Wie Hamburger Medien die Bombe verpennten

Publishing Hamburg ist eine Medienmetropole. Da sollte man meinen, dass Bürger von den lokalen Medien auch bei einem unerwarteten Großereignis in der Stadt bestens informiert werden. Etwa, wenn wie in der Nacht zum Mittwoch zwei Fliegerbomben entschärft und rund 5000 Menschen evakuiert werden. Da hat man als Einwohner durchaus einige Fragen: Wie groß ist die Absperrung? Wo sind Notunterkünfte? Ab wann fährt der Nahverkehr wieder? Ein Riesenthema, das die Redaktionen vor Ort verpennten.

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Als vor kurzem in München ein ähnlicher Fall eintrat, lieferte sueddeutsche.de einen Live-Ticker mit Reportern vor Ort, der laut Redaktion hohe Zugriffszahlen verzeichnete. Man kann also durchaus von einem publizistischen Erfolg sprechen. Doch selbst ohne diesen Effekt sollte es die Pflicht eines journalistischen Mediums sein, seine Leser aktuell zu informieren. Eine Pflicht, von der die Online-Redaktionen in Hamburg offenbar nur wenig gehört haben.
Es ist 23:45 Uhr, eine Viertelstunde vor Beginn der geplanten Entschärfung, die ursprünglich sogar eher stattfinden sollte. Zwei Bomben liegen im Erdreich unter dem Heiligengeistfeld mitten in der Stadt kompliziert übereinander, die Explosionskraft übersteigt die der in München gesprengten Bombe deutlich. Dort war es zu Bränden gekommen und ein hoher Sachschaden entstanden.
All das hätte auch in der Hansestadt passieren können, denn die im Zweiten Weltkrieg abgeworfenen Blindgänger hatten eine Sprengkraft von insgesamt 1500 Pfund. 5000 Menschen wurden evakuiert. Doch Informationen auf den Newssites finden die Hamburger nur schwer: Die größte Online-Redaktion mit Sitz in Hamburg, Spiegel Online, frühstückt das Thema versteckt im Panorama-Ressort mit einer Agentur-Meldung – Stand früher Abend – ab. Einer der CvDs wundert sich derweil nachts kurz vor der Bombenentschärfung via Twitter über die hohen Klickzahlen einer Bildergalerie zum VW Golf.
Auch bei Stern.de ist auf der Startseite nichts zur Bombenentschärfung zu finden. Das gleiche gilt für tagesschau.de. Nun kann man all diesen Nachrichtenseiten zwar entgegenhalten, dass sie keine Regionalmedien sind, aber befreit das eine Redaktion schon von der Pflicht, vor der eigenen Haustür die Arbeit zu machen, auch wenn sie im Berliner Regierungsviertel vielleicht nicht dringend interessiert?
Es wäre vielleicht verschmerzbar, wenn die großen Redaktionen sich auf ihre regionalen Kollegen verlassen hätten können. Doch auch hier: Live-Berichterstattung? Fehlanzeige! Der NDR hat auf seiner Nachrichtenseite nur eine kurze Meldung. Das gleiche gilt für das Boulevard-Blatt Hamburger Morgenpost, das zwar mit dem Bombenfund aufmacht, von Aktualisierungen im Laufe des Abends aber auch nicht viel zu halten scheint.
Noch nutzerunfreundlicher sieht es beim Web-Portal des Hamburger Abendblatts aus. Das Springer-Blatt verlangt für die womöglich wichtige Anwohnerinformation erst einmal Geld und versteckt die Nachricht zur Bombenentschärfung hinter der Paywall. Und das, obwohl auch dieser Beitrag zu großen Teilen aus Agenturmaterial besteht.
Den Hamburgern bleiben in der späten Nacht einzig lokale Radio- und TV-Sender. Radio Hamburg zum Beispiel gibt im laufenden Programm immer wieder den Stand der Dinge wieder und telefoniert zwischendurch mit Anwohnern. Auf die eigene Homepage überträgt man die Informationen aber nicht: Der Artikel zum Thema ist mit Zeitstempel "Stand: 17:30 Uhr" versehen. Eine weitere der wenigen Quellen in der Nacht ist der Fernsehsedner Hamburg 1. Er bringt die Zuschauer mehrfach auf den neuesten Stand, aktualisiert auch im Netz.
Am schnellsten konnten sich die besorgten Bürger aber einmal mehr via Twitter informieren, wo viele Anwohner Interessierte auf dem Laufenden hielten und die wenigen Informationen aus dem lokalen TV- und Radiogeschehen weiterverbreiteten. Im Netzwerk wurde das Hashtag #bombe sogar zum Trending Topic. Dies macht deutlich: Es gab interessierte Leser, und es gab Quellen. Nur professionelle Online-Medien, die als verlässliche professionelle Vermittler auftraten, gab es nicht. So konnte neben der von vielen Nutzern getwitterten Kritik an der "Auszeit" der Hamburger Medien sich auch Zeit Online-Chefredakteur Wolfgang Blau einen Seitenhieb auf die Regionalen nicht verkneifen. Er sandte zu Beginn der Evakuierung die Twitter-Botschaft: "Liveblog beim Hamburger Abendblatt zur #Bombe auf Heiligengeistfeld? Nöö. Artikel hinter einer Paywall."

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