„Tatort“: das Rudel der kaputten Krieger

Fernsehen Bodypacker und "Ballerärsche" - zwei neue Vokabeln, die der "Tatort" am Sonntag vorgab. Das Generalthema war Afghanistan und jede Menge Sozialgedöns. Dabei war die Episode "Fette Hunde" der Kölner Ermittler Ballauf und Schenk nicht einmal schlecht. Sie machte aber auch deutlich, dass 90 Minuten beim "Tatort" offenbar nicht mehr dazu taugen, eine stimmige Geschichte zu erzählen. Am Ende wissen wir, dass jeder irgendwie jeden kennt, aber vor allem fast jeder auch Opfer ist.

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Da sind zum einen die kaputten Krieger, die aus dem – je nach Anschauung – befreiten oder besetzten Afghanistan zurückkehren, eine Heimkehrer-Horde in Camouflage, die es zu Hause mal besser, mal schlechter antrifft. "Fünf Mann in sieben Monaten" haben sie verloren und zugleich Selbstwertgefühl und Bindung an Heimat und Familie. Parallel wird die Geschichte eines afghanischen Geschwisterpaares ausgerollt, das sich als Drogenkurier verdingt hat. Beide sind sogenannte Bodypacker, die Morphine im Wert von einer halben Million Euro in Kondomen verpackt geschluckt haben und nun mit der lebensgefährlichen Fracht im Bauch in Deutschland unterwegs sind. Am Ende kreuzen sich beide Handlungsstränge, und dabei wird klar, dass in Afghanistan nicht nur Menschen, sondern auch moralische Prinzipien draufgegangen sind. Nichts davon kann ungeschehen gemacht werden, weshalb für Soldaten wie die Geflüchtete zuletzt nur eine Möglichkeit bleibt: zurück in den Irrsinn, vorwärts, Marsch.
Die Geschichte vom "posttraumatischen Belastungssyndrom", einer inzwischen offiziell anerkannten Krankheitsfolge des Truppeneinsatzes am Hindukusch, ist in den vergangenen Jahren in den Medien oft berichtet worden und liefert nun die Vorlage für den Kölner "Tatort". Ballauf und Schenk sind dabei Gast der rauschenden Party, mit der die Wiedervereinigung der Familie Brandt gefeiert werden soll. Doch schon vor dem Start absentiert sich der Sohn ("Wer schießt, hat unrecht"), dem der Beruf des Vaters und "die ganzen Ballerärsche" zuwider sind. Aber er hat nichts dagegen, von Flüchtlingen eingeschmuggelte Drogen illegal zu kaufen, um mit seiner Freundin einen drauf zu machen.
Mutter Lissy, von Anna Loos gespielt und zufällig Ex-Kollegin von Ballauf und Schenk, versucht verzweifelt, die Familie zusammenzuhalten, doch auch ihr Mann Sebastian (Roeland Wisnekker) ist auf der eigenen Willkommensfeier nur Zaungast. "Glaubst Du, ich habe Bock auf Bundeswehrparka und Beziehung über Satellitentelefon?" herrscht sie ihren Sohn an. Die Armee und ihr Auftrag zerstört Leben und Zusammenhalt der Brandts, und als Lissy im Parka ihres Mannes auch noch den Beweis findet, dass der in Afghanistan fremdgegangen ist, verliert selbst sie die Hoffnung.
Derweil bemühen sich die Kommissare, anfangs mächtig verkatert, die Ermordung des jungen Drogenkuriers Milad aufzuklären und seine vom Tod bedrohte Schwester aufzuspüren. Die junge Frau Amina ist ausgerechnet die Dolmetscherin, mit Sebastian seine Ehefrau betrogen hat: Die Welt in diesem "Tatort" ist etwas arg klein. Hat der in Afghanistan so verliebt wirkende Bundeswehrmann wenigstens deren Handynummer mitgebracht? "Nein, natürlich nicht." Am Ende schließt sich der Kreis, ausgerechnet die Truppe, die den Afghanen beistehen soll, liefert auch den Mörder, der sich irgendwann moralisch abgekoppelt hat und nun sein Ding macht. 
Der Plot ist nicht besonders raffiniert oder spannend, die Inszenierung lebt von Bildern und Zwischenschnitten, die eindrücklich klar machen, wie Menschen systematisch zermürbt werden und der Welt, die sie nicht mehr begreifen, nichts entgegenzusetzen haben als die Aufgabe ihres Selbst – stumm beobachtet von den Hunden, die im Film immer wieder zu sehen sind und die die Bilder liefern, die dem Heimkehrer Sebastian Brandt nicht mehr aus dem Kopf gehen: Hunde mit blutigen Schnauzen, die sich an den Leichen im afghanischen Sand zu schaffen machen. Beim Finale knallt der Soldat sein eigenes Haustier ab, symbolisch dafür, dass im Auslandseinsatz die Grenzen zwischen Gut und Böse vollends verwischt sind und selbst der Kamerad zum Todfeind werden kann.
"Fette Hunde" ist ein Krimi, der ohne Hoffnung auf Besserung auskommen muss und eine Gruppe von Männern zeigt, die für die Gesellschaft, Beziehungen und Familien verloren sind. Und so meint Brandts Kampfgefährte Matthias (Wanja Mues), der in Afghanistan bereits einen Arm verlor, er sei "keiner für die Schreibstube". Und sagt dann den deprimierenden Satz, der alles auf den Punkt bringt: "Spätestens Heiligabend bin ich wieder da unten."

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