Harald und der Tod des grauen Faselfürsten

Fernsehen Harald Schmidt ist tot. Quotentechnisch betrachtet. Sein Salami-Suizid trug lange schon Züge professioneller Deformation, altersstarrsinniger Veränderungswiderstände und bodenloser Ignoranz. Sterbehelfer Fred Kogel, Vertraute Schmidts und er selbst polierten paradoxe Oberflächen statt die wichtigen Fragen zu beantworten. So folgte dem Sat.1-Desaster das Hospiz: Bei Sky stirbt nun die ehemals graue Eminenz des Late-Night-Talks als graumelierter Faselfürst: unter Ausschluss jeder Öffentlichkeit.

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Alt zu werden ist nicht leicht. Loslassen zu können auch nicht. Harald Schmidt, 55,  kann beides nicht: Den Einschränkungen eigenen Älter-Werdens offenen Auges begegnen und dabei loszulassen von alten Bildern eigener, unantastbarer Größe.  Dem Mann, der stets ein grottenschlechter Schauspieler,  aber ein bemerkenswert bissiger Kabarettist, Entertainer und Late-Night-Talker war, verdankten Fans und Zuschauer viel. Nur wenige seiner Kollegen hatten seine umfassende Professionalität. Noch weniger seinen schonungslosen Mut im Spiel mit jenen Grenzen, die Kabarett und Show mit ihren Gags von direkten, platten Beleidigungen trennen. Harald Schmidt war über Jahre souverän im Tanz auf dieser Rasierklinge und als unterhaltsamer Grenzgänger für viele Kult. Niemand im deutschen Fernsehen war wie er.
Erfolg und Abstieg
Irgendwann, zunächst ganz leise, begann etwas schief zu laufen. Immer schon sagte man Schmidt nach, er pflege nur einen sehr kleinen Kreis vertrauensvoller Beziehungen. Jeder glaubte und verstand dies. Ein sehr übersichtliches Umfeld Vertrauter ist nur dann ein Nachteil, wenn die Vertrauten des engen Kreises im Glanz des Erfolges absaufen und Mut und Fähigkeit verlieren, ernste, kritische Aspekte zu äußern. Man darf vermuten, so war es auch.
Dass Schmidt also im Dezember 2003 nach großen Erfolgen der “Harald-Schmidt-Show“ Sat.1 verließ, als Schmidt-Intimus Martin Hoffmann, 52,  nach der Haim-Saban-Übernahme des Senders als Geschäftsführer entsorgt wurde, schien persönlich aller Ehren wert. Ein Jahr später, 2004, begann Schmidts Rückkehr zur ARD und führte über Stationen des zwischenzeitlichen Waterloos mit Oliver Pocher, zur Wiederbelebung der modifizierten “Harald-Schmidt-Show“, die im Mai 2011  beendet wurde.
Schmidt kehrte zu Sat.1 zurück und startete dort am 13. 09.2011.
Länger schon war Schmidt kontinuierlich im Sinkflug. Sieht man einmal von den relativ starken Quoten nach jeweiligen Senderwechseln ab, die eher auf Marketing und Promo zurück zu führen waren, denn auf die Qualität Schmidts  selbst, war klar: Fans und Zuschauer hielten einmal viel von Harald Schmidt. Zunehmend jedoch hielten sie vor allem eines: Abstand. Der Beginn eines schleichenden Zerfallsprozesses war eingeläutet.
Die wirklich großen Zeiten verbuchte Schmidt im Zusammenspiel mit Sidekick Manuel Andrack, 47,von 2000-2003 vor den Augen einer eingeschworenen Fan-Gemeinde bei Sat.1. Redaktionsleiter Andrack war auch vor der Kamera stets der perfekte Partner: In seiner ganz eigenen Art und sympathisch-depressiver Weise humorvoll, nahm er Schmidt nie den Raum, wie später der ansatzweise dumpfe Pocher. Mehr noch:  Manuel Andrack machte Harald Schmidt stets ein wenig größer, als dieser alleine je war. Das Duo Schmidt / Andrack war in jenen Glanzzeiten mehr als die Summe seiner Teile. Schmidt selbst war nie besser, als an der Seite Manuel Andracks.
Rückkehr zu Sat.1
Als Harald Schmidt nach sieben Jahren ARD 2011 zu Sat.1 zurückkehrte, blieben zentrale Fragen unbeantwortet. Ein inhaltlich immer noch Großer, der bei der ARD zu wenig Erfolg hatte, kehrte zu nun einem Sender zurück, der keine einfache Plattform bot:
Zunächst: Profil und Zielgruppe von Sat.1 präzise zu beschreiben, war -und ist- ungleich schwerer, als bei jedem anderen privaten Sender.  Dann: In jüngerer Vergangenheit vor der Rückkehr Schmidts hatten Sat.1 und sein ehemaliger Geschäftsführer Guido Bolten, 50, das Feld zusätzlich mit abenteuerlicher Oberflächlichkeit vermint: Die gedankenlose Verpflichtung Pochers in einer Late-Night-Talk-Rolle, von der jeder vorher hätte wissen müssen, dass Oliver Pocher, 34,  sie nie und nimmer ausfüllen würde. Die Verpflichtung Kerners, 47, dessen Zenit beim ZDF lange schon überschritten war. Beides folgte demselben paradoxen Ansatz: Man verpflichtete einen großen Namen und unterlag dem Irrtum, dies allein genüge. Man sonnte sich im kurzen Glanz der guten Nachricht, ignorierte alle fachlich relevanten Kernfragen für Erfolg und kommentierte letztlich logische Quoteneinbrüche tendenziell mit Aussagen, hier ginge es um Image und nicht um Quote, Quote sein gar nicht so wichtig, man sehe dies mittel- und langfristig.
Kurz zusammengefasst: Man hatte einfach einen oberflächlichen Job gemacht. Das hatte Konsequenzen. Selbstverständlich zerbröselte es Kerner, Pocher und bald auch Bolten:
Kerner, weil man eben nicht ein jahrelanges ZDF-Gesicht mit sinkenden Sympathie-Werten 1:1 auf eine amorphe Zielgruppe eines Privatsenders loslassen und davon ausgehen kann, dies genüge für Erfolg. Pocher, weil -in der Tat großartige- Podolski-Parodien ganz andere Kompetenzen erfordern, als Moderationsrollen in Late-Night-Talks: Die nämlich können aus dem kreativen Kompetenz-Spektrum Spätpubertierender allein nicht erfolgreich gestaltet werden.
Man hätte es vorher wissen können, nein: Man hätte es vorher wissen müssen.
Schmidt, Kogel und der Sender hatten also alle kritischen Informationen aus der jüngeren Sendergeschichte, in die hinein nun ein angeschlagener Schmidt zurückkehrte. Es lag alles offen da: Man hätte nur die Bereitschaft haben müssen, wahr zu nehmen und im Kern nach möglichen Problemfeldern einerseits und tragfähigen Antworten darauf andererseits zu suchen.
Die Fragen, die zu beantworten gewesen wären, waren ganz einfach:
Was bedeutete es für Format-Erfolg, wenn Schmidt zu einem Sender zurückkehrt, der beim Quoten-Desaster von Kerner und Pocher über längere Zeiträume nicht die richtigen Antworten finden konnte?
Waren denn nun, acht Jahre später, die Welten von Sat.1 und auch Harald Schmidt noch dieselben wie zu Zeiten seiner großen Erfolge? Konnte man nach Jahren quotentechnisch-überschaubarer, öffentlich-rechtlicher Präsenz die "Harald-Schmidt-Show" zurück auf Sat.1 verpflanzen, ohne wirkliche Veränderungen vorzunehmen?
In welchen Fragen genau musste sich die angeschlagene Ex-Ikone Schmidt denn selbst ändern, um nicht im Sinkflug zu mumifizieren?
Wodurch genau konnte ein älter gewordener Schmidt denn Sat.1-Zuschauer erreichen, binden und neue Zuschauer dazu gewinnen?
Die Geschichte zeigt: Keine der Fragen wurde beantwortet. Es scheint sehr wahrscheinlich, dass man sie in der nötigen Konsequenz nicht einmal gestellt hat.
Stattdessen resümierte Harald-Schmidt-Intimus und Weggefährte Fred Kogel, 51, im zahnlosen Interview des Branchendienstes DWDL, sein Ziel sei “die gesammelten Erfahrungen von Harald und mir nach 20 Jahren ins Boot zu werfen“. “Bescheidenheit“, so Kogel, “mussten wir auch erst lernen“.  Im Interview spricht Kogel über eine ganze Reihe nebensächlicher Aspekte. Zentral erfolgskritische Fragen werden weder gestellt noch beantwortet. Stattdessen belanglose Phrasen ohne jede Präzision: “Nach 16 Jahren weiß man genau, was man tut“.  Kogel spricht mit DWDL über Music-Acts und Sendeplätze, über die Wahl von Studio und Tisch oder gar die Idee, Daniela Katzenberger könnte bei einer Wiederauflage des "Glücksrades" die Zahlen umdrehen.
Auch ein schönes Thema, mochten Leser denken, oder: Wenn die “Harald-Schmidt-Show“ sich auf demselben Niveau bewegt, wie dieses Interview, kann das nichts werden. In seiner Quoteneinschätzung war Kogel sicher: “Wenn wir auf 16 Jahre LateNight zurückblicken, dann hatte die Sendung eigentlich immer über eine Million Zuschauer. Mal auch 1,5 oder 1,8 Millionen, mal nur 1,1 Millionen. Und das egal gegen welches Gegenprogramm. Einen gewissen festen Zuschauerkreis gibt es. Unser Publikum ist sozusagen wetterfest.“
Eine Fehleinschätzung Kogels: Wind und Sturm bliesen Schmidt schneller ins Gesicht, als es die Qualität von Format und Vorbereitung aushielten. Kogel und Schmidt übersahen, dass das Ziel, “ihre in 20 Jahren gesammelten Erfahrungen gemeinsam in ein Boot zu werfen", eben nicht reicht.  Man muss das Boot schon auch treffen können.
Ein paar Monate vorher hatte Harald Schmid in einem Interview des Branchendienstes quotenmeter die Bedeutung der Quote als Erfolgsfaktor mit dem Satz beantwortet: “ Die Sender sind auch letztlich nicht so fixiert auf Einschaltquoten, wie allgemein vermutet wird – zumindest in meinem Fall war das bisher immer so. ProSiebenSat.1 ist eine börsennotierte Aktiengesellschaft und da sind vor allem eine schöne Show und ein guter Aktienkurs wichtig.“
Frei sein von und fei sein für
Aua: Selbstgefällige Ignoranz? Zumindest in Verbindung mit Kogels Worten ein gemeinsames Ausblenden von Wirklichkeit. So sprechen, dachte man,  üblicherweise Menschen, die sich selbst genügen und dabei eine simple Wahrheit übersehen: TV ist kein Selbstzweck. Fernsehen ist -wie andere Medien, wie Musik und Kunst- letztlich ein Kanal, der dem Transport dient. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Qualität des Contents auf der einen Seite muss dafür Sorge tragen, dass auf der anderen Seite des Kanals Aufmerksamkeit, Interesse, Bindung und Identifikation entstehen. Die Frage, ob es gelingt, Zuschauer zu erreichen, meint eben nicht nur die Quote als Plattform für Werbeerlöse, sondern auch die professionelle Fähigkeit, Bindung herzustellen. Wer sich in grenzenloser Selbstgefälligkeit davon verabschiedet, wer wichtige selbstkritische Aspekte durch eigene Größenphantasien beantwortet, hatte lange schon abgehoben und damit begonnen, um sich selbst zu drehen. Frei sein zu können von Quote bedeutet eben auch: frei sein zu können von Bindung an Zuschauer.
Statt “frei zu sein von“  wäre sensibler und klüger gewesen, Schmidt hätte sich dazu entschieden, “frei zu sein für“: für Zuschauer, für Quote und auch für den Erfolg des Senders.  Er hätte vielleicht Elfenbeintürme verlassen müssen, aber er wäre sicher zufriedener geworden. Zufriedenheit wächst nie in der Einsamkeit von Elfenbeintürmen.
Der frühe TV-Erfolg hatte mit Harald Schmidt eines seiner fähigsten Kinder gefressen. Schmidt selbst schaffte es nie,  das Hamsterrad lebensfernen Selbstbezuges zu verlassen und trieb so seinen Salami-Suizid voran. Unverständlich, dass scheinbar niemand der Vertrauten ihn sich ernst zur Brust nahm, ihn wach schüttelte und sagte: “Harald, so geht das nicht. Wir erreichen die Zuschauer nicht mehr!“. Unverständlich!  Die einzige Erklärung: Schmidts Umfeld war konzipiert nach dem Kriterium maximaler Ähnlichkeit. Und dennoch: Wer wie Schmidt große Fähigkeiten besaß, hatte auch Zuschauern und Fans gegenüber große Verantwortung: Schmidts Umgang mit dieser Verantwortung bildete letztlich eine bodenlos unverschämte Aggression jenen gegenüber, die ihn schätzten, mochten oder sogar liebten. Lange schon hatte Schmidt sich scheinbar über Zuschauer-  und Senderbedürfnisse erhoben, sich selbst ernste und große Fragen erspart und sich wie ein Vietnam-Veteran des Late-Night-Talks in alter Schützengraben-Romantik isoliert.
Zuschauer verzeihen nicht, wenn sie egal werden. Viele werden einfach nicht verstanden haben, warum der Meister nicht um sie gekämpft hat. Heute muss man resümieren, was lange schon vorher absehbar war: An den wirklich wichtigen Stellen waren Schmidt & Co ebenso Selbstkritik- wie beziehungsunfähig.
Sterben im Hospiz
Hätte es noch weitere Belege für die Fortsetzung dieses tragischen Weges gebraucht, sie sind im Hospiz Sky bereits erbracht. Nach genau zwei Sendungen. Mehr desselben: Die große Ankündigung des Namens, keine Veränderung am Kern des Konzepts. Und an einem Interview-Tag mit Journalisten Sprüche, die – "Ich bin einfach zu gut" – zunehmend tragisch wirken: Sterbende haben kurz vor ihrem Tod manchmal den Eindruck, alles würde plötzlich besser, und sie könnten wieder die Welt aus den Angeln heben. Das ist nicht nur krankheitstypisch, sondern ein untrügliches Zeichen für das nahende Ende.
Als  Harald Schmidt über die professionelle Deformation Thomas Gottschalks bei “Gottschalk live“ Witze riss, lenkte ihn das sicher auch ein wenig vom Sterbeprozess des eigenen Formats ab. Quotentechnisch ist der mit 0,0% messbaren Zuschauern (unter 5.000 Zuschauern) inzwischen erreicht.
Wenn Schmidt selbst darüber heute oder morgen bei Sky wieder einmal den einen oder anderen Witz reißt, wird das kaum noch jemanden interessieren. Man mag es schade finden, wenn großes Potential durch Ignoranz verschenkt wird. Oder, man findet es ärgerlich. Die nüchterne Betrachtung lautet:
In den wirklich wichtigen Fragen von Veränderung blieb Schmidt im Kern stets starrsinnig und veränderungsresistent. Um es mit Biermann zu sagen: Schmidt hat sich nie wirklich in Gefahr gebracht und kam darin um. Auch für ihn galt: Wer nicht vom Weg abkommt, wird auf der Strecke bleiben.

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

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