Facebook: Wie sich der „Z-Man“ verzockte

54 Prozent Minus und keine Besserung in Sicht: Seit dem Ende der Haltefrist für Mitarbeiter bleibt die Facebook-Aktie unter Druck und stürzte gestern schon wieder auf neue Allzeittiefs. Gründer Mark Zuckerberg hat eingeräumt, dass ihn der Kurssturz persönlich trifft. Das dürfte noch eine Untertreibung sein: Tatsächlich hat der Börsen-Novize den Crash durch sein desaströses Auftreten rund um den IPO selbst befeuert. Rutscht der Aktienkurs weiter, dürften die ersten Diskussionen beginnen, wie gut der Studienabbrecher den CEO-Sessel noch ausfüllt.

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54 Prozent Minus und keine Besserung in Sicht: Seit dem Ende der Haltefrist für Mitarbeiter bleibt die Facebook-Aktie unter Druck und stürzte gestern schon wieder auf neue Allzeittiefs. Gründer Mark Zuckerberg hat eingeräumt, dass ihn der Kurssturz persönlich trifft. Das dürfte noch eine Untertreibung sein: Tatsächlich hat der Börsen-Novize den Crash durch sein desaströses Auftreten rund um den IPO selbst befeuert. Rutscht der Aktienkurs weiter, dürften die ersten Diskussionen beginnen, wie gut der Studienabbrecher den CEO-Sessel noch ausfüllt.

Die Sommerpause geht zu Ende. Ob das in Menlo Park eine gute Nachricht ist, bleibt abzuwarten. Fest steht: Es war ein grausamer Sommer für Facebook. In den ersten Monaten an der Börse wurde die Aktie des weltgrößten Social Networks förmlich auf die Schlachtbank geführt

Zu 38 Dollar am 18. Mai an der Nasdaq debütiert, ist das Papier rund vier Monate später nicht mal mehr die Hälfte wert. Seit den enttäuschenden Quartalszahlen Ende Juli und dem Ende der Haltefrist für Investoren und Mitarbeiter der ersten Stunde, taumelt die Aktie wie ein angeschlagener Boxer von Allzeittief zu Allzeittief. Am Freitag stürzte das Papier um weitere fünfeinhalb Prozent auf nur noch 18 Dollar. Gestern konnte nicht mal die 18-Dollar-Marke gehalten, Facebook stürzte  gegen den Markttrend bei 17,55 Dollar auf neue Allzeittiefs. 54 Prozent Anlegerkapital oder 55 Milliarden Dollar Börsenwert – in viereinhalb Monaten einfach weg. 
Zuckerberg gesteht: Börsen-Fiasko "äußerst schmerzhaft"
Dass es mit der Kurshalbierung noch nicht getan sein muss, legt eine einfache Anwendung der Grundrechenarten nahe. Noch immer ist Facebook mit einem erwarteten KGV jenseits der 40 ambitioniert bewertet. Und der Verkaufsdruck wird zu den kommenden Sperrfristen weiter zunehmen: Schon im Oktober endet die nächste Haltefrist – im November wird mit 1,27 Milliarden Aktien gar das halbe Unternehmen an die Börse geschwemmt.  
Keine besonders guten Aussichten für Kurssteigerungen, wie auch Business Insider-Gründer Henry Blodget unlängst feststellte: "Liebe Facebook-Mitarbeiter, ich wünschte, ich hätte bessere Nachrichten für Sie – aber Ihre Aktie ist immer noch teuer", rechnete der frühere Merrill Lynch-Staranalyst vor. Das flaue Gefühl in der Magengegend, das Mark Zuckerberg vorige Woche selbst einräumte ("Der Kurseinbruch es ist schmerzhaft"), dürfte das Social Network und seine rund 5000 Mitarbeiter wohl noch eine Weile begleiten.
Dabei hätte sich Zuckerberg die Bauchscherzen schlicht sparen können. Er selbst – und niemand anders – ist am Ende für das Börsendesaster, das das Vorzeige-Unternehmen in eine tiefere Krise stürzen könnte, verantwortlich.  

Demonstrative Missachtung der Wall Street auf der Roadshow

Über Jahre wehrte sich der Nerd erfolgreich gegen die lästigen Fußangeln der Kapitalmärkte: Quartalsbilanzen vorlegen, Analysten Rede und Antwort stehen, Aktionäre befriedigen – nichts für den  Harvardabbrecher, der als 19-Jähriger mit einiger Chuzpe die Idee seiner Kommilitonen zu seiner eigenen machte und zwei Jahre später der ersten Milliarden-Offerte durch Yahoo widerstand.

So viel Zuckerberg in den ersten Jahren der Facebook-Gründung gelang, so viel verspielte er in den nur wenigen Monaten vor und beim IPO. Dass sich der 28-jährige Zahnarztsohn für etwas Besseres als die gelackten Anzugträger der Wall Street hielt, war in den wenigen Wochen vor dem Börsengang in eklatanter Art und Weise zu beobachten: Wenn überhaupt, dann kreuzte Zuckerberg mal im charakteristischen Hoodie in der Roadshow vor den Elitebankern auf – und ließ doch vor allem COO Sheryl Sandberg die Facebook-Story erzählen und seinen CFO David Ebersmann über das Geschäftliche referieren, der nun im Nachhinein jede Menge Schelte bezieht, wie gestern von Andrew Sorkin in der New York Times.  

Wie wenig Zuckerberg die New Yorker Börse tatsächlich interessierte, zeigten die Tage vor und um den vermeintlichen IPO des Jahrhunderts: In der Nacht vor dem Börsengang veranstaltete Facebook einen Hackathon, in dem die Nacht durchprogrammiert wurde. Und statt, wie es sich gehört, die einmalige Ehre anzunehmen, am Tag des IPOs die Börsenglocke in New York zu läuten, beorderte Zuckerberg die Mannschaft um Nasdaq-Chef Bob Greifeld nach Menlo Park, wo der 56-jährige Nasdaq-CEO im Facebook-T-Shirt wie eine greise Erscheinung zwischen den hippen Internetstars beim Handelsstart auffiel.
Nach dem IPO in die Flitterwochen

Dass der IPO dann gar nicht so lief wie erwartet und nur mit Millionenunterstützung der konsortialführenden Banken um Morgan Stanley gerade mal so den Ausgabekurs für viereinhalb Stunden hielt – egal. Am nächsten Tag heiratete Zuckerberg und verabschiedete sich in mehrwöchige  Flitterwochen, während die Facebook-Aktie in den Tagen darauf brannte wie Pellets im Hochofen. Doch alles, was man von Zuckerberg in den Folgewochen erfuhr, waren die Randnotizen seines Rom-Besuchs – und das fehlende Trinkgeld im Restaurant. 

Als der 28-Jährige schließlich wieder auf seinem CEO-Sessel im heimischen Palo Alto Platz nahm, hatten sich mehr als 25 Milliarden Dollar Börsenwert bereits in Luft aufgelöst. Sein Auftritt vor Investoren bei dem ersten Conference Call der Geschichte führte auch nicht zu neuem Vertrauen. Im Gegenteil: Die Quartalsergebnisse gerieten zum Desaster – die Aktie verlor zweistellig, ehe das erste Ende der Haltefristen die nächste Verkaufswelle lostrat.

Zuckerberg hat sich verzockt

Viereinhalb Monate nach dem IPO ist die Facebook- Aktie ein Trümmerpapier, das das Unternehmen, aber auch seinen Gründer  schwer beschädigt hat. "Mark Zuckerberg, Sie sind kein Steve Jobs", griff der renommierte Publizist Jon Friedmann das einstige Wunderkind bei Marketwatch ungewohnt frontal an.

Keine Frage: Die Einschläge kommen näher. Vor allem, da das Fiasko vermeidbar gewesen wäre. Zuckerberg hat sich mit jahrelangem Hinauszögern des IPOs schlicht verzockt. Er brachte im Jahr 2012, mehr als acht Jahre nach der Gründung, mit einem Börsenwert von 104 Milliarden Dollar einen Internet-Koloss an die Börse, der seine besten Wachstumsraten längst hinter sich hatte. Das jedoch – und nichts anderes – ist aber die einzige Währung, die an der Wall Street zählt. Schwaches Wachstum, schwache Kurse: Das sind die Ergebnisse der ersten vier Monate. 

Facebook musste nicht an die Börse
Dabei hätte sich Zuckerberg den Ärger ersparen können. Facebook musste ja nie an die Börse, wie Alpha-Journalist Adam Lashinsky ("Inside Apple") noch einmal herausgearbeitet hat.  Der Goldman-Deal im Januar 2011, mit dem sich die führende Investmentbank der Wall Street längst königlich blamiert hat, zwang Facebook nach einem Überschreiten der 500-Investoren-Grenze lediglich zur Offenlegung der Bilanz binnen 12 Monaten – nicht aber zum tatsächlichen Going Public.
Tatsächlich hätte Facebook besser daran getan, das Börsenlisting nach dem Schlingerkurs im Frühjahr abzublasen. Das Social Network hatte bereits im ersten Quartal überraschend enttäuscht und lag plötzlich weit unter den Erwartungen der Wall Street. In einer spektakulären Einflüsterungsaktion am Rande der Legalität steckte Facebook-CFO den führenden Wall Street-Analysten die bittere Kunde. Die konsortialführenden Banken reagierten mit ihrer halbheimlichen Downgrade-Arie wenige Tage vor dem IPO, die nach dem Bekanntwerden für so viel Negativpublicity sorgte. 

Heißer Herbst für Facebook: Bewertung zu hoch, Wachstum zu langsam

Investoren und sich selbst hätte Zuckerberg einen größeren Gefallen getan, wenn er den Mega-IPO im Mai verschoben oder abgesagt hätte – doch die Maschinerie war schließlich ins Rollen gekommen. Die Verlockungen eines Emissionsvolumens von 16 Milliarden Dollar war zu groß – die Gier siegte in grenzenloser Weise mit einem Ausgabekurs bei 38 Dollar, der Facebook mit einem Mond-KGV jenseits der 100 bewertete.   

Der Rest ist die Faszination des größten Debakels seit dem Dotcom-Crash: Facebook ist auf Gedeih und Verderb zum Wachstum verdammt, wird indes selbst vom sechs Jahre älteren Rivalen Google abgehängt

Die Aktie ist noch viel zu teuer, die Haltefristen werden für weiteren Druck sorgen, die Mitarbeiter dürften unruhig mit den Füßen scharen, der Traum vom schnellen Reichtum ist ein für alle Mal ausgeträumt. In dieser – für Facebook bisher kritischsten Phase – wäre ein CEO mit Nehmerqualitäten gefragt, der im Sturm steht und den Druck aushält. 

Symbolisches Treuebekenntis: Zuckerberg will ein Jahr keine Aktien verkaufen

Von Mark Zuckerberg hat man diesen Eindruck bisher nicht. Mehr als der symbolische Akt, für ein Jahr keine Aktien verkaufen zu wollen, war bisher nicht zu hören.  Vielleicht ist das auch einfach zu viel verlangt. Mit seinen 28 Jahren hat er enorm viel erreicht – und zwar  so viel, dass ihm Hollywood bereits ein Denkmal setzte.

Die Frage, ob er aber auch der richtige CEO für ein Börsenschwergewicht mit knapp 50 Milliarden Dollar Marktwert ist, dürfte nun offen geführt werden, auch wenn sich Zuckerberg durch die Mehrheitsverhältnisse bei den 57 Prozent der stimmberechtigten Aktien alle Macht gesichert hat.

Gigaom hat die CEO-Diskussion angestoßen, während das Wall Street Journal und Marketwatch unlängst glasklar analysiert haben, warum Facebooks Abstieg noch nicht zu Ende ist. Wenn selbst der Konsortialführer Morgan Stanley wie gestern erheblich das Kursziel senkt, ist klar, dass die Dinge bei Facebook deutlich anders laufen als noch vor Monaten erwartet. 

James Cramer verhöhnt Facebook: "Bricht der Z-Man in Lachkrämpfe aus?"

Der Einwand von Henry Blodget, Investoren hätten auf Turbulenzen vorbereitet sein müssen, Zuckerbergs Offenen Brief im Börsenprospekt nur nicht gelesen, wird an der auf schnellen Profit getrimmten Wall Street auf wenig Gehör stoßen. James Cramer, der vermutlich renommierteste Marktkommentator der New Yorker Finanzszene, hat unterdessen nur noch Spott für Zuckerberg über, den er in endlosen Tweets verächtlich den "Z-Man" nennt: "Hier das Pro-Argument für Facebook: Eine Menge Leute haben eine Menge Geld verdient – Banker, Angestellte, Investoren und Bosse. Nur SIE haben verloren", erinnert Cramer Aktionäre

"Die Frage lautet", zieht Cramer weiter vom Leder: "Lacht Facebook über uns? Denkt sich Peter Thiel: ‚Was für ein Haufen Dummköpfe‘? Und der Z-Man: Bricht er in Lachkrämpfe aus?" So klingt die bittere Ironie der Wall Street, viereinhalb nach dem vermeintlichen ‚IPO des Jahrhunderts‘. Aufstieg und Fall von Mark Zuckerberg – rekordverdächtig ist beides. 

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