absage. Die positiven Nachrichten in eigener Sache sind auch als Reaktion auf Kritiker zu werten, die vor allem auf die Abgänge in der Redaktion verweisen.

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Gab es in den vergangenen Monaten etwas über Focus Online zu lesen, handelte es sich in erster Linie um Personalien. Eine ganze Reihe von Ressortleitern hat sich seit Mitte vergangenen Jahres aus der Redaktion verabschiedet, aus unterschiedlichen Gründen. Nachdem der langjährige Chefredakteur und Geschäftsführer Jochen Wegner das Portal, das er maßgeblich aufgebaut hat, verlassen hatte, standen die Zeichen auf Umbruch. Mit Oliver Eckert kam ein neuer Geschäftsführer, mit Daniel Steil ein neuer Chefredakteur. Eckert sagt, alle Stellen seien wieder besetzt worden, unter dem Strich arbeiteten heute sogar mehr Redakteure für das Portal als vor seinem Antritt – ohne, dass an Personalkosten gespart worden sei.

Chefredakteur Steil verweist darauf, dass Focus Online mit 98 Prozent den höchsten redaktionellen Reichweitenanteil aller Verlagsangebote vorweisen könne. Diese Zahl sei ein Beleg für die "Qualitätsoffensive" im Hause Tomorrow Focus, zu dem das Nachrichtenportal gehört. Bei Nutzern wie Werbekunden werde Focus Online als "starkes journalistisches Angebot" positioniert. Steil setzt die Schwerpunkte bei den Focus-Kernkompetenzen: Nutzwert, etwa Gesundheit, Finanzen und Immobilien, gepaart mit Schnelligkeit. Wie sich die Redaktion selber sieht, war unlängst in einem recht eigenwilligen Video zu sehen, das für ein internes Projekt gedreht worden war.

Die Offenlegung der Verteilung der Page Impressions soll nun auch als Beleg dafür dienen, wie stark Focus Online zuletzt gewachsen ist. 82 Prozent der PIs entfallen auf das Nachrichtenportal, danach folgt mit einem Anteil von 10 Prozent das Angebot Finanzen 100. Deutlich kleinere Anteile verbuchen die Angebote Wissen.de (1,5 Prozent) und Amica.de (1,2 Prozent). Nicht mehr eingerechnet wird seit Jahresanfang das Gesundheitsportal Jameda. Süddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger machte in seinem Blog (und indirekt in einem MEEDIA-Interview) darauf aufmerksam, Focus Online verbreite seit kurzem unbearbeitete Pressemitteilungen von ots – und generiere auch auf diesem Weg die (tatsächlich stark wachsende) Reichweite. Es handele sich um einen Test, sagt Daniel Steil. Die Pressemitteilungen seien als solche gekennzeichnet: "Wir haben in vielen Gesprächen mit Nutzern erfahren, dass es ein Interesse an solchen Originalquellen gibt". Die steigende Reichweite erkläre sich jedenfalls nicht aus diesem Test, beteuert Steil.

Seit dem vergangenen Jahr sei Focus Online profitabel, das Ergebnis werde auch in diesem Jahr wachsen, sagt Geschäftsführer Eckert. Das allerdings vor allem mit "Premium-Werbung", also Werbeeinblendungen von Markenkunden. Und nicht mit Bezahlinhalten, die es zwar in der Nische geben könne (und auch gebe), aber nicht in der Breite. Eckert: "Wir gehen heute nicht davon aus, dass Paid Content die tragende Erlössäule eines Nachrichtenportals sein kann."

Ebenfalls werde in diesem Jahr das Angebot Finanzen 100 schwarze Zahlen schreiben – erstmals. Eckert hatte das Angebot nach dem Kauf durch Tomorrow Focus in Köln ausgebaut und schrittweise mit dem Finanzressort von Focus Online verzahnt. Das Verhältnis Entwickler zu Redakteuren beträgt 6:2 – Finanzen 100 war von Beginn an als stark automatisiertes Angebot angelegt, das auch semiprofessionelle Anleger für ihre Entscheidungen nutzen können. Redaktionelle Beiträge werden vorwiegend von Nachrichtenagenturen bezogen und anderen Portalen, mit denen Kooperationsvereinbarungen bestehen, aggregiert. "Zunehmend" setze das Portal, das von einer Tochterfirma betrieben wird, auf die Erstellung eigener redaktioneller Inhalte. Auch bei Finanzen stehe das W-Wort im Vordergrund, Eckert sagt: "Wir wachsen brutal auf Kosten der Konkurrenz." Unter den Börsenangeboten im Netz liege man aktuell auf Platz 4, bei den mobilen Apps sei Finanzen 100 Marktführer.

Um den Ausbau des Frauenportals Amica.de kümmert sich vor allem Daniel Steil. Das gedruckte Frauenmagazin gibt es nicht mehr, doch die Marke sei "weiterhin positiv besetzt". Darum sei die Seite auch "fester Bestandteil" der Portalstrategie. Auch für Amica.de arbeiten inzwischen zwei festangestellte Redakteure. Steil sieht das Angebot mit rund 270.000 Unique Usern im Monat als "Shooting-Star unter den Frauenportalen". Vergleichsweise stark wachse nur noch Springers Angebot Stylebook.

Nicht mehr unter dem Dach von Tomorrow Focus ist das vor einigen Jahren mit großem Aufwand entwickelte Aggregations-Portal Nachrichten.de. Bereits im vergangenen Jahr hatte man das Angebot, das eine Alternative zu Google News hätte sein wollen bzw. können, an den Dienstleister Neofonie weitergegeben. Heute macht Nachrichten.de nur noch 0,31 Prozent an den PIs von Focus Online aus, das sind absolut ganze 710.002 PIs. Einen "Showcase" nennt Eckert das Angebot heute: "Wir haben viel über andere Nachrichtenportale gelernt und Technologiekompetenz aufgebaut." Es scheint zumindest nicht ausgeschlossen, dass Neofonie und Focus Online dieses Knowhow bei weiteren Projekten für Neuentwicklungen nutzen. Und die soll es geben, sagt Daniel Steil: "Wir werden aus Focus Online heraus weitere Angebote entwickeln."       

Zurück zum Transparenz-Vorstoß von Eckert und Steil. Der oft beiläufig genannte Vorwurf von Mitbewerbern und Branchenbeobachtern, Focus Online spiele nicht mehr in einer Liga mit Spiegel Online und anderen News-Portalen, ärgert die Chefs vermutlich schon ein wenig. Eckert war selber lange Journalist und weiß, wie sehr es darauf ankommt, sich als Relevanz-Portal zu positionieren, um sich im harten Verdrängungswettbewerb behaupten zu können. Auch darum lässt er nun die Zahlen sprechen. Ob nun andere Angebote nachziehen, wie es auch SZ-Mann Plöchinger gefordert hatte? Auf diese Frage nun reagieren Eckert und Steil abgeklärt: "Wir gehen unseren eigenen Weg. Ob die Konkurrenz ihre Zahlen offen legt oder nicht, spielt für uns keine Rolle." Auch diese Aussage ist freilich eine kleine Kampfansage.

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