Gaga-Wallstreet: Analyst verhöhnt Apple

Es klingt wie ein schlechter Scherz: Apple verdient 8,8 Milliarden Dollar in 91 Tagen und wird dafür von der Wall Street abgestraft. 30 Milliarden Dollar Börsenwert wurden im nachbörslichen Handel vernichtet – und das, obwohl Apples Gewinne und Umsätze immer noch zweistellig wuchsen. Doch die Wall Street wollte mehr. Apple wurde so einmal mehr Opfer der aus dem Ruder gelaufenen Erwartungen der Börse, obwohl der iPhone-Hersteller inzwischen viel günstiger bewertet ist als etwa McDonalds oder Coca-Cola.

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Es klingt wie ein schlechter Scherz: Apple verdient 8,8 Milliarden Dollar in 91 Tagen und wird dafür von der Wall Street abgestraft. 30 Milliarden Dollar Börsenwert wurden im nachbörslichen Handel vernichtet – und das, obwohl Apples Gewinne und Umsätze immer noch zweistellig wuchsen. Doch die Wall Street wollte mehr. Apple wurde so einmal mehr Opfer der aus dem Ruder gelaufenen Erwartungen der Börse, obwohl der iPhone-Hersteller inzwischen viel günstiger bewertet ist als etwa McDonalds oder Coca-Cola.
Dass die Börse ihre eigenen Gesetze hat, ist seit Jahrhunderten bekannt. Es gab seltsame Räusche wie die Tulpenmanie bereits im 17. Jahrhundert oder die Internet-Euphorie vor dem Millenniumswechsel. Es gab gigantische Hypes und brutale Abstürze wie sie zuletzt Social Media-Aktien erlebten.
Dazwischen gibt es den Börsenalltag, in dem die meisten Dinge so nachvollziehbar verlaufen, wie sie sich in der Wirtschaftswelt abzeichnen: Wachstum wird belohnt, wer mehr verdient, der steht auch auf der Kurstafel der Börse besser da. Sollte man meinen. 
Henry Blodget kanzelt Apple ab: "Ein Desaster!"
Was sich gestern nach Handelsschluss an der Wall Street beim wertvollsten Konzern der Welt abgespielt hat, ist wieder eine jener Ausnahmen, die viele Menschen den Zugang zur Börse verleiden – zu undurchschaubar, zu willkürlich erscheinen die plötzlichen abrupten Kursaufschläge. Wie auch gestern nach Handelsschluss. 
Da vermeldet Apple, immerhin inzwischen der mit Abstand wertvollste Konzern der Welt, Rekordergebnisse in seinem dritten Geschäftsquartal, verdient mit 8,8 Milliarden Dollar in 91 Tagen so  viel wie nie zuvor, so viel wie kein anderer Konzern auf dem Globus – die riesigen Ölmultis eingeschlossen –, und wird doch mit einem Kursrutsch von 6 Prozent bzw. einem Einbruch im Börsenwert um rund 30 Milliarden bestraft. 
Eine "Enttäuschung" sei das Zahlenwerk, vermelden die Nachrichtenagenturen im Minutenabstand unisono. Henry Blodget, als früherer Staranalyst von Merrill Lynch einer der smartesten Köpfe der Branche, twittert nach Bekanntgabe der Quartalszahlen sofort, er hoffe, das sei "ein Scherz", und als klar war, dass es doch die Realität ist, nennt er die Bilanz "desaströs". 
Eigene Wall Street-Logik: ‚Gute Zahlen‘ sind eine sehr relative Größe
Wenn in den Jahren seit der großen Finanzkrise 2008/2009 viel über die Abnormität der Kapitalmärkte gesprochen wurde, so ist das jüngste Apple-Quartal so etwas wie die Kehrseite der Medaille. 8,8 Milliarden Dollar Gewinn in 91 Tagen werden in Zeiten der immer weiter ausufernden Schuldenkrise, in der inzwischen immer mehr Konzernbilanz in Europa nach unten revidiert werden, mit happigen Kursverlusten belohnt? Das scheint vielen Anleger zu hoch. 
Wer den auf ersten Blick seltsam anmutenden Ausverkauf der Apple-Aktie verstehen will,  muss die ungeschriebenen Gesetze der Wall Street kennen. Die nackten Zahlen garantieren schließlich nicht automatisch Kursgewinne. Nur ‚gut’ zu sein, reicht bei Bekanntgabe der Quartalszahlen nicht. ‚Gute Zahlen’ sind eine sehr relative Größe. Was für Außenstehende wie ein schier unglaubliches Ergebnis aussieht, kann für Analysten eine Enttäuschung sein – wie nach Handelsschluss bei Apple.
Wachstumsraten ebben ab
An dieser Stelle wird Apples Problem deutlich, das sich in den vergangenen zwei bis drei Jahren immer stärker abgezeichnet: Der Kultkonzern aus Cupertino wird immer mehr zum Opfer seines eigenen Erfolges. Dass die Wachstumsraten der jüngeren Vergangenheit nicht ewig durchzuhalten sind, versteht jeder VWL-Erstsemstler. Jeder Wachstumszyklus hat seinen Höhepunkt. 
Entsprechend werden Unternehmen an der Börse bewertet. Je jünger das Unternehmen und je explosiver das Wachstum, desto größer die Bereitschaft der Börse, einen Premiumpreis zu zahlen. Das ist der Grund,  warum Unternehmen wie Facebook und LinkedIn mit Mond-KGVs an der Börse debütieren konnten: weil man ihnen in der Zukunft extrem viel zutraut. 
Langer Schatten des phänomenalen Erfolges belastet die Aktie
Bei Apple hat sich der Trend im Bewertungsverhältnis längst umgedreht: Obwohl der iPhone-Hersteller bis zum jüngsten Quartal zwischen 70 und 120 Prozent – und damit stärker als Facebook oder Amazon – wuchs, bewilligte die Börse in den vergangenen zwei Jahren gerade mal ein KGV (Verhältnis Aktienkurs zum Konzerngewinn) von maximal 15, während die Internetstars mit Multiplen von 60 bis 100 den Besitzer wechseln. Inzwischen wird für Apple mit einem KGV von 13 gar weniger bewilligt als für Einzelhandelskonzerne wie McDonalds (KGV 17), Procter & Gamble (KGV 17) oder Coca Cola (KGV 20), die viel langsamer wachsen.
Fatalerweise behandelt die Börse Apple aber immer noch wie im vergangenen Jahrzehnt, als der iPod-Hersteller ein KGV zwischen 25 und 40 aufwies: Werden die turmhohen Erwartungen nicht erfüllt, folgt der Absturz. Wie erneut nach Handelsschluss. 
Es scheint, als könne Apple dem langen Schatten seines phänomenalen Erfolges einfach nicht entkommen: Die Erwartungen wie ein alten Zeiten bleiben, obwohl Apple längst wie unterdurchschnittliches Allerweltsunternehmen bewertet wird. Wer den enormen Cashanteil von inzwischen 117 Milliarden Dollar herausrechnet, der mittlerweile 124 Dollar je Aktie ausmacht, kommt aktuell auf ein Apple-KGV von 10. Das ist Pharmaaktien-Niveau, mit dem Unterschied, das Pfizer & Co nur noch einstellig wachsen. 
Seltsames Missverhältnis zwischen Apple und Google
In welchem Teufelskreis auf irrationalen Erwartungen und enttäuschter Börsenrealität sich Apple inzwischen bewegt, illustriert kaum etwas besser als der Vergleich zum großen Web-Rivalen Google. Die Suchmaschine vermeldete in der vergangenen Woche einen Gewinnzuwachs von 15 Prozent. Die Aktie legte daraufhin um vier Prozent zu. 
Apple vermeldete nun gestern eine Gewinnsteigerung von 21 Prozent und verliert sechs Prozent. Google hat im ersten Geschäftshalbjahr zusammengenommen 20 Dollar je Aktie verdient, Apple knapp 22 Dollar. Und wer notiert an Börse höher? Google liegt aktuell bei 607 Dollar, Apple 40 Dollar tiefer bei 567 Dollar. Ist das angemessen oder zu verstehen, werden sich Anleger fragen?
Apples Bürde: Beständige Hype-Erwartungen bei Walmart-Bewertung
Tatsächlich sieht Apple also ziemlich günstig bewertet aus – und das, obwohl die Apple-Aktie bei 567 Dollar seit 2010 Kurszuwächse von 160 Prozent hinter sich hat. Apples kaum lösbares Problem besteht allerdings darin, das seltsame Missverhältnis zwischen überbordender Erwartung und klassischer Bewertung kaum zurechtrücken zu können. 
Von Apple wird immer etwas Besonderes erwartet werden, allein das Apple-Logo scheint schon Hype genug, um auch wenn die Bewertung längst unter Walmart-Niveau gefallen ist. In diesem Paradoxon scheint die Apple-Aktie gefangen zu sein: Der wertvollste Konzern der Welt ist also gleichermaßen einer der günstigsten bewertesten. Auch das gehört wohl zu den großen Mysterien der Börse. 

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