Raabs Polit-Talk: Schlag den Phrasendrescher

Fernsehen Mit seiner Ankündigung, bei ProSieben eine Polit-Show zu starten, hat Stefan Raab für Wirbel gesorgt. Der Entertainer tritt in direkte Konkurrenz mit ARD-Vorzeigetalker Günther Jauch, vor allem aber eher mit dem etablierten Sendeformat insgesamt. Die Reaktion beim Ersten auf den Raab-Plan ("abwegig") unterstreicht dabei nur, dass der 45-Jährige mit seinem Ansatz einen empfindlichen Nerv getroffen hat - kein Wunder, stehen deren Angebote doch extern wie intern in der Kritik.

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Von mehr oder weniger ergebnislosen "Laberrunden" ist oft die Rede, von zu harmlosen Moderatoren und ständig wiederkehrenden Selbstdarstellern. Die Quoten scheinen seit längerem ausbaufähig, der Marktanteil in der jungen Zielgruppe ist desaströs, und die Verpflichtung von Günther Jauch hat – verbunden mit der Neuvergabe der Sendeplätze – zu einer anhaltenden Diskussion um Sinn und Zukunft der "Talkshow-Schwemme" geführt.
Und jetzt kommt Raab. Mit dem sicheren Instinkt dafür, was die Jungen von den öffentlich-rechtlichen Talks fernhält und auch dafür, wie man sie packen könnte, hat der Moderator ("TV total", "Schlag den Raab"), der ProSieben bereits umklammert hält wie ein Krake, einen weiteren Fangarm ausgeworfen, der den Sender im Erfolgsfall noch abhängiger von der One-Man-Show Raab macht. Dessen Idee, den Talk mit einem Gewinnspiel zu kombinieren und 100.000 Euro pro Sendung (zu spenden für einen guten Zweck) auszuschreiben, mögen viele belächeln. Tatsächlich liegt die Innovation aber auf einer grundsätzlicheren Ebene: nämlich dem offenen und konsequenten Bekenntnis zum Showcharakter – Talks nicht aus der pädagogischen Anstalt, sondern aus einer Art Casino, in dem der Gewinner des Abends ermittelt wird. Nicht Dialog, sondern Unterhaltung ist bei Raab Programm. 
Das wird spürbare Auswirkungen auf die Abläufe der neuen ProSieben-Sendung haben, deren Details erst in den nächsten Tagen vorgestellt werden. Politiker und Promis vom Typus Volkstribun dürften sich von diesem Konzept angesprochen fühlen, ob es auch für schwierige Themen und echte Hochkaräter als Gäste taugt, bleibt abzuwarten. Ganz sicher scheint die bereits von Raab-Kritikern indirekt lancierte Unterstellung, der geplante Show-Talk sei eine Zumutung oder gar Gefährdung für die Demokratie, weit übertrieben: Schon jetzt ist eitle Selbstinszenierung von Gästen ein wesentlicher Bestandteil der real exisitierenden Formate.
Die neue Show, die zunächst lediglich einmal pro Monat geplant ist, wird sich als Alternative zu den viel kritisierten gängigen Talk-Marken beweisen müssen. Dies könnte sie, indem Raab zeigt, dass er Zuschauern, die sich sonst nur für Eventfernsehen a la "Schlag den Raab" oder "Wok WM" interessieren, politische oder gesellschaftliche Themen näher bringen kann. Denn dass seine "Absolute Mehrheit" die Masse der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz in der jungen Zielgruppe vom Start weg zumindest prozentual auf die jeweilige Gesamtzuschauerzahl gesehen abhängt, wird kaum jemand in Zweifel ziehen.
So steht das größte Fragezeichen hinter dem Moderator selbst. Raab ist kein Talker im klassischen Sinn, kein Zuhörer oder Zwischen-den-Zeilen-lesen-Könner, sondern ein Presenter, eine "Rampensau" und obendrein ein Egozentriker. Wie viel Interesse wird so einer entwickeln, die Phrasendrescher im Studio zu entlarven, den Themen mehr Raum zu geben als den Personen? Wie vermittelt der Mann, der für "Lisa-Loch-Sprüche" Unterlassungsverfügungen kassierte, plausibel, dass in politischen Fragen der Gehalt mehr zählt als der Knalleffekt? Diese Frage könnte man indes auch immer mehr Politikern stellen. Und allein um eine Antwort darauf zu finden, wird es sich lohnen, am 11. November bei Raabs Talk-Premiere einzuschalten.

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