„Tatort“: der Mörder, der aus der Wand kam

Fernsehen Es ist ein einfach gestrickter, scheinbar kleiner Kriminalfilm und doch der erste Höhepunkt der neuen "Tatort"-Saison: "Borowski und der stille Gast" macht von der ersten Minute an Angst und sorgt für viel Spannung. Im Gegensatz zu dem vergangenen Fall aus Köln, die mit einer verzweigten Afghanistan-Heimkehrer-Story für viel Verwirrung und wenig Thrill sorgte, zieht der Kieler "Tatort" seine Kraft aus der Reduktion auf eine der großen Ur-Ängste: Denn jeder fühlte sich im Dunkeln schon einmal beobachtet.

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Die Story lässt sich knapp zusammenfassen: Eine Frau alarmiert die Kieler Polizei, weil eine Person "durch die Wand" in ihre Wohnung eingedrungen sei. Als die Beamten eintreffen, kommt jede Hilfe zu spät – auch weil die Einsatzkräfte zu lange brauchen, um die ganzen Sicherheitsschlösser, die scheinbar von Innen verschlossen wurden zu öffnen. Schnell kommt Kommissar Borowski und seine Kollegin Sarah Brandt zu dem Schluss, dass ein stiller Beobachter sich in der Wohnung der Frau aufgehalten und sie studiert haben muss.
Während die Jagd nach dem „stillen Gast“ beginnt, beschäftigt sich dieser bereits mit dem nächsten Opfer. Es ist der Beginn einer nervenaufreibenden Jagd zwischen dem großartig verklemmt aufspielenden Lars Eidinger und dem immer besser harmonierenden Ermittler-Duo Axel Milberg und Sibel Kekilli.
Eidinger spielt einen wahrlich beängstigenden Paketboten, der im Umgang mit den Menschen extrem gehemmt ist, ständig auf den Boden schaut und ins Stottern kommt, sobald er angesprochen wird. Ist er allerdings unbeobachtet, dann wird er zum genauen Gegenteil. "Das Schizophrene an dieser Figur, fand ich sehr reizvoll", erklärt Eidinger seinen Ansatz.
Im Duell mit dem Mörder wurde vor allem die Rolle der Sarah Brandt bereits zum wiederholten Male aufgewertet. So entwickelt sich Kekilli immer mehr zu einer gleichberechtigten Partnerin des einstigen Kieler Alleinunterhalter-Kommissar Milberg. Den Filmen von der Küste tut dies ungemein gut. Denn anders als ihr männlicher Kollege kann sie nicht nur ernst.
Regie führt wie bereits beim letzten Kieler "Tatort" Christian Alvart. Sein neuer Film schließt genau an den Vorgänger ("Borowski und der coole Hund") an, ohne dass der Zuschauer tatsächlich den ersten Krimi gesehen haben muss. Trotzdem ist auch "Der stille Gast" ein wahrer Ausstattungsfilm geworden. Der Täter hantiert ständig mit einer ungeheuren Fülle an Werkzeugen, Schlüsseln, Chemikalien, Bändern und Kästchen.
In einem Punkt entsorgt der Film allerdings auch eine liebgewonnene Requisite. Die Autoren schafften es, Milberg zu überreden, dass Borowski seinen alten braunen VW-Passat buchstäblich erschießt. Bislang wurde die Karre von Folge zu Folge weiterrepariert. Jetzt braucht der Kieler Kommissar einen neuen Dienstwagen. Milberg akzeptierte den TV-Tod seines Autos, weil er wusste, dass Alvart vor allem eines will: "großes Kino machen". Das ist dem Regisseur und seinen Hauptdarstellern tatsächlich gelungen. Mit einem vermeintlich kleinen, aber recht gruseligen und extrem spannenden "Tatort".

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